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Montaigne: Fundgrube für Neugierige

21.01.2004 — Mit dem Ziel, bedeutende Konzerte, die im Théâtre des Champs-Elysées in Paris stattgefunden haben, auf Tonträger zu verbreiten, wurde das Label Montaigne 1987 ins Leben gerufen. Bald aber spezialisierte sich Montaigne auf die Musik des 20. Jahrhunderts und führt heute im Katalog als Neu- bzw. Wiederveröffentlichungen klingende Namen – darunter Schönberg, Webern und Berg, Cage, Kagel, Britten, Messiaen, Boulez, Nono, Scelsi, Xenakis, Feldman, Ferneyhough, Lachenmann – und Interpretationen in herausragender Qualität.

Vier aus dieser Serie der grafisch einheitlich gestalteten, farblich sich voneinander unterscheidenden Alben seien vorgestellt.

Bruno Maderna: «Satyricon»

Mit Luigi Dallapiccola und Luigi Nono gehört Bruno Maderna (Venedig, 1920–Darmstadt, 1973) zu den innovativsten italienischen Avantgardisten nach dem Zweiten Weltkrieg. Dodekaphonie und serielle Komposition handhabte er ohne die nördlich der Alpen gelehrte Rigorosität. Sein Interesse an elektronisch erzeugtem Klangmaterial führte ihn zusammen mit Luciano Berio zur Gründung des Studio di Fonologia in Mailand, dem ersten elektronischen Studio in Europa (1955).

Dass Bruno Maderna, Komponist, Dirigent und Dozent, die kompositorischen Errungenschaften seiner Zeit nicht ausspielte gegen die Traditionen der abendländischen Musik, sondern in manchen seiner Werke Alt und Neu in Dialog treten liess, beweist seine 1973 am Holland-Festival in Scheveningen uraufgeführte Oper «Satyricon». Maderna selbst hat das polyglotte Libretto (Lateinisch, Italienisch, Französisch, Englisch, Deutsch) auf Szenen aus Gaius Petronius (gest. 66 v. Chr.) zusammengestellt.

Mit dieser Opera buffa leistete sich Maderna einen witzigen, von Anspielungen und Zitaten durchtränkten Heidenspass, Parodie und Pasticcio in einem, ein grotesk-bizarres Stimmen- und Geräusch-Theater, mal rezitiert, mal parlando, hier händelsch, dort webernsch, mit trockener Fuge und süffigem Musical-Sound. Ein auf fünfzig Minuten komprimierter Überblick über drei Jahrhunderte Musiktheater – ein eitel Hörvergnügen.

Luigi Nono: Streichquartett

Eine völlig andere Klang- und Erfahrungswelt ergründet Luigi Nono (Venedig, 1924 – ebd., 1990) in seinem Streichquartett «Fragmente – Stille. An Diotima» (1979/80). Es ging ihm, dem gesellschaftlich und politisch Engagierten, darum, «neue Möglichkeiten der Erkenntnis und des Schöpferischen zu entdecken». Mit einem Rückgriff auf die klassische Streichquartett-Besetzung verband Nono allerdings keinen Rückzug in traditionalistische Bereiche. Denn nicht um bewährte stringente, zyklische Abläufe thematischer Gedanken, um These, Antithese und Synthese ging es ihm, sondern erkunden wollte er mittels ungewohnter Techniken «unerhörte» Möglichkeiten des Klangs und des Zusammenklangs der vier Streichinstrumente und – worauf der erste Teil des Titels hinweist – ein ganz eigenes Vokabular von Gebärden und Bewegungen, das nicht auf Harmonie, Versicherung, Rundung angelegt ist, wie es auch die auf Friedrich Hölderlin bezogene Konkretisierung im Titel einschliesst: «An Diotima» (im Inhaltsverzeichnis des Booklets vom Setzer «an idiotma» genannt).

Das Arditti-Quartett verleiht dieser zerbrechlichen, gläsernen, flirrenden Musik der Andeutungen und der Zurücknahme, der ätherischen Klanginseln und der starrenden Klüfte und der immer wieder hereinbrechenden Stille höchste Intensität.

Verbunden mit Nonos Streichquartett ist seine letzte vollendete Komposition, «,Hay que caminar‘ sognando» (1989) für zwei Violinen. Das Klangmaterial basiert wie das Quartett auf der «Scala enigmatica», der 1888 von einer Mailänder Musikzeitschrift veröffentlichten Tonreihe (welche auch Verdi dem «Ave Maria» seiner «Quattro pezzi sacri» zu Grunde legte). Nono arbeitet in diesem Duo mit Mikrostrukturen und verwertet Erfahrungen mit elektronischer Musik.

Maurice Ohana: Chorwerke

Sein Interesse galt nicht nur der westeuropäischen Kunstmusik: Maurice Ohana (Casablanca, 1914–Paris, 1992), ausgebildet in Barcelona, Rom und Paris, setzte sich intensiv auseinander mit der Volksmusik Andalusiens und Griechenlands, mit afrikanischer, nordamerikanischer (Gospel, Blues) und afro-kubanischer Musik (Jahrzehnte vor der Kubawelle). Eingang gefunden haben Ergebnisse dieser Erkundung von Formen und Stilen und Instrumenten in seine aus vielen Quellen gespiesenen effektvollen Kompositionen.

Einen repräsentativen Einblick in das für Ohana wichtige Chorschaffen bietet das zwei CDs umfassende Album mit vier Werken. Ritual und Kult, Magisches und Okkultes – im weitesten Sinn verstanden – spielen bei Ohana eine so zentrale Rolle wie die menschliche Stimme. «Office des oracles» (1974) für vier Vokalistinnen, zwei Chöre und Instrumentalensemble, «Lys des madrigaux» (1976) für Frauenchor und Instrumentalensemble und «Avoaha» (1991) für Perkussionsinstrumente, zwei Klaviere und Chor verarbeiten Einflüsse aus traditionellen Musiken mit starker und sinnlich wirkender Akzentuierung von Rhythmen und Klangfarben. In der «Messe» (1977) für zwei Frauenstimmen, Chor und Instrumente integriert Ohana Traditionen der Ordinariumstexte-Vertonung von der Gregorianik bis in seine Zeit mit persönlichkeitsstarker Handschrift.

Tristan Murail: Orchesterwerke

Besonderes Interesse bekundet Tristan Murail, 1947 in Le Havre geboren, seit drei Jahrzehnten in Paris wirkend, am Entwickeln neuer Verbindungen zwischen Instrumenten und elektronischer Klangerzeugung. Typisch für sein mit starken Emotionen aufgeladenes Schaffen sind der breite irisierende Fluss des Klangs, ein wellenartiger Strom, mal transparent, mal opak, die reiche, oft mikrotonal organisierte Harmonik, der ununterbrochene Prozess von Werden und Transformieren: ein Fest fürs Ohr.

In der Orchesterkomposition «Gondwana» (1980), den versunkenen Urkontinent und die Hindu-Legende evozierend, werden Material und Klang, auch der elektronisch erzeugte, kontinuierlich umgeformt. Der Komposition von «Désintégrations» (1982/83) für 17 Instrumente und computergeneriertes Tonband voraus gingen Analysen diverser Instrumente durch einen Computer; das mit diesem Material produzierte Tonband simuliert nicht Instrumententypen, sondern davon abgeleitete Klänge.

Disparater, widersprüchlicher, radikaler wirkt das Orchesterwerk «Time and Again» (1986) durch die Abkehr vom organischen Klangstrom. Die Instrumente und der Synthesizer bilden eine Art Zeitmaschine, in der Rückblenden und Vorgriffe schroff und verstörend gegeneinander gesetzt werden.

Den Alben sind Booklets beigegeben, die – in Französisch und Englisch – kenntnisreich in das Schaffen und die aufgenommenen Werke einführen und Biografien der Interpreten sowie die vertonten Texte enthalten. (ws)

Bruno Maderna: «Satyricon». Oper in 1 Akt nach Petronius. Libretto: Bruno Maderna. Liliana Oliveri (Sopran), Milagro Vargas (Mezzosopran), Paul Sperry (Tenor), Aurio Tomicich (Bass). Divertimento Ensemble, Milano. Leitung: Sandro Gorli. (MO 782174; 51’)

Luigi Nono: «Fragmente – Stille. An Diotima». «,Hay que caminar‘ sognando». Arditti String Quartet. (MO 782172, 64’)

Maurice Ohana: «Office des oracles», «Messe», «Avoaha», «Lys des madrigaux». Chœur contemporain d’Aix-en-Provence, Ensemble vocal et instrumental Musicatreize. Leitung: Roland Hayrabedian. (MO 782171; 2 CDs; 121’)

Tristan Murail: «Gondwana», «Désintégrations». Orchestre National de France und Ensemble de l’Itinéraire. Leitung: Yves Prin. «Time and Again». Orchester der Beethovenhalle Bonn. Leitung: Karl-Anton Rickenbacher. (MO 782175; 56’)

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