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Migros Classics: Wiener Symphoniker in Bern

28.10.2009 — Für ihre Rundreise durch die Schweizer Städte Bern, Genf, Zürich und Luzern haben die Wiener Symphoniker ein Programm mitgebracht, das sie kurz zuvor in Wien bereits anlässlich des österreichischen Nationalfeiertages zu Gehör gebracht haben. Unter der Leitung des Chefdirigenten Fabio Luisi gibt es da Begegnungen mit Beethovens dritter Leonoren-Ouvertüre, Mendelssohns zweitem Klavierkonzert – mit der Schweizer Nachwuchshoffnung Louis Schwizgebel-Wang am Flügel – und Schumanns vierter Sinfonie.

Der österreichische Nationalfeiertag wird seit 1965 am 25. Oktober begangen; er ist also ein Kind einer bürgerlich-solide geprägten Nachkriegsepoche, in der die Programmfolge aus Ouvertüre, Konzert und Sinfonie so etwas wie ein scheinbar unverrückbares ästhetisches Glaubensbekenntnis darstellte und die historische Bandbreite von Beethoven bis Schumann den Weihehof des Schönen, Wahren und Guten absteckte.

Heute, da die Zeiten längst passé sind, in denen man sich von solchen Ritualen auch wieder hat freistrampeln müssen, kann ein derartiges Programm schon fast als Rekonstruktion einer Epoche erlebt werden. Da lässt sich erahnen, dass die zu dieser Zeit historisch gewachsene Dramaturgie des Abonnementskonzertes nicht von ungefähr so erfolgreich war: Balance und Spannungsbogen ergeben da einfach ein stimmiges Gesamterlebnis.

In Wien allerdings hat das Orchester mit dem Programm-Triptychon ein klein wenig, aber durchaus keck gespielt. Die Leonoren-Ouvertüre, die – einem Nationalfeiertag durchaus angemessen – das Hohelied der Ehe als Schicksalsgemeinschaft singt, erklang zum Schluss, als offene Frage sozusagen, welche traditionellen Werte sich eine Nation heute noch aufs Banner sticken soll.

Mag sein, dass dies dem Orchester bei seinem Auftritt in Bern zum Auftakt des Abstechers zu den Eidgenossen einen Streich gespielt hat. Im erfreulicherweise vollbesetzten fremden Saal des Berner Kultur-Casinos mit der veränderten Werkabfolge zu gastieren (die Ouvertüre wie’s sich gehört zum Beginn), erwies sich als durchaus heikle Mission. Im langsamen Dreitakt-Adagio mit seinen subtilen Pianissimi des beethovenschen Tongemäldes fanden Streicher und Bläser nicht sofort zur stimmigen Koordination, und auch die legendären Wiener Hörner schienen sich zunächst mit den Saalverhältnissen zurechtfinden zu müssen, bevor sie mit sicherer Intonation den typisch seidigen Glanz der Donaumetropole in die Zähringerstadt zu zaubern vermochten.

Bei aller zelebrierter Konventionalität der Werkfolge wirkte es allerdings schon fast dissident, in einer Zeit für das eher vernachlässigte zweite Klavierkonzert Mendelssohns die Lanze zu brechen, in der mit einem rekonstruierten dritten die Konzertsäle erobert werden wollen. Das d-Moll-Konzert op. 40 gilt allgemeinhin nicht als grosser Wurf, gibt dem Solisten aber die Möglichkeit zur virtuosen Schau. Dem erst 22-jährigen Migros-Kulturprozent-Solisten Schwizgebel-Wang bot sich so die Gelegenheit zu zeigen, dass ihm technische Schwierigkeiten weitgehend fremd sind.

Seine Interpretation wirkte allerdings (noch) eher pauschal und wenig konturiert, die differenzierten dynamischen Anweisungen des Klavierparts haben in sein Spiel kaum Eingang gefunden. Möglich, dass die Koordination mit dem Orchester (Luisi dirigerte das Konzert als einziges der drei Werke offensichtlich nicht auswendig) unter den ungewohnten Verhältnissen etwas befangen machten. Für den nichtsdestotrotz heftigen Applaus bedankte sich Schwizgebel-Wang mit Moritz Moszkowskis Étincelles (Op. 36, Nr. 6) als witzig-charmante Zugabe.

Nach der Pause schien das Orchester wie von Fesseln befreit. Die Wiedergabe der Schumann-Sinfonie war erfüllt von Innenspannungen voller Überraschungen, klanglichem Nuancenreichtum und pointiertem Spielwitz. Orchestraler Glanz stach dabei kammermusikalische Transparenz aus, so dass sich etwa das Violinsolo der Romanze eher beiläufig ins Gesamtbild einfügte, dafür Koppelungen wie das den zweiten Satz einleitende Espressivo von Celli und Solo-Oboe sich zu den subtilen Kolorierungen zusammenfügten, die den Wiener Klangkörper so einzigartig machen.

In der effektvollen Steigerung des vierten Satzes von lebhaft, schneller bis zum Presto brach sich die Lust am Musikantischen schliesslich vollends Bahn. Für den nun enthusiastischen Applaus bedankte sich das Orchester mit Johann Strauss’ Pizzicato Polka, eine kluge Wahl – die klangliche Reduktion und der lakonische Humor des Aperçus rührte nicht ans innere Bild, das die Farbigkeit des grossen sinfonischen Werkes in den Zuhörern hinterlassen haben dürfte. (wb)

Migros Classics: Wiener Symphoniker, Fabio Luisi (Leitung), Louis Schwizgebel-Wang (Klavier), Werke von Beethoven, Mendelssohn und Schumann. Bericht vom Konzert im Berner Kultur-Casino (27. Oktober 2009). Weitere Konzertdaten: Victoria Hall Genf (28.10.2009), Tonhalle Zürich (29.10.2009), KKL Luzern (30.10.2009).
Mehr Infos: www.migros-kulturprozent-classics.ch

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