| 17.12.2004 — An einem «Forum Musikkritik» diskutierten Journalisten, Veranstalter und Musiker an der Hochschule der Künste Bern über den Zustand und die Perspektiven der traditionellen journalistischen Rezension. Der Anlass war verbunden mit einem Workshop, in dessen Rahmen angehende Musikwissenschaftler übungshalber Besprechungen eines Konzerts verfassten.
Mit dem Konzert, das ein klassisches Klavierduo, eine Jazzgruppe und ein Kontrabassquartett einander gegenüberstellte, wurde das dreitägige Forum in den Räumen der Berner Hochschule der Künste eröffnet. Ebenfalls ins Rahmenprogramm des von der Berner Musikkommission angeregten und unterstützten Anlasses gehörte ein Solorezital des niederländischen Cellisten Pieter Wispelwey und die Aufzeichnung einer erstmals vor Live-Publikum durchgeführten Ausgabe der DRS-2-Sendung «Diskothek im Zwei». Pieter Wispelwey und die Berner Violinistin Eva Zurbrügg diskutierten dabei unter der Leitung von Walter Kläy Aufnahmen des Doppelkonzertes op.102 von Johannes Brahms. Das Herzstück des Forums bildeten aber zwei Gesprächsrunden, die eine mit Vertretern der schreibenden Zunft, die andere mit Veranstaltern und Beobachtern. Erste Runde: Aspekte der Kritik
Die erste Gesprächsrunde wird eingeführt und geleitet von Victor Ravizza, der an der Universität Bern Musikwissenschaft lehrt. Man wirft, erklärt Ravizza, der Musikkritik vor, sie sei als Gattung überholt. Sie werde nicht mehr gelesen. Es werde deshalb von verschiedenster Seite gefordert, dass an ihre Stelle als Dienst an Leser und Hörer die allgemeinverständliche, wohlwollende Einführung zu Veranstaltungen zu treten habe. Kann man einem musikalisch interessierten Publikum wirklich keine etwas anspruchsvollere Fachsprache zumuten, fragt der Musikwissenschaftler weiter, so wie sie beispielsweise im Wirtschafts- oder Sportteil einer Zeitung ganz selbstverständlich gepflegt wird? Kritik sei auch wichtiger Bestandteil einer demokratisch organisierten Gesellschaft, gibt er in seinem Einführungsreferat zu bedenken. Peter Hagmann: Schwierige Rahmenbedingungen Peter Hagmann, Musikredaktor der NZZ, gibt sich in seinem Diskussionsbeitrag überzeugt, dass Kritik stören muss. Musik, erklärt er, ist in einem ganz besonderen Mass eine Kunst, die von Menschen zum Leben gebracht wird und immer wieder aufs Neue zum Leben gebracht werden muss. Deshalb verwirklicht sie in einer unmittelbaren Weise Kommunikation und verlangt so auch nach Rezipienten, die ebenfalls unmittelbar reagieren.
Laut Hagmann sind die Rahmenbedingungen aber klar schwieriger geworden. Die Musikkritik muss sich heute in einer andern Weise legitimieren, als noch vor zwei, drei Jahrzehnten. Sie muss zunächst einmal wieder zur dezidierten Meinungsäusserung finden. Das wertende Unterscheiden ist im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zugunsten der reinen Wissensvermittlung in den Hintergrund gedrängt worden. Der wertneutrale Umgang mit Musik ist jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. Ganz selbstverständlich löst sie Emotionen aus, fordert sie Zustimmung oder Ablehnung ein. Noch wichtiger als das Urteil ist aber dessen Begründung. Sie bildet den Kern des diskursiven Prozesses, den Musikkritik in Gang zu setzen und in Gang zu halten versucht. Aus diesem Verständnis ergibt sich nach Hagmann eine Reihe von Voraussetzungen der qualifizierten Musikkritik: Sie erfordert hohe Fachkompetenz und die Fähigkeit zur Empathie, zum «Aufnehmen und Mittragen der zahlreichen, oftmals sehr feinen musikalischen und atmosphärischen Schwingungen». Eine weitere Voraussetzung ist die sprachliche Kunstfertigkeit. Musikkritik muss sich ebenso lustvoll wie fantasievoll verständlich machen. Auf die Versuche, Kritik abzuschaffen und durch Public Relations oder Bestätigungsjournalismus zu ersetzen, sollte man nicht durch Anpassung, sondern mit der Schärfung des Bewusstseins für die Aufgabe, ja die Mission von Kritik und mit einer klaren Akzentuierung auf der Ebene der Qualität reagieren, schliesst Hagmann. Diskussion: Wenn die Kritik über ein Stück oder ein Konzert erscheint, wird dieses nicht mehr gespielt oder es ist ausverkauft. Wie man also dafür sorgen könne, dass die Leute schon im Vorfeld informiert werden, wird aus dem Publikum gefragt. Die Referenten betrachten dies als Frage der PR, die nichts mit Kritik zu tun hat. Kritik trage dazu bei, ein Klima zu bilden, das sich nicht an einzelnen Punkten manifestiere. Man müsse diese Dinge auseinander halten und sich dagegen wehren, dass Kritik als Auseinandersetzung mit dem Gegenstand durch Werbung ersetzt wird. Peter Kraut: Musikkritik als Mythenbildung Peter Kraut, Musikveranstalter und Mitarbeiter der Hochschule der Künste Bern, entwickelt sein Referat aus dem typischen Satz «Ich war damals dabei», der die Unwiederholbarkeit eines Konzertes oder Theaterabends charakterisiert. Der Satz steht, gibt Kraut zu Bedenken, am Anfang von zwei Problemen: Weil die Musikkritik unüberprüfbar ist, funktioniert sie mythenbildend. Man ist beim Sprechen über ein Konzert auf Erinnerung angewiesen. Es gibt aber nur zwei wissenschaftliche Methoden, um eine solche zu untersuchen: die Oral History und die Psychoanalyse. Beides taugt schlecht für die Musikkritik.
Das Naheliegendste, meint Kraut, ist oft das Schwierigste: In einfachen, nachvollziehbaren Worten sagen oder beschreiben, was man gehört oder gesehen hat, und es anschliessend interpretieren und begründen. Beim Schreiben über gehörte Musik werden im Grossen und Ganzen vielmehr andere Strategien verfolgt. Der Fokus wird etwa auf technische Aspekte verschoben. Dies ist in vielen Varianten der elektronischen Musik Gang und Gäbe. Eine zweite Strategie – vornehmlich in der Rezension klassischer Musik gepflegt – geht davon aus, dass der Kritiker das Wahre, das Richtige und das Schöne kennt. Die Interpreten stehen dann in der Expertenprüfung. Im Jazz wiederum ist der Komponist häufig sein eigener Interpret, und man kann ihm deshalb nicht eine falsche Interpretation unterstellen. Also hilft man sich mit einem lexikalischen Zugriff und legt ein Netzwerk an Referenzen auf, die sowohl den Interpreten wie den Kritiker legitimieren. Alle diese Ansätze werden von einem weiteren überschattet, den man unter dem Titel «Starsystem und Fankultur» zusammenfassen kann. Man verschiebt den Fokus auf die Künstlerinnen und Künstler und kümmert sich weniger um die Musik selbst. Diskussion: Von Publikumsseite wird eingewendet, dass das «Ich war damals dabei» im Zeitalter der Tonträger relativiert wird. Man kennt die Arbeit des Künstlers und erwartet die Reproduktion dessen, was man auf CD von ihm kennt. Die Referenten meinen, das sei die typische Erwartung in der Popmusik. Aber auch klassische Künstler weckten mittlerweile durch Markenzeichen ähnliche Erwartungen. Aus dem Publikum wird hinzugefügt, dass gerade Frauen sich solchen Kriterien immer wieder gegenüber sähen. Wenn eine Dirigentin auftrete, dann spiele ihre äussere Erscheinung eine viel grössere Rolle als wenn sich ein männlicher Kollege präsentiere. Solche Beobachtungen gehörten prinzipiell nicht in eine Konzertkritik. Corinne Holtz: Vier Beobachtungen zur Krise Corinne Holtz, Musikredaktorin des nationalen Kulturradios DRS 2 präsentiert vier Beobachtungen. Erste Beobachtung: Die Musikkritik ist in Verruf geraten, weil sie sich bloss noch an Insider richtet. Der Vorwurf trifft aber nicht nur die Musikkritik, sondern die Kulturkritik generell.
Zweite Beobachtung: Der Einfluss der Musikkritik ist geringer geworden. Wer heute noch einen Verriss schreiben darf, wird als Instanz der Meinungsbildung nicht mehr so ernst genommen. Wichtiger als Meinungen sind Köpfe und Bilder, auch akustische, vom schönen und erfolgreichen Menschen. Dieser Prestigeverlust hat auch strukturelle Gründe. Das Feuilleton ist in der Tendenz weiblicher und jünger geworden. Wie man heute weiss, sinken Prestige und Lohn in einer Berufsgruppe dann, wenn die Frauen dazustossen. Umgekehrt steigen Image und Lohn, wenn Männer in sogenannte Frauenberufe einsteigen. Diskussion: Referenten sind der Meinung, dass Vorschau und Kritik Aufgaben sind, die man von der Person her klar trennen muss. Wenn man sich mit einem Künstler getroffen hat und mit ihm über seine Absichten gesprochen hat, dann ist man nicht mehr in der Lage eine Kritik zu verfassen. Kritik ist eine Drittmeinung, die von aussen kommt. Heisst das auch, wird aus dem Publikum zurückgefragt, dass wenn man einmal ein Interview macht, man nie mehr eine Konzertbesprechung zur entsprechenden Person machen kann? Da scheine ein Ethos zu bestehen, das nicht eingehalten werden könne. Man müsse ja auch aus persönlichen Begegnungen schöpfen, wenn man informiert sein wolle. Ein Referent räumt ein, dass die ökonomische Situation freier Kritiker die Trennung nicht erlaubt. Objektivität, wird geschlossen, gibt es nicht, es brauche deshalb aber objektivierbare Kriterien. In bezug auf die Musik heisse das eben Fachkompetenz und Nachprüfbarkeit. Es brauche aber auch den Mut zur Subjektivität, den Mut zur Zuspitzung. Christian Steulet: Das Konzert als pluralistischer Prozess Christian Steulet, Kordinator des A.M.R. in Genf, weist in seinem Referat auf die unterschiedliche Wahrnehmung von Musikern und Publikum und die Prozesshaftigkeit eines Konzertes hin. In einem Rock-Pop-Konzert mit elektronischer Verstärkung, erklärt der Genfer, varriiert die Wahrnehmung sehr mit der Position des Hörers. Im Bereich der improvisierten Musik oder des «Instant Composing» sehen die Künstler die Musik überdies nicht so sehr als Objekt oder Werk an, sondern als einen Prozess, der während eines Konzertes den Hörer auch verändert. Der Hörer konstruiert die Realität im Moment der Wahrnehmung. Er und der Musizierende befinden sich während des Konzertes jedoch nicht in derselben Welt, zumindest nicht im Setting des europäischen Konzertes, in dem es eine strikte Trennung zwischen Musizierenden und Hörern gibt. Die Musikkritik muss im Falle solcher prozessbetonter Musik, betont Steulet, auch den Kontext eines Anlasses berücksichtigen und referieren, die Beziehung zwischen den Musikern, die Rahmenbedingungen eines Konzertes und so weiter. Damit trotz diesen Relativierungen eine Kommunikation zustande kommen kann, braucht es für die Musikkritik gemeinsame Werte und Bezugspunkte.
Diskussion: Der Wertekanon ist heute zerfallen, heisst es von Pulbikumsseite, so bleibe unklar, wo der Kritiker selber stehe. Dies wiederum mache Kritik unverbindlich und langweilig. Das hat, heisst es aus dem Kreis der Referenten, auch damit zu tun, dass das Musikleben selber pluralistischer geworden ist. Eine Zuhörerin bemängelt, dass in der Jazz- und Popberichterstattung häufig unverständlicher Jargon gepflegt werde. Ein Referent entgegnet, für den entsprechenden Fan sei die Sprache verständlich. Es sei aber tatsächlich wünschenswert, Konzertkritiken für die Leute zu schreiben, die nicht in den Konzerten gewesen seien. Roman Brotbeck: Kritik in Zeiten ohne Begrenzungen In der Musikgeschichte hat es bisher relativ wenige Zeiten wie die heutige gegeben, in denen vieles möglich ist, erklärt Roman Brotbeck, der Leiter des Fachbereichs Musik der Hochschule der Künste Bern. Eigentlich, fügt er an, könnten die Kritiker deshalb eigene Positionen vertreten, auf sich gestellt und frei von allen vorgeordneten Kategorien. Intensive Debatten wären möglich. Aber das Gegenteil ist der Fall. Auch bei sehr kompetenten und sehr differenzierten und differenzierenden Kritikern ist zu beobachten, dass klare Positionen heute seltener werden. In der Unübersichtlichkeit des heutigen Kulturschaffens haben sich zwei Filter entwickelt. Der eine sind Einzelpersonen in Form von Verlagsleitern, Kuratoren und Festivalleitern, welche teilweise als Autoren der Autoren auftreten und deren Werke durch ihre eigene Kontextualisierung stark mitprägen. Den anderen bilden Design- und Produktelinien. Wer in diese Linien passt, kann schnell und erfolgreich verwertet werden. Diese Linien prägen aber auch das Werk der Künstler. Sie richten ihre Produktionen auf diese Linien aus. Diskussion: Die Überfülle bewirkt, dass Filter gebraucht werden. Der mündige Bürger kann die Vermittlungsarbeit der «Stars» unter den Kuratoren und Kritikern ja auch relativieren, erklärt ein Zuhörer. Von Seiten der Referenten wird eingewandt, dass schon in den 80er- und 90er-Jahren mit einem Starsystem etwas aufgegeben worden ist. Damals hätten Persönlichkeiten wie Stockhausen oder Penderecki diese Aufgabe verkörpert. Heute übernähmen Kuratoren diese Starrolle. Sie differenzierten sich aber nicht, sondern konvergierten in ihrer Ausrichtung. Die Festivals begännen einander zu gleichen. Samstag: Verhältnis zwischen Musikkritik und Veranstaltern
Die Diskussion vom Samstag wurde von Susanne Kübler, Musikredaktorin am Zürcher «Tages-Anzeiger» geleitet. Sie präsentierte die Menge an Anfragen für Kritiken, die im Laufe einer Woche auf einer Redaktion eintreffen. Sie nehmen stetig zu und der verfügbare Platz wird immer weniger. Kübler beobachtet, dass die Vermarktung immer professioneller wird. Dies ist auch eine Folge der Kulturmanagement-Ausbildungen, die sich mittlerweile etabliert haben. Heute hat jeder Laienchor einen zumindest halbprofessionellen Marketingverantwortlichen. Die Anfragen zeigen aber auch, dass Berichterstattung erwünscht wird. Als Vertreter der Veranstalterseite äusserten sich Hans-Jörg Ammann, Direktor des Theaters Biel Solothurn, Marianne Käch, Direktorin des Berner Symphonie-Orchesters und Michael Bonanomi als Präsident von Bejazz Bern. Daneben trug Anselm Gerhard, Direktor des Insitutes für Musikwissenschaft der Universität Bern, einige Ideen aus akademischer Sicht bei. Da wurde etwa festgestellt, dass sich der Kritiker zunehmend gleichwertig mit den Interpreten zu inszenieren versucht – etwa Joachim Kaiser, der im Auftrag der Süddeutschen Zeitung eine Reihe von Interpreten vorstellt und sich dabei selber in Szene setzt. Ammann meint, der Produzent könne den Kritiker nicht wirklich ernst nehmen, weil er selber sein differenziertester Kritiker ist, mit der intimsten Kenntnis einer Produktion. Dem wird in der Diskussion entgegengehalten, dass die Massstäbe des Kritikers eben andere sind und er aus der Sicht des Zuschauers die Produktion an andern misst. Seine Kompetenz stamme aus dem Wissen um viele andere Produktionen. Das schnelle Urteilen habe auch seinen Sinn, weil eine Produktion das Publikum ja auch im ersten Moment überzeugen müsse. Marianne Käch wiederum hofft auf etwas engagiertere Kritiker. So stellt sie fest, dass noch nie ein solcher vor einer Uraufführung etwa eine Partitur angefordert habe.
Auf die Frage aus dem Publikum, ob Kritik auch ökonomische Auswirkungen habe, antwortet Ammann mit einem dezidierten Ja. Die Kritik forme den Zuspruch mit. Auf eine skeptische Radiokritik habe es im Städtebundtheater spontan etwa dreissig Absagen von Abonnenten für die entsprechende Produktion gegeben. Siehe zu diesem Artikel auch den Kommentar (wb)
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| Forum Musikkritik, 9. bis 11. September 2004, Hochschule der Künste Bern. Die Ausgabe der live aufgenommenen «Diskothek im Zwei» von DRS 2 – sie wird jeweils am Montagabend um 20 Uhr und in der Wiederholung am Samstagnachmittag um 14 Uhr ausgestrahlt – soll am 27. Dezember erfolgen. Eine Wiederholung ist im Sommer 2005 geplant. | |||||||||||||||||||||||






