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Neuentdeckte Magie der Kammermusik


25.01.2005 — Im Muraltengut, einem spätbarocken Landgut der Stadt Zürich, herrscht konzentrierte Arbeitsstimmung. Wie in zahlreichen weiteren Zimmern sind die Violinistin Esther Hoppe, der Cellist Maximilian Hornung und der Pianist Benjamin Engeli am Erarbeiten eines Werkes aus dem grossen Kanon der abendländischen Kammermusik. In ihrem Fall handelt es sich dabei um Schostakowitschs zweites Klaviertrio. Aufmerksamer Zuhörer, Kritiker und Lehrer ist der gestandene Pianist Gérard Wyss. Die drei jungen Musizierenden bilden das Tecchler Trio, das seit Herbst 2003 besteht und mit Preisen schon reich dekoriert worden ist – zuletzt als Gewinner des CS-Wettbewerbs in Zürich.

Das Muraltengut ist immer wieder für Meisterkurse genutzt worden. Unterrrichtet haben hier unter vielen andern Nathan Milstein, Géza Anda, Arthur Grumiaux und Gregor Piatigorsky. Zwischen 17. und 23. Januar ist es nun zum Austragungsort der dritten Session eines Ausbildungszyklus’ der European Chamber Music Academy (ECMA) geworden.

Die ECMA geht auf die Initiative des Viola-Dozenten Hatto Beyerle, den Gründer des Alban-Berg-Quartettes, zurück. Sie bietet unter Federführung der Hochschule für Musik und Theater Hannover an dieser sowie den assoziierten Instituten einen ganzen Ausbildungszyklus für Kammermusikensembles an. Bei den andern handelt es sich um die Fondazione Scuola di Musica di Fiesole (Italien), die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Österreich), die Hochschule für Musik und Theater Zürich (Schweiz), das Pablo Casals Festival in Prades (Frankreich) und das finnische Kuhmo Chamber Music Festival. Koordiniert wird das Ganze von Gerhard Hildenbrand von der Basler Musik-Akademie.

Über zwei Jahre erstreckt sich die Ausbildung im Rahmen der ECMA, für die junge, professionelle Ensembles aus den Bereichen Streichquartett und Klaviertrio eine Aufnahmeprüfung zu bestehen haben. Der laufende erste Ausbildungszyklus steht unter dem Motto «Joseph Haydn und der klassische Stil». Neben dem von der HMT Zürich für die ECMA nominierten Tecchler Trio haben sich dafür das Quartetto di Cremona (Italien), das Lusingando Quartett (Deutschland), das Meta4 Quartett (Finnland), das Trio Chausson (Frankreich), das Trio Friedeck (Deutschland), das Anima Quartett (Österreich) und das Quartetto Alkman (Italien) qualifiziert. Ihnen stehen als Lehrer neben Beyerle und Wyss weitere illustre Musiker wie die Cellisten Anner Bylsma und Thomas Demenga, der Pianist Eckart Heiligers und der Geiger Johannes Meissl zur Seite.

An dem Kurs wird aber nicht nur auf höchstem Niveau musiziert. Auch die Reflektion über das Gespielte ist ein Anliegen. So tauschen sich erfahrene und künftige Haydn-Interpreten an einem öffentlichen Gespräch zum Thema «Text und Kritik» aus und der Zürcher Musikwissenschaftler Dominik Sackmann, sein in Hannover wirkender Kollege Johannes Schöllhorn sowie der Dozent Anner Bylsma machen sich in Vorträgen über Aspekte der haydnschen Tonkunst Gedanken. Die Palette reicht dabei von Überlegungen zur Rhetorik im Sackmanns Referat «Haydn lesen» bis zu Gedanken über das Gespenstische in Choralzitaten des 20. Jahrhunderts und Haydns Kaiserhymne in Schöllhorns Ausführungen «the time is out of joint – die zeit ist aus den fugen».

Johannes Schöllhorn spürt dem gespenstischen Nachhall der Kaiserhymne und anderer «Choräle» in der Musik des 20. Jahrhunderts nach.

Dominik Sackmann ist überzeugt, dass vor dem Spielen eines Quartettes oder Trios von Haydn das verständige Lesen des Notentextes steht.


Nicht zuletzt aber üben sich die Kursteilnehmer in mehreren öffentlichen Konzerten im authentischen Musizieren vor Publikum. «Wenn man die Musik zu Gehör bringt», zitiert das ECMA-Programm seinen Gründer Hatto Beyerle, «dann muss man die Magie dieses Mediums kennen und wollen. Das heisst – sachlich gesagt – Musik muss Inhalte vermitteln. Ich nenne es Magie, denn es ist Magie. Ich sehe nun seit 30 Jahren mit Bedenken, dass grosse, namhafte Künstler so viele Konzerte im Jahr spielen, dass sie nur noch ihre Leistung darbieten, aber diese Magie gar nicht mehr in der Lage sind zu vermitteln.» Der Augenschein am ECMA-Kurs in Zürich weckt die Hoffnung, dass eine junge Interpretengeneration unter derart kundiger und engagierter Anleitung zu diesen Quellen des inspirierten Musizierens zurückfinden kann.
(wb)

European Chamber Music Academy, Session in Zürich mit Meisterkursen, Konzerten und Seminaren, Muraltengut, 17. bis 23. Januar 2005. Weblink: www.ecma-music.com

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