02.01.2004 — Nein, populär geworden ist der Tscheche Bohuslav Martinu (1890–1959) auch vier Jahrzehnte nach seinem Tod nicht. Das mag einerseits dem Musikleben anzulasten sein, dessen Protagonisten dem Publikum lieber Bekanntes auftischen als Ungewohntes vorsetzen, es liegt andrerseits aber auch an Charakteristiken von Martinus Partituren und, nicht zuletzt, an unserer Hör-Erwartung.
Wer erhofft, mit den Mitteln des klassischen Formenkanons, der Dialektik des Sonatenschemas Martinus Musik erschliessen zu können, sieht sich getäuscht. Die Eigenwilligkeit, mit der bereits der Student auf sich aufmerksam machte (der 20-Jährige wurde wegen «unverbesserlicher Nachlässigkeit» aus dem Prager Konservatorium relegiert), hat auch Martinus über 280 Kompositionen umfassendes Œuvre in seiner Eigenständigkeit geprägt.
Zwischen 1923 und 1940 lebte Martinu vorwiegend in Paris, wo er, bekannt mit Strawinsky und der Groupe des Six, in vielen Stilen experimentierte. 1941 floh er in die USA, lehrte dort an Universitäten. Nach Europa kehrte er 1953 zurück; die letzten Jahre verbrachte er, unterstützt durch Paul Sacher, in Basel.
Als Sinfoniker war Martinu, der bereits ein vielfältiges Schaffen vorzuweisen hatte, ein Spätling: Erst im Alter von 52 Jahren komponierte er seine 1. Sinfonie (seine längste und wie die 2. und 4. viersätzig; die anderen sind dreisätzig). Im Jahresrhythmus folgten vier weitere Sinfonien (1943 bis 1946). Ein schwerer Sturz aus der zweiten Etage zeitigte schlimme Folgen – Schwerhörigkeit und Gedächtnisschwäche –, doch nach langer Rekonvaleszenz verfügte Martinu wieder über ungeschmälerte Schaffenskraft, die sich unter anderem im 3. Klavierkonzert, dem 6. und 7. Streichquartett und der 6. Sinfonie (1951–1953) niederschlug.
Letztere, die einzige der sechs übrigens, die ohne Klavier auskommt, trägt den Titel «Fantaisies symphoniques», eine Bezeichnung, die als Schlüssel zum Verständnis aller Sinfonien Martinus dienen kann. Fantasie meint auch Freiheit im Umgang mit den kompositorischen Elementen, mit Motivik, Form, Klang, Melodie, Rhythmus, Tonart, Instrumentation. Martinu, inspiriert durch die Folklore seiner Heimat (am auffallendsten in der pastoralen 2. Sinfonie) und von Debussys Überzeugung, jedes Werk schaffe sich seine eigenen Gesetze, entwickelt die Sätze nicht aus prägnanten melodischen oder rhythmischen Motiven, sondern aus Zellkernen, aus denen sich, oft zögerlich, diffus pulsierend oder murmelnd, einzelne Verläufe ausbreiten, allmählich sich verfestigen, sich formieren und transformieren, nicht immer eindeutig, mehrdimensional und mehrschichtig in rhythmischen und melodischen Variationen. Quasi organisch wächst die Substanz, das Spiel von Formung und Umformung. Meist wird es, brillant instrumentiert, vorangetrieben in erheblicher Innenspannung, die sich zuweilen entlädt in ekstatischen Ausbrüchen oder choralartigen Überhöhungen.
Die Komplexität und Originalität von Martinus sinfonischer Sprache erfordert ein «defensives» Hören, das nicht an der Folge einzelner Wegmarken orientiert ist, sondern sich mittragen lässt vom Strom der Entwicklung, der Ostinato-Bänder, der Klangfarben. Auch nach mehrmaligem Hören überraschen diese Werke immer wieder mit neuen Aspekten.
Es ist zu begrüssen, dass die vielgerühmte Einspielung von Martinus sechs Sinfonien durch die Bamberger Symphoniker unter dem estnischen Dirigenten Neeme Järvi aus den Jahren 1987 und 1988 nun in einem CD-Album greifbar ist. (ws)
Bohuslav Martinu: The Symphonies. Bamberg Symphony Orchestra. Leitung: Neeme Järvi. (BIS CD 1371/1372; 3 CDs zum Preis von 2; 182’)