04.09.2008 — Madonna, Stubete am See oder Neue Musik in Rümlingen? 70’000 pilgerten an diesem letzten August-Wochenende 2008 zum ehemaligen Militärflughafen Dübendorf, um die perfekte Show der amerikanischen Pop-Sirene zu geniessen. Zu gleicher Zeit luden Tonhalle Zürich, das Schweizer Oktett und das Migros Kulturprozent mit seinem Neue-Volksmusik-Label in Zürich zur Stubete am See − ein Projekt, das vom Programm «echos − Volkskultur für morgen» der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia prämiert worden ist. Die Schweizer Eventgesellschaft in Sachen Musik hatte zum Erwachen nach den Sommerferien viel Auswahl. Da fühlte man sich im basellandschaftlichen Niemands-Hinterland zwischen Sissach und Olten wie auf einem andern Stern. Das idyllische, zwischen Kantonsstrasse und Bahnviadukt buchstäblich versenkte Juradörfchen Rümlingen beherbergte zum 17. Mal das kleine, aber feine Neue-Musik-Festival, das den Namen des Ortes trägt. Im nach griffigen Erlebnismarken lechzenden 21. Jahrhundert wirkt es in seiner Zurückhaltung und Gelassenheit seltsam zeitlos. Rund ums Gemeindehaus blieben die Aufführungsorte, die lokale Turnhalle, die Kirche und ein Festzelt in unmittelbarer Nachbarschaft. Letzteres hätte genausogut eine lokale Gewerbeausstellung oder die Chilbi der freiwilligen Feuerwehr beherbergen können. Tatsächlich, wohl auch ein Unikum in der Neue-Musik-Szene, bewirtete dort der Gemischte Chor der Nachbargemeinde Buckten die Besucher bei Kaffee, Kuchen und Tomatenrisotto, während die Dorfjugend sich auf dem benachbarten Hartplatz des Schulhauses ein Stelldichein gab.
Die Anfänge des Festivals reichen zurück bis in die bewegten achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Den Grundstein zu einer über die späteren Jahre durchgehaltenen Programmidee legten die ersten, 1990 realisierten Veranstaltungen. Dannzumal lud der Dorfpfarrer Ado Müller Musiker und Komponisten immer wieder ein, in seinem Dorf zeitgenössisches Kunst- und Musikschaffen zur Diskussion zu stellen. Zum einen stand da politisch engagierte Musik − mit Wurzeln zurück bis in die Zeit der Proteste gegen das geplante und später aufgegebene Projekt eines Kernkraftwerks Kaiseraugst − auf dem Programm, zum andern eine Hör-Installation in der Landschaft. So hat sich ein Rhythmus ergeben, nach dem jährlich abwechselnd die Landschaft und die Konzertlokale des Ortes bespielt werden. Die theologischen, ästhetischen und politischen Wurzeln hat der Anlasses bislang nie verleugnet.
Eine weitere Eigenheit kennzeichnet das kleine Festival: Dank der treuen Mitarbeit des Basler Grafikerbüros Neeser&Müller hat es gestalterisch ein unverwechselbares, höchst urban anmutendes Gesicht erhalten. Das Bekenntnis zum originellen optischen Auftritt, der dem Besucher des Festivals ab und zu auch etwas Entschlüsselungs-Arbeit zumutet, hat gar seine eigenen Früchte getragen: Die 2005 im Christoph Merian Verlag erschienene Festivalchronik «Geballte Gegenwart. Experiment Neue Musik Rümlingen» ist unter anderem mit dem Certificate of Typographic Excellence des Type Directors Club New York, der weltweit bedeutendsten Typografie-Auszeichnung, geehrt worden. Der entspannte und familiäre Rahmen des Anlasses hätte darüber hinwegtäuschen können, dass das Programm des Wochenendes in Berlin, London oder New York genauso sein Publikum gefunden hätte, und dort als typisch städtisches Projekt empfunden worden wäre. Heuer waren die Konzerte der menschlichen Stimme gewidmet – unter dem nicht unmittelbar einsichtigen Motto «Himmeln» (es handelt sich um den Titel einer am Sonntag uraufgeführten Komposition Walter Zimmermanns). Gesungen, gesprochen und lautgemalt wurde in solistischer Form und teils im Dialog mit elektronischen Hilfsmitteln, sei es als Multiplikatoren, sei es als Zuspielklänge, aber auch zur Wiedergabe historischer Tondokumente.
Der kammermusikalisch-intime Charakter der meisten Konzerte fand allerdings auch zwei Kontrapunkte. Den einen setzten das Collegium Novum Zürich unter der Leitung von Johannes Kalitzke und der Bariton Thomas Bauer am Samstagabend mit Salvatore Sciarrinos «Quaderno di Strada» aus dem Jahr 2003, einem farben- und nuancenreichen Panoptikum von Orchester-«Liedern», dem eine Sammlung von Texten aus Literatur, mündlicher Überlieferung, aber auch Inschriften und Graffitis zugrundeliegt. Der italienische Klangzauberer hat daraus hochkünstliche, in allen Orchesterfarben schillernde Kleinode geschaffen, die beim Collegium Novum besten Händen und beim Sänger stimmiger Souveränität anvertraut waren. Das Ensemble konnte sich − auch dies eher eine Seltenheit in der Neuen Musik − auf eine bereits reiche Erfahrung mit dem Werk stützen, hat es dieses doch schon vor einem Jahr in Zürich dargeboten (damals mit dem Bariton Otto Katzameier, der auch auf der bei Kairos erschienenen Aufnahme des Werkes mit dem Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling zu hören ist).
Erfüllte Sciarrinos «Notizheft» idealerweise die ästhetischen Ideale des Festivals, löste der zweite Kontrapunkt − ein Wortzirkus von vitaler Bodenständigkeit − bei den im Publikum sitzenden Komponisten der älteren Generation offensichtlich Befremden aus: Das Festivalteam hatte den Slam-Poeten Gabriel Vetter (Gewinner des renommierten Kabarettpreises Salzburger Stier) und den Schriftsteller Michael Stauffer zu einer «Tourette de Suisse» geladen, einem dialektgetränkten, deftigen und von Leben erfüllten Sprachduett, das seine Herkunft aus improvisierenden Poesiewettstreiten − den Slams eben − nicht verbarg: Laut Wikipedia ist Vetter überaus kampferprobt: Aus 32 Slams soll er 28 Mal als Sieger hervorgegangen sein. Man zweifelt daran nicht. Den beiden war während ihres Auftrittes anzumerken, dass sie sich unwohl fühlten. Nachfragen bestätigte den Eindruck. Sie hätten sich, so Stauffer, gefühlt, als würde ihre Darbietung von ihnen wenig wohlgesinnten Richtern in Echtzeit seziert. Der Clash of Cultures offenbarte, dass Teile der Neue-Musik-Szene nach wie vor ihre liebe Mühe mit vielem unterhalb des Olymps zeitigen, auf dem sie sich selber eingenistet haben, und sich die europäische Avantgarde nicht gänzlich unmotiviert immer mal wieder den Ruf der elitären Humorlosigkeit einhandelt.
Für atmosphärische und künstlerische Höhepunkte sorgten an dem Festival neben dem Gastspiel des Collegium Novum drei bemerkenswerte Soloauftritte der Stimmkünstler Lionel Peintre, Joan La Barbara und Jennifer Walsh, die jeweils ihnen auf den Leib geschneiderte Werke präsentierten. Gleich zum Auftakt des Wochenendes gab der Bariton Peintre «14 Jactations» von Georges Aperghis zum besten. Dabei handelt es sich um eine Reihe von feinnervigen bis skurrilen Miniaturen, die vom Komponisten selber als ein gebrochenes Stimmentheater charakterisiert werden und vom charismatischen Interpreten mit dem richtigen Gespür für den schmalen Grat zwischen erdiger Seriosität und skurrilem Witz vorgetragen wurden.
Sozusagen als Gegenentwurf dazu konnte spätabends das an ein mystisches Ritual erinnernde Zeremoniell der New Yorkerin Joan La Barbara verstanden werden. In Morty Feldmans ihr zugeeigneten «Three Voices» entfaltete ihr Bühnengesang im Dialog mit der zweimal aufgenommen eigenen Stimme eine ruhig dahinfliessende Klanglandschaft von berückender Schönheit. Die dritte aussergewöhnliche Solodarbietung war der irischen Sängerin und Ukulele-, respektive Psalterspielerin Jennifer Walshe zu verdanken. Sie trug Kompositionen von Detleva Verens («Scintilla», 2007) und Ukeoirn O’Connor («Three Songs», 2007) sowie ein eigenes Werk («i: same person, ii: not the same person» 2008) vor, die mit Ukulele-, Psalter- oder Laptop-Klängen kolorierte Stimmlaute und Sprachfetzen in allen Varianten und Schattierungen auffächerten.
Eher kontrovers aufgenommen wurde hingegen Peter Ablingers stetig wachsender Zyklus «Voices and Piano», aus dem der Pianist Nicolas Hodges eine «Rümlingen Selection» vortrug. Es handelt sich um Ausschnitte aus Reden historischer Persönlichkeiten − unter anderem Lech Walesa, Pier Paolo Pasolini, Jorge Luis Borges, Hanna Schygulla und Mao Tse-Tung − die das Klavier dem Sprachduktus folgend eng «mitspielt» oder «analysiert», wie Ablinger selber das Verfahren charakterisiert. Die an und für sich originelle Idee scheint in der Umsetzung allerdings eher eindimensional und damit nicht zuletzt etwas ermüdend.
Vervollständigt wurde das Programm von Werken aus dem Umfeld der Organisatoren selber. So musizierte der künstlerische Leiter Marcus Weiss am Saxophon mit der Schlagzeugerin Sylwia Zytynska, die mit Weiss, dem Festivalmitbegründer Daniel Ott und Christian Dierstein für die Programmation des Anlasses mitverantwortlich zeichnet. Die beiden führten zusammen mit der Akkordeonistin Viviane Chassot und der Sopranistin Sylvia Nopper zum Abschluss der beiden Tage eine Reihe von Werken Walter Zimmermanns («Himmeln», «Vertont» und «Sarganserland») erstmals auf. Eingeschoben waren dabei eher kryptische Lesungen des Journalisten und Schiftstellers Felix Phillip Ingold und des Lyrikers Michael Donhauser, von denen Texte auch den Kompositionen Zimmermanns zugrundeliegen.
Sylwia Zytynska hatte am Samstag zuvor zusammen mit dem Cellisten Alfred Zimmerlin und der Rezitatorin Marianne Schuppe als Trio Selbdritt unter dem Titel «von hier VI» überdies eine improvisatorisch geprägte Klangwelt aufblühen lassen. (wb)
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| Festival Rümlingen. Neue Musik, Theater, Installationen. «Himmeln», 30. und 31. August 2008 in Rümlingen (Kanton Baselland, Schweiz) | |||||||||||||||||||||||||||








