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Messiaens «Éclairs sur l’Au-delà …»

08.01.2005 — Er war der kenntnisreichste Ornithologe unter den Komponisten des 20. Jahrhunderts (tausende von Vogelgesängen hat er notiert), ausserdem blieb er mittelalterlicher katholischer Mystik zeitlebens zutiefst verbunden: Die Vögel des Himmels – auch Naturerscheinungen wie Gestirne, Regenbogen, Mineralien – und die Visionen des christlichen Glaubens haben in praktisch allen Werken Olivier Messiaens (1908–1992) Spuren hinterlassen; für viele wurden sie inhalts- und gestaltbestimmend.

Er verwandelte wie in einem Schmelztiegel gregorianische Neumen, altgriechische Metrik und Modi, indische Rhythmen, Zwölftonreihen und Vogelstimmen aus aller Welt zu Elementen seiner Kompositionen, für die er, unabhängig von Kollegen oder aktuellen Stilen, persönliche Verfahren und Formen, modale Strukturen und individuelle Klangcharaktere entwickelte (z. B. Klavieretüde «Mode de valeurs et d’intensité», 1949, ein für Komponisten wie Boulez, Xenakis und Stockhausen richtungweisendes Modell serieller Disposition des Materials).

Als Schüler von Marcel Dupré und jahrzehntelang amtierender Organist an der Kirche Sainte Trinité in Paris war Messiaen der Orgel in ihrer sakralen Funktion eng verbunden; für sie – ebenfalls für Klavier bzw. zwei Klaviere (seine zweite Frau war die Pianistin Yvonne Loriod) – schuf er eine Reihe innovativer Zyklen aus mystischem Gedankengut und mit entsprechend klangvollen Titeln. Nur folgerichtig mutet es an, dass sich Messiaen auch dem Oratorium («Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ», 1969) und dem religiösen Musiktheater («Saint François d’Assise», 1983) zugewandt hat.

Verständlich, dass Messiaen geistliche und weltliche Werke nicht in stilistisch unterschiedlichen Räumen ansiedelte. Als einen Gesang der Liebe, der sinnlichen wie der himmlischen, wollte Messiaen sein erstes Orchesterwerk verstanden wissen, die zehnsätzige monumentale «Turangalîla-Symphonie» (1948); ihre Uraufführung in Boston 1949 unter Leonard Bernstein machte den Komponisten international bekannt. Weniger oft in den Konzertsaal kommt ein weiteres Werk für Orchester, «Des canyons aux étoiles» (1974), uraufgeführt in New York.

Ein halbes Jahr nach Olivier Messiaens Tod erklang 1992 erstmals die letzte grosse Komposition des den USA seit den Nachkriegsjahren verbundenen Franzosen, das Orchesterwerk «Éclairs sur l’Au-delà …» (1987–1991) – sinngemäss etwa: Geistesblitze, Erleuchtungen, Erhellungen über das Jenseits –, eine Auftragsarbeit des New York Philharmonic Orchestra aus Anlass seines 150-jährigen Bestehens.

Die Überschriften der zehn Sätze des Werks – Arbeitstitel: «Paradis» – beziehen sich auf biblische Themen, auf die Apokalypse, auf die Verheissung der Erlösung durch Christus. Jeder Satz besitzt durch die individuelle Instrumentation und die kompositorischen Charakteristika seine eigene Atmosphäre; vier Sätze sind geprägt durch Vogelgesang – im vorletzten Teil wetteifern 25 Vogelstimmen mit- und gegeneinander: die am opulentesten bestückte Volière in Messiaens gesamtem Œuvre.

Die Einspielung durch die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle besticht durch opulenten Klangsinn, klare Gliederung und kantigen Zugriff, doch blendet die handfest direkte Interpretation alles Zwielichtige, Diffuse, differenziert Beleuchtete aus, vermag jedenfalls die meditative Versenkung und das Element des Transzendenten nicht in wünschbarer Intensität und Konsequenz erlebbar zu machen. Allerdings bleibt nicht verborgen, dass die Orchesterpartitur insgesamt stärker auf Breitenwirkung und körperhaften Effekt zielt als die kompromisslosen, kühnen Orgel- und Klavierwerke. (ws)

Olivier Messiaen: Eclairs sur l’Au-delà … Berliner Philharmoniker. Leitung: Sir Simon Rattle. (EMI Classics 5 57788 2; 60’)

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