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Neujahr beim Berner Symphonie Orchester


05.01.2011 — Ein «Russisches Wintermärchen» erzählten am 2. Januar das Berner Symphonie Orchester, sein früherer Chefdirigent Andrey Boreyko, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und das Moscow Art Trio im restlos ausverkauften Berner Kultur-Casino. Solche Neujahrskonzerte haben Konjunktur und stehen für ein neues Paradigma der Konzertkultur.

Neujahrskonzerte städtischer Sinfonieorchester haben Konjunktur. Ihre Popularität kann als Indikator für einen tiefgreifenden Wandel in der bürgerlichen Musikkultur betrachtet werden. Seit Jahrzehnten bildet das Abonnementskonzert das Rückgrat des Konzertlebens. Die Abonnenten sorgen für stabile Auslastungen der Säle. Das Konzertabo gehört für den Bildungsbürger buchstäblich zum guten Ton.

Das System hat Stärken und Schwächen: Die regelmässigen Konzertbesuche – manchmal auch bloss aus Gewohnheit oder Pflichtgefühl – schulen den musikalischen Geschmack, stärken das Hintergrundwissen des Publikums, das etwa künstlerische Entwicklungen von Dirigenten und Solisten über Jahre mitverfolgt, und führen dazu, dass modische Aufgeregtheiten nicht allzu grosses Gewicht erhalten. Man geht ins Konzert, weil’s halt einfach mal wieder der Donnerstag oder Freitag ist.

Das klassische Abonnenten-Publikum ist heute allerdings überaltert, neue Konzertraditionen müssen sich einspielen, um die Einrichtung der hochsubventionierten Kulturrepräsentanten zu tragen. Sie können weniger als die typischen Abo-Reihen der Nachkriegszeit auf ein kompetentes, repertoiresicheres Publikum zählen, das Furtwängler-Einflüsse in der Interpretation einer Beethoven-Sinfonie noch erkennt oder merkt, ob ein Chefdirigent gerade gut drauf ist oder eine künstlerische Krise durchlebt.

Der Abbau der Expertenkultur, die auch im schulischen Musikunterricht nicht mehr aufgebaut wird, ist bedauernswert, bringt aber auch Chancen mit sich: Das zukünftige Publikum ist möglicherweise weniger kritisch und leidenschaftlich in der Verehrung einzelner Künstler oder interpretatorischer Schulen, dafür aber auch entspannter, kulinarischer und offener für Neues.

Das Abonnementskonzert als Leitereignis des Konzertlebens dürfte durch jahreszeitliche Glanzpunkte abgelöst werden. Ein herausragender ist zweifelsohne das Neujahrskonzert, weitere Daten gruppieren sich um traditionelle kirchliche Feiertage wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten, und eventuell um Schnittstellen im gesellschaftlichen Jahresrhythmus wie Ferienbeginn und –ende aber auch lokale Grossereignisse wie Fasnacht oder Messen.

In einer Bundesstadt wie Bern wären auch parlamentarischer Sessionsbeginn und -ende, Nationalfeiertage (auch solche eng befreundeter Staaten) oder gar Wahl- und Abstimmungstermine als Konzertmotoren denkbar, warum nicht? Schon immer und überall dienten Musiker im Solde von Staaten oder Herrschern dazu, öffentlichen Akten festlichen Glanz zu verleihen.

Das Berner Symphonieorchester hat in den letzten Jahren eine Neujahrskonzerttradition mit grossem Erfolg etabliert. Vor einem Jahr war der Anlass restlos ausverkauft, heuer ebenso, und die Billette für 2012 dürften vermutlich ebenso schnell weggehen: Auf dem Programm steht in zwölf Monaten Beethovens 9. Sinfonie, mit Günther Herbig, den die Berner speziell ins Herz geschlossen haben, als Dirigent und dem Oratorien-Chor Bern. Die Einladung an den Botschafter der Europäischen Union (und weitere EU-Botschafter?) dürfte Pflicht sein, geht’s da doch um die Europahymne.

Auch im diesjährigen Neujahrskonzert spielte der Dirigent eine besondere Rolle: Noch einmal ist der vor wenigen Monaten verabschiedete frühere Chefdirigent Andrey Boreyko ans Berner Pult zurückgekehrt. Naheliegenderweise gab’s ein russisches Programm – auch das paradigmatisch für den Wandel: Die Werkfolge spiegelte in der Struktur noch die traditionelle Gruppierung eines Abonnementskonzertes mit der Trias Ouvertüre, Konzert und Sinfonie, zeigte aber auch Elemente eines typisch neuen Programmverständnisses: Öffnung gegenüber andern Genres (in diesem Fall Folkore und Jazz) thematische Klammern (in diesem Fall «Russische Wintermärchen»), eine unterhaltsame Moderation durch den Orchesterdirektor Matthias Gawriloff und Interpreten, die für eine neue Art der Imagepflege stehen.

Letzteres repräsentierte vor allem die in Bern wohnhafte Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die neben einer Phantasie über Themen aus Rimsky-Korsakows Oper Der goldene Hahn aus der Feder Georgi Swiridows Tschaikowskys Valse-Scherzo op. 34 darbrachte, in ungeduldig vorwärtsdrängender Art mit schroffen, fahlen oder sonstwie überraschenden Klängen durchsetzt – eine sehr persönliche, in der eleganten Umhüllung des Stückes eher sperrige Sicht-, respektive Hörweise.

Derart eigensinnige und kantige Musikerinnen und Musiker, die sich auch mit einer speziellen biografischen oder ästhetischen Fama ins öffentliche Bewusstsein arbeiten – zu ihnen gehört etwa auch die Pianistin Hélène Grimaud – finden zur Zeit viel Beachtung. Sie bringen in die etwas müde und selbstgefällig gewordene Klassikszene wohltuende Unruhe; ob sie auch musikalisch richtungweisende neue Impulse zu geben vermögen, das wird sich noch zeigen müssen.

Neben der Geigerin präsentierte sich auch das Moscow Art Trio in der originellen Besetzung mit Klavier, Gesang und Horn auf der Bühne des Berner Kultur-Casinos. Sein Hornist Arkady Shilkloper ist für das Schweizer Publikum kein Unbekannter: Für das Label Musiques Suisses hat er unter dem Titel «Zum Gipfel und zurück» vor rund zwei Jahren neue Kompositionen für Alphorn eingespielt (siehe Codex-flores-Rezension). Eigenes steuerte diesmal der Pianist Mikhail Alperin bei: zwei Nummern aus einer Suite mit «Village Variations», deren Entstehung Andrey Boreyko einst höchstpersönlich angeregt hatte.

Sergey Sarostin, der Sänger des Trios, hat zu den Weite, Kraft und grossen Atem evozierenden fokloristischen Bildern Texte geschrieben. Der Orchesterpart ist von erdiger, tiefer, ruhig schwingender Einstimmigkeit geprägt, über die sich elegische Melodien der Solisten aufschwingen. Da offenbarte sich die zugleich präzise und körperliche-warme Klangsinnlichkeit, die sich das Berner Symphonie Orchester in der Arbeit mit Boreyko angeeignet hat. Nikolaj Rimsky Korsakows Symphonische Suite «Scheherazade», die das Programm abrundete, wurde da zum reinsten Hörvergnügen.

Neujahrskonzerte sind ein Erfolgsmodell. Und die Abonnemente? Sie werden für die städtischen Sinfonieorchester ihre Funktion als bedeutendes Mittel dessen, was man heute neudeutsch als «Audience Development» bezeichnet, nicht verlieren. Sie sorgen für Kontinuität, Planbarkeit der Einnahmen und emotionale Bindung der Konzertbesucher an ihr Ensemble. Den neuen Gewohnheiten werden sie sich aber anpassen müssen. Verstanden hat dies etwa das Aargauer Symphonie Orchester, das seine Familien-. Pops- und Neujahrskonzerte in einer B-Abo-Reihe bündelt. Die Strategie dürfte Zukunft haben. (wb)

«Russische Wintermärchen», Neujahrskonzert des Berner Symphonie Orchesters, 2. Januar 2011, Kultur-Casino Bern, Andrey Boreyko (Dirigent), Patricia Kopatchinskaja (Violine), Moscow Art Trio, Matthias Gawriloff (Moderation).

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