13.04.2013 — Vielleicht ist das alles ja ein grosser Irrtum, mutmasst man nach diesem Konzert, nachdem Pappanos «Pathétique» eben gerade damit aufgeräumt hat: mit dem programmatischen Pathos in Tschaikowskys Sechster. Und wie.
Zum Auftritt des Chefs des Royal Opera House in London und des Ensembles des Abend, des Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia Roma (das alle Gerüchte über den Niedergang des italienischen Kulturlebens Lügen straft) gab’s ein ungewolltes mediales Vorspiel: In der britischen Presse hatte ein resignierter Seufzer Pappanos kurz zuvor einen kleinen Sturm entfacht – mit Blick auf die physische und ästhetische Kondition einer jungen Sängergeneration: Die Opern-Frischlinge schwächelten auf frustrierende Art und strichen bei kleinsten Schwierigkeiten gleich die vokalen Segel. Damit sprach Pappano die auffallende Häufung an Umbesetzungen, Rückzügen und Verschiebungen in aktuellen Produktionen an. Früher war’s besser, so der Tenor des Dirigenten.
Nicht alle denken wie der italienische Maestro, die Widerreden kamen prompt, Sukkurs erhalten hat Pappano allerdings von seinem an der Met und am Opernhaus Zürich engagierten Kollegen Fabio Luisi. In einem offenen Brief bekräftigte dieser, die «meisten Sängerinnen und Sänger, speziell die jungen» seien zu jung und/oder nicht gut genug vorbereitet, hätten technische Probleme und sängen die falschen Partien.
Ausgerechnet Pappano hat im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics allerdings eines der eher seltenen Konzerte mit einer Sängerin als Solistin bestritten, und als ob er demonstrieren wollte, wie man’s denn machen muss und kann, haben er und die Altistin Marie-Nicole Lemieux ein Werk präsentiert, das hierzulande selten zu hören ist, Chaussons «Poème de l’amour et de la mer», so souverän, dass einzig eine seltsame Unruhe im Publikum während des Berner Gastspiels daran gehindert hat, sich dieser wunderbaren Musik unbelastet hingeben zu können.
Eingeleitet worden ist der Abend eher zögerlich mit Respighis «Adagio con Variazioni« für Violoncello und Orchester, trotz der exzellenten Wiedergabe des Zürcher-Tonhalle-Solocellisten Thomas Grossenbacher kein Werk zum Einstieg in einen Konzertabend. Der fast beiläufig anmutende Auftakt dürfte allerdings auch eine Art Kollateralschaden der Programmierung gewesen sein, die mit Ausflügen in italienische, französische und russische Traditionen den expressiven Bogen weit gespannt und dem römischen Klangkörper die Gelegenheit geboten hat, alle Register seiner stupenden Kollektivarbeit zu ziehen. Man muss Mut in der Progammierung populärer Sinfoniekonzerte auch würdigen.
Die ganz grosse Überraschung hat’s dann aber eben nach der Pause gegeben, mit Tschaikowskys sechster Sinfonie in apollinischer Transparenz und einer präzisen Energie, die, je mehr der Abend vorangeschritten ist, zum atemraubenden Erlebnis geworden ist. Noch kaum je hat man die letzten Sätze des angeblichen Bekenntniswerkes so schlüssig und packend gehört, trotz, oder eben gerade wegen des unpathetischen, entschlackten Zugriffes. Tschaikowsky hat stets ein Geheimnis um das Programm der Sinfonie gemacht, in die deshalb gerne ein verschlüsseltes biografisches Drama hineingemutmasst wird. Pappano und das römische Orchester haben demgegenüber aufgezeigt, dass es ihm ebensogut einfach um eine kühne, genuin ästhetische Ausweitung des sinfonischen Raums gegangen sein könnte.
Da hat man sich gefragt, was man da noch als Orchesterzugabe nachschieben könnte, ohne das Erlebnis zu entwerten. Pappano hat aber auch dieses Problem souverän gelöst, mit Verdis («Wir sind in einem Verdi-Jahr», rief er dem Publikum in Erinnerung) Ouvertüre zu «La forza del Destino». Wie passend. (wb)
13. April 2013, Kultur-Casino Bern, Migros-Kulturprozent-Classics, Tournee V, Orchestra dell’Accademia di Santa Cecilia Roma, Antonio Pappano (Leitung), Marie-Nicole Lemieux (Alt), Thomas Grossenbacher (Violoncello), Ottorino Respighi: Adagio con Variazioni, Ernst Chausson: Poème de l’amour et de la mer, Peter Tschaikowsky: Sinfonie Nr.6 h-Moll op. 74 «Pathétique».