13.04.2006 — Im Theater Basel diskutierten Kulturschaffende und Kulturförderer drei Tage lang über die gesellschaftliche Dimension des Musikmachens. Themenschwerpunkte bildeten neuere Erkenntnisse der Hirnforschung, staatliche und private Finanzierungsmodelle und die Globalisierung des Musiklebens. Eine Dokumentation einiger Veranstaltungen. Idee und Konzept des in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Fernsehen realisierten Diskurses stammten von Bettina Auer und Beate Breitenbach vom Basler Theater sowie vom Fernsehmacher Thomas Beck. Neben Vorträgen und Podiumsdiskussionen bot der Anlass auch Gelegenheit, zwei Filme zu begutachten, nämlich den erstmals gezeigten Dokumentarstreifen «Musik muss sein!» von Nico Gutmann, der pädagogische Initiativen in Sachen Musik in der Schweiz zum Thema hat, und «Knowledge Is The Beginning» (2005) von Paul Smaczny über das West-Östliche Diwanorchester des Dirigenten Daniel Barenboim. Eröffnet wurde der Anlass mit einem Grusswort des Basler Intendanten Michael Schindhelm, der einräumte, dass heutzutage angesichts der Subventionskürzungen die scheinbare Selbstverständlichkeit der Behauptung, dass Musik sein müsse, nicht mehr gegeben ist. So wies er auch darauf hin, dass in Deutschland nur noch ein Fünftel aller Grundschüler Musikunterricht erhalten, und nur die wenigsten davon etwas über Oper erfahren. Von Seiten des Schweizer Fernsehens begrüsste Kulturchef Adrian Marthaler das Publikum. Das Engagement des Schweizer Fernsehens für dieses Symposium bedeute, erklärte er, eine kultur- und gesellschaftspolitische Verpflichtung, die dem Service public, dem seine Institution verpflichtet sei, inhärent sein müsse. Hans-Günther Bastian: «Musikalität und Intelligenz» Der Frankfurter Musikpädagoge Bastian warnte eingangs seines Referates davor, die Musik als Allheilmittel gegen alles Böse zu sehr zu idealisieren. Man müsse sich bewusst bleiben, dass «die bösen Menschen ihre Lieder am lautesten sangen». Spätestens seit den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten mit ihren Lagerorchestern habe die Musik ihre Unschuld verloren. Bastian zitierte den Schweizer Philosophen Hans Saner, der meint, man müsse gegen alle Verklärungen der Kunst resistent werden. Musik könne auch verdummen und man könne mit ihr lügen. Zudem gelte das Sprichwort «Wenn die Musik erklingt, ist der Verstand in der Trompete». Bastian stellte die kognitionsspezifischen Teilergebnisse der Berliner Studie «Musikerziehung und ihre Wirkung» vor. Bereits bei den Sechs- bis Siebenjährigen liess sich dabei ein Zusammenhang zwischen Musikalität und Intelligenz feststellen. Mit einer gewissen Verzögerung, nämlich nach vier Jahren kommt es laut der Studie bei den musikalisch Geförderten gar zu einem erstaunlichen Zugewinn im IQ-Wert. Die Begründung für den Zusammenhang von Intelligenz und Musikalität kann man laut Bastian in theoretischen Ansätzen zur Transfererklärung finden. Musik ist Komposition, Zusammenhang, Syntax, Struktur und fordert sowohl die Sensibilisierung von ästhetischem Sinn als auch die Wahrnehmung heraus. Ein Instrument spielen ist denn auch eine der komplexesten menschlichen Tätigkeiten überhaupt. Ein in der Studie nachweisbarer Zusatzeffekt sei, erklärte Bastian, dass in Klassen mit musikalischer Förderung Ausgrenzung von Schülern viel weniger stattfinde als in der Kontrollgruppe und diese auch damit einen bedeutenden sozialen Effekt habe. Lutz Jäncke: «Musik und Gehirn» Auch der in Zürich tätige Neuropsychologe Lutz Jäncke, dessen Hauptinteresse der Plastizität des menschlichen Gehirns gilt, stellte in seinem Referat verschiedene aktuelle Forschungsarbeiten vor. Eine zentrale Erkenntnis brachte 1992 eine Arbeit, die zeigte, dass der Übeaufwand weit mehr als das Talent determiniert, wie gut ein Musiker wird. Neuere Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren zeigen überdies, dass alle Hirnstrukturen, die an der Kontrolle und an der Wahrnehmung von musikalischen Aspekten beteiligt sind, sich bei Musikern im Hinblick auf ihre Struktur dramatisch verändern. Auch diese anatomischen Veränderungen korrelieren mit dem Trainingsaufwand. Eine dänische Forschungsruppe hat überdies festgestellt, dass Hirngebiete, die mit Sprachproduktion, Phonemunterscheidung und mit der Entwicklung der Grammatik assoziiert sind, aktiviert werden, wenn Musikstücke nachgeklopft werden. Im EEG lässt sich laut Jäncke zeigen, dass der Laienhörer alle Regionen des Hirns aktiviert, wenn er Musik hört. Dies macht den Umgang mit Musik auch in bezug auf Demenzerkrankungen interessant. Alle Lehrbücher machten uns weis, meinte Jäncke, dass ab dem zwanzigsten Lebensjahr das Hirnvolumen zwangsläufig abnehme. Das seien aber falsche Behauptungen, die aufgrund methodischer Mängel entstanden seien. Moderne Studien zeigten ganz andere Entwicklungsprozesse. Es gebe keinen einheitlichen Abbauprozess. Diejenigen Strukturen die zuletzt reiften – Aufmerksamkeit, Konzentration, Selbstdisziplin, Motivation – seien die, welche als erste wieder degenerierten. Sie haben ihren Sitz im Frontalkortex und kommen erst im zwanzigsten Lebensjahr zur Blüte. Der Abbau dieser Funktionen, dies eine wichtige Einsicht, kann im Alter mit aktivem Musizieren in hohem Masse herausgezögert werden. Neuere Forschungsresultate zeigen überdies, dass Menschen mit musikalischem Training die emotionale Prosodie von Worten und die Intonationen der Sprache besser zu erkennen vermögen. Erklären kann man viele Sonderleistungen, die Musizierende erbringen, und ihre tendenziell erfolgreichere Lebensbewältigung möglicherweise damit, dass Kinder, die ein Instrument erlernen, eine höhere Motivationsstruktur, ein «höheres Ausmass an Hoffnung auf Erfolg» haben. Auf dem ganze Gebiet der Neuromusikologie ist eine hohe Dynamik festzustellen. Jäncke erinnerte sich, dass an diesen Themen vor fünfzehn Jahren vielleicht drei, vier Leute arbeiteten. An der Konferenz «Neurosciences and the Music» in Leipzig (siehe den Codex flores Kongressbericht) waren es bereits tausend. Viele haben also erkannt, dass Musik ein sehr interessantes Modell ist, um die Plastizität des Gehirns zu untersuchen. Dabei ist eher beiläufig die Einsicht gewachsen, dass Musik auch ein sehr interessantes Medium für pädagogische und therapeutische Zwecke sein kann.
Politik, Förderstellen und Kulturschaffende auf dem Podium Auf dem Podium im Anschluss an die zwei Vorträge diskutierten die Nationalrätin Christine Egerszegi als Präsidentin der parlamentarischen Gruppe Musik, Hector Herzig, der Präsident des Verbands Schweizer Musikschulen, der Basler Theaterpädagoge Martin Frank und die Referenten. Moderiert wurde das Gespräch vom Journalisten Roger Ehnert. Christine Egerszegi zeigte sich angesichts der vorgestellten Resultate befriedigt darüber, dass Musik nicht mehr nur als Spielerei wahrgenommen wird, sondern mit andern Fähigkeiten gleichzusetzen ist. Martin Frank räumte allerdings ein, dass die Bildung der Jugend, speziell in Sachen klassischer Musik, deutlich an Boden verliert. Die Jugend, so Frank, habe ein «postpädagogisches Verhältnis» zur klassischen Musik. Für sie diene Musik der Attraktivitätssteigerung und Kommunikation im erotischen Bereich. Dieses Bedürfnis, Neuland zu erobern, mache es sehr schwierig, die völlig erschlossene klassische Musik für die Jugendlichen attraktiv zu gestalten. Herzig regte eine Initiative an, welche die Notwendigkeit der Musik in der Schule verbindlich verankert. Im internationalen Vergleich seien die Schweizer Musikschulen zwar ein Vorzeigeobjekt und Baselland sei der Vorzeigekanton in der Schweiz. Der freiwillige Musikunterricht sei aber teuer geworden und die allgemeine musikalische Grundversorgung damit nicht mehr gewährleistet. Egerszegi erinnerte daran, dass über die Grundschule hinaus bloss noch Gymnasiasten die Möglichkeit haben, subventionierten Musikunterricht zu geniessen. Für die, welche eine Berufslehre machen, sei eine musikalische Ausbildung praktisch nicht mehr bezahlbar. Jäncke gab in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass Kinder nach neuesten pädagogischen Erkenntnissen in der Primarschule massiv unterfordert werden – in Sprachen, in Mathematik, in allen Bildungsfächern – und bereits da viel Potential verschenkt werde. Auch der Kindergarten sei eher so eine Art Verwahrstation. Robert Nef: «Unsere Kultur muss ökonomischer werden!» Die Veranstaltungen vom Samstag eröffnete Robert Nef, der Leiter des liberalen Institutes, der mit einem Artikel in der NZZ mit kritischen Überlegungen zur staatlichen Kulturförderung vor einigen Monaten für erheblichen Diskussionsstoff gesorgt hatte. Er warnte davor, die Kultur «kaputtzufördern». Zudem relativierte er den Titel seines Vortrages, indem er forderte, dass Kultur nicht ökonomischer werden müsse, sondern die Ökonomie kultivierter. Der für den besagten NZZ-Artikel gewählte Titel «Kultur ist Sache der Kultur» sei bewusst eine Provokation als Beweislastregel gewesen: Wer Kultur fördern wolle, habe den Beweis anzutreten, dass dies gut und richtig sei. Die These zielt laut Nef sowohl auf Schutz des Staates als auch auf denjenigen der Kultur. Nef erklärte, er mache sich Sorgen um eine Kultur, die immer mehr vom fiskalischen Zwang abhänge. Sollen wir denn alle von Kulturfunktionären zur Kultur gezwungen werden? fragte er in den Raum. Müssen Leute, die lieber Fussball schauen, in Zukunft ein Museum mitfinanzieren? Soll der Staat zur Institution verkommen, die Brot und Spiele offeriert und in der jeder auf Kosten des andern leben will und die Hände in die Taschen der andern steckt? Der Traum, so Nef, der Kulturförderer ist es, Steuergeld ohne jede Bedingung auszuschütten. Nef unterschied allerdings zwischen städtischer und staatlicher Förderung. Im Vergleich zu letzterer sei die städtische Kulturförderung durchaus sinnvoll, weil sie eine direkte Partizipation der Betroffenen bedeute. Hingegen sei nicht einzusehen, weshalb etwa Basler Bundessteuerzahler in Zürich nach Vorgaben aus Bern Kultur fördern müssten. Nef wies auch darauf hin, dass das ursprüngliche Wirtschaften historisch in der «Agricultura» auch mit Kultivieren verbunden ist. Sowohl Kultur als auch Handel sind Kommunikation. Der Handel selbst ist laut Nef ein Kulturphänomen ersten Ranges. Die ersten Handelsgüter waren kulturelle Artefakte erster Güte. Es macht also historisch keinen Sinn, die beiden Dinge auseinander zu dividieren. Hedy Graber: «Visionen einer verantwortungsvollen Kulturpolitik» Hedy Graber, die Leiterin der Direktion Kultur und Soziales des Migros Genossenschaftsbundes, fand, dass sich in der Kulturdiskussion viele Politiker über etwas äussern, von dem sie kaum etwas verstehen. Ein weiteres Hindernis der Schweizer Kulturpolitik stelle der Kantönligeist dar. Aber auch auf Seite der Veranstalter werde gesündigt. Dank dem prestigeträchtigen Sponsoring bringen viele heute eher Produkte auf den Markt, die der «grassierenden Eventitis» als einer visionären Kulturförderung zudienen. Innovative Kulturpolitik muss sich laut Graber mit den Denkprozessen hinter den Kulturereignissen beschäftigen. Kultur soll «der Stachel im Fleisch der bestehenden Verhältnisse» sein. Förderung habe die Verhältnisse zu schaffen, in denen sich kritische Kultur entfalten könne. Hält man daran fest, dann ist Kulturförderung in den Augen der Referentin ein Wagnis. Sie geht dann nicht in die Knie, wenn ein künstlerisches nahtlos in ein sozialpolitisches oder ökologisches Projekt mündet. Wer Kultur nur zu Repräsentationszwecken unterstützt, würgt ihre Entwicklung letztlich ab. Graber ist überdies überzeugt davon, dass der essentielle, kritische und innovative Teil der Kulturförderung nur vom Staat und damit von uns allen gefördert werden kann. Sogenannt riskante Projekte mit hohem Potential müssen wachsen können. Wenn sie sich einmal gemausert haben, können sie an die Sponsoren mit ihren Finanzierungsmodellen weitergereicht werden.
Kulturschaffende auf dem Podium In der anschliessenden Diskussion, die von der Radiofrau Karin Salm moderiert wurde, warf Michael Koechlin, der Leiter des Ressorts Kultur im Erziehungsdepartement Basel-Stadt, Nef vor, Unsinn zu erzählen. Es gebe keinen Gegensatz zwischen Fussball und Museen und Nef habe den Sinn von Museen nicht verstanden oder diesen vorsätzlich falsch dargestellt. Er sei sich bewusst, dass das schwere Vorwürfe seien. Aber Fussball könne nicht auf das grosse Geschäft etwa mit der Champions League reduziert werden. Viele Fussballfans und -stars profitierten auch davon, dass es Museen gebe, und ohne die Museen würde wahrscheinlich auch der Fussball nicht auf dem gegenwärtigen Niveau stattfinden. Man solle aufhören, wichtige gesellschaftliche Bereiche gegeneinander auszuspielen. Graber kritisierte Nefs Metapher des «Kaputtförderns», die fern von aller Realität sei. Die freie Szene werde in sehr bescheidenem Masse unterstützt. Darauf entgegnete Nef, dass er selber in Institutionen, die auf Sponsoren angewiesen sind, arbeite. Seinen Sponsoren sage er aber, sie sollten ihn nicht fördern, sondern in ihn investieren. Schon Nietzsche habe, fuhr Nef fort, darauf hingewiesen, dass Schenkungen Abhängigkeit erzeugten. Diese Abhängigkeiten müssten solche auf Zeit sein. Er sei ein überzeuger Anhänger des Subsidiaritätsprinzips, heutige Forderungen gingen aber dahin, dass der Staat zunächst einmal für die Grundversorgung sorgen solle. Koechlin stellte die Frage nach der Verantwortlichkeit: Wir haben grosse Mittel für die grossen Institutionen und relativ wenig Mittel für Neues. Wir haben heute aber auch ein explosionsartig zunehmendes und fragmentiertes Angebot an Kultur. Da fragt man sich, was die Verantwortung der grossen Kulturinstitutionen ist. Man kann deren Bedeutung anerkennen, sie aber in die Pflicht nehmen, um die Breite der Bedürfnisse abzudecken, weil die Förderung nicht einfach beliebig auf weitere Angebote ausgedehnt werden kann. Thomas Gartmann, der Abteilungsleiter Musik von Pro Helvetia, gab zu bedenken, dass die grössere Reichhaltigkeit des Angebotes dazu führen müsse, dass vermehrt über Inhalte gesprochen werde. Wichtig sei auch die Publikumsförderung. Er ging mit Nef darin einig, dass man Projekte vorübergehend und nicht kontinuierlich fördern solle – bis sie auf eigenen Beinen stehen könnten. In Holland müsse sogar ein Concertgebouw Orchester alle paar Jahre seine Bedürfnisse neu ausweisen. Hedy Graber fügte an, dass man sich beim Migros Kulturprozent frage, welche Bedürfnisse die Kulturschaffenden hätten, was ihre Inhalte seien, und wie diese gefördert werden könnten. Man habe da natürlich einen grösseren Spielraum als die öffentliche Hand. Wichtig sei auch die Einsicht, dass nicht einzelne Musiker oder Gruppen gefördert werden müssten, sondern dass man ihnen die Distributionswege und den Marktzugang öffne. Koechlin wies darauf hin, dass auch in Basel keine Subvention länger als fünf Jahre dauere, auch diejenigen der grossen Institutionen. Mit jeder Subvention über 300’000 Franken müsse man zudem ins Parlament. Das sei unsäglich mühsam, aber die beste aller möglichen Kulturförderungen, weil sie so vom Volk getragen werde. Laut Graber wird die Dichte an Kultur in der Schweiz schon fast zum Problem. Zur Grundversorgung gehört ihrer Überzeugung nach auch die Debatte über Inhalte. Koechlin wiederum meinte, Grundversorgung werde von verschiedenen Kreisen verschieden definiert. Seines Erachtens gehörte dazu ein Dreispartentheater pro Region und das koste schon fast ein Drittel des Kulturbudgets. Aus Sicht jüngerer Kulturschaffender gehörten dazu aber auch Auftrittsmöglichkeiten, Probelokale und so weiter. Da wachse die Liste schon. Laut Nef ist Grundversorgung einfach die Versorgung des Volkes mit Nahrung, Kleidung und Wohnung und ausgerechnet diese werde bestens über den Markt sichergestellt und gerade nicht von oben gesteuert. Man muss sich, meinte Nef, von dem elitären Kulturbegriff verabschieden. Kultur muss leben, muss aufnehmen, was sie selber will, ohne sich in ästhetische Wertkategorien pressen zu lassen. Eine städtische Förderung der Kultur ist laut Nef in Ordnung, wenn sie aber zentralistisch von Bern oder gar Brüssel aus gelenkt werde, sei das nicht mehr in Ordnung. Laut Koechlin wird die Debatte, wie zur Verfügung stehende Mittel faktisch verteilt werden sollen, zu wenig geführt – auch innerhalb der Fachwelt. In Basel habe man zum Beispiel als Novum in den neuen Subventionsvertrag des Theaters Basel ganz milde geschrieben, dass das Theater eine über alle Sparten und über die ganze Spielzeit gerechnete durchschnittliche Auslastung von über sechzig Prozent anstrebe. Da habe man der Politik vorgeworfen, sie greife damit ins Prinzip der künstlerischen Freiheit ein. Die Bestimmung bedeute aber keineswegs, dass jede Produktion eine solche Auslastung haben solle. Das Theater dürfe und müsse experimentieren und auch scheitern können.
Thomas Schindhelm und Alexander Pereira im Gespräch Thomas Schindhelm, Intendant des Theaters Basel und Alexeander Pereira, der Intendant des Zürcher Opernhauses legten ihre Sicht der Dinge unter der Moderation des Kulturjournalisten Thomas Wördehoff dar. Pereira wies auf Gefahr hin, dass durch den gestrichenen Kunst- und Musikunterricht das zukünftige Publikum der Theater- und Opernhäuser verloren zu gehen droht. Aber auch professionelle Kulturfunktionäre seien schwierig zu rekrutieren. In Zürich versuche er deshalb, ein Postgraduate-Studium für Intendanten aufzubauen, um den Nachwuchs in diesem Bereich etwas geplanter aufbauen zu können. Schindhelm stellte fest, dass sich heute alles neu legitimieren müsse, nicht nur die Oper. Man müsse sich deshalb fragen, wie das Theater und die Oper aus dem «Inner Circle» herausfinden könnten. Ein Möglichkeit bestehe darin, Persönlichkeiten für die Bühne zu gewinnen, die per se keine Bühnenkünstler seien. So habe er in den letzten zehn Jahren immer wieder mit Künstlern gearbeitet, die aus anderen Sparten kommen, zum Beispiel mit Filmregisseuren, deren Arbeit dann auch ein neues Publikum ins Theater lockt. Für Pereira ist das ein legitimer Weg. Er wies aber auch darauf hin, dass 22 Prozent der Besucher des Zürcher Opernhauses heute unter 25 Jahre alt sind. Um eine ganze Generation darüber habe man sich aber nicht gekümmert und dürfe sich deshalb nicht wundern, dass sie im Theater nicht zu finden sei. Sowohl Schindhelm als auch Pereira räumten ein, dass die Opernszene im zwanzigsten Jahrhundert unter dem Deckmantel der Neuen Musik zu einer geschlossenen Gesellschaft von Eingeweihten geworden sei, auch wenn es viele zeitgenössische Werke gebe, die ihr Publikum fänden. Ob man von einem Werk etwas verstehe, sei aber auch ein wenig taugliches Mittel, um dessen Wert abzuschätzen, erklärte Schindhelm. Zudem sei das Problem der Akzeptanz und fehlenden Breitenwirkung keineswegs neu. Die neue Oper habe ja auch schon immer Schwierigkeiten gehabt. So sei Bayreuth mit dem ersten Ring etwa pleite gegangen. Pereira wies darauf hin, dass Akzeptanz und zeitgenössische Werke zwei verschiedene Aspekte sind. Es gibt auch hervorragende Klassiker, die sich keineswegs gut verkaufen, etwa Schuberts «Fierrabras». Und die grossen Erfolge feiere man mit Wagner in der Schweiz auch heute noch nicht. (wb)
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| «Musik muss sein!», dreitägige Veranstaltung (7. bis 9. April 2006) des Theaters Basel zu den Themen «Musik macht klug», «Musik macht Staat» und «Musik macht global». Der als Premiere gezeigte Film «Musik muss sein!» von Nico Gutmann wird am 7. Mai 2006 abends im «Klanghotel» des Schweizer Fernsehens SF1 ausgestrahlt. | |||||||||||||||