Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Piazzolla als lyrischer Kammermusiker

14.01.2004 — Die EMI-Classic-Doppel-CD trägt den unglücklichen Titel «Libertango» (ein Piazzolla-Album aus dem Jahr 1974 trägt den gleichen Titel und fremde Künstler schmücken ihre Erzeugnisse gleich tonnenweise mit dem Stichwort). Auf der ersten Scheibe der Kompilation sind Werke Piazzollas zusammengestellt, wie sie von anderen wichtigen Vertretern des Stils interpretiert worden sind (teils unter Mitwirkung Piazzollas). Es finden sich da Aufnahmen der Orchester von Anibal Troilo, Carlos Garcia, Leopoldo Federico, Osvaldo Fresedo, Osvaldo Pugliese, Raúl Garello, José Basso und dem Sexteto Mayor.
Die zweite CD bringt eine Reihe von Interpretationen von Piazzolla-Klassikern in eher ungewöhnlichen Besetzungen. Zu hören sind unter anderen das Octeto Académico de Caracas, das Ensemble Triestango, die Cellisten der Berliner Philharmoniker, das Eroica Trio und das hervorragende Orquesta Estable del Teatro Colón mit José Carli.
Da wird einem etwas «zugemutet», was in der Regel tunlichst vermieden wird: «Adios Nonino», das zweifelsohne meistgespielte Stück Piazzollas, ist ganze fünf Mal vertreten. Aber auch «Otoño Porteño» ist zweimal zu hören, einmal von Raúl Garello, einmal vom Eroica Trio. Auf der andern Seite werden zwei Teile aus dem Zyklus «Historia de Tango» in zwei gänzlich verschiedenen Fassungen präsentiert: «Café 1930» wird vom Trompeter Mark Gould und einem namentlich nicht genannten Gitarristen dargeboten, «Night Club 1960» von Emmanuel Pahud (Flöte) und Manuel Barrueco (Gitarre). Die «Doubletten» und Auskoppelungen sind jedoch keineswegs ein Ärgernis. Sie schärfen ganz im Gegenteil das Ohr für die kompositorischen Details der Musik und die hohe lyrische Qualität der Arbeiten Piazzollas.
Zwei Dinge vermisst man bei dieser anregenden Zusammenstellung allerdings. Zum einen ist das Bild der kammermuskalischen Versionen von Piazzolla-Titeln unvollständig ohne die brillanten Arrangements der brasilianischen Arrangeure Egberto Gismonti (übrigens wie Piazzolla selber ein Schüler von Nadja Boulanger)und Jaques Morelenbaum. Zum andern hat eine derartige Zusammenstellung dokumentarischen Charakter und müsste unbedingt mit genügend Informationen über die Ensembles und idealerweise die Umstände der Entstehung der verschiedenen Fassungen ergänzt werden. Das Booklet bietet jedoch bloss eine in Gemeinplätzen verharrende Umschreibung des Phänomens Tango Nuevo. Schade.
(pb)

Astor Piazzolla: Libertango, verschiedene Interpreten, EMI Classics, 7243 5 85130 2 8, Doppel-CD
«Piazzollando» (com sotaque brasileiro/mit brasilianischem Akzent) , Rio Cello Trio, Quinteto Villa-Lobos und weitere, Milan Sur 262 577

Schreibe einen Kommentar