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Prix du Piano Bern: Arena frei für den Nachwuchs

26.02.2010 — Zum vierten Mal war der Berner Kursaal Schauplatz der Austragung des vom Festival Interlaken Classics ausgerichteten Prix du Piano. In seinem Rahmen stellen sich jeweils vier Nachwuchspianisten dem Urteil des Publikums.

Klavierwettbewerbe stellt man sich in der Regel als geschlossene Veranstaltungen vor, in denen Fachleute in überaus ernsten, episch breiten und häufig engagiert bis erbittert geführten Diskussionen die Darbietungen ambitionierter Jungtalente sezieren und eine Jury nach längeren Beratungen ihre Urteile fällt. Mit andern Worten: als Branchenrituale unter praktischem Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Berner Prix du Piano, den das Festival Interlaken Classics nun zum vierten Mal durchgeführt hat, ist anders – und er hat das Potential zur Kultveranstaltung.

Da präsentieren sich in dem sonst eher der kulinarischen Zerstreuung vorbehaltenen Rundsaal des Berner Kursaals auf einer Arena-Bühne vier junge Interpretinnen und Interpreten dem Publikum. Dieses wiederum setzt sich aus Vertretern der lokalen Politik und Wirtschaft, diskret im Hintergrund bleibenden Fachleuten als Zaungästen und zahlreichen interessierten Laien zusammen, die sonst kaum je an derartigen Anlässen zu finden sein dürften. Eine Nebenrolle hat das Publikum aber keineswegs; es amtet nämlich als Jury.
Künstlerischer Leiter des Prix du Piano ist der in Paris wohnhafte Marian Rybicki. Er ist sich der Eigenart der volkstümlichen Veranstaltung durchaus bewusst. Hier würden sich – so der sympathisch und bescheiden wirkende Kenner der Szene – Talente dem Publikum stellen, die mit dem Gewinn von Preisen und Auszeichnungen ihre künstlerische Könnerschaft bereits unter Beweis gestellt hätten. Es gehe deshalb auch nicht darum, ihre Technik und Gestaltungskraft auf Herz und Nieren zu prüfen, sondern ihr Charisma auf der Bühne zu ergründen.

Dem ungewohnten Härtetest stellten sich heuer die Japanerin Madoka Fukami (die kurzfristig für einen erkrankten Teilnehmer einsprang), der Deutsche Alexander Schimpf, der Russe Denis Kozhukhin und die Ukrainerin Dinara Klinton, die laut der Präsentation Rybickis alle unterschiedliche pianistische Schulen repräsentieren – vom Pariser Conservatoire in der Tradition Alfred Cortots bis zur russischen Schule, die in Moskau gelehrt wird.

Ein direkter fachlicher Vergleich der vier wäre nicht nur dadurch erschwert gewesen, sondern auch durch die Tatsache, dass sie unterschiedliche Werke unterschiedlicher Schwierigkeit präsentierten und in der künstlerischen Reife nicht alle am gleichen Ort zu stehen schienen – wenn auch allen unbestreitbar hohes Können und Talent attestiert werden durfte. Allen gemeinsam war in der Programmwahl eine Nummer aus Chopins Etüden op. 10 oder op. 25 und ein opulenteres Werk aus der Zeit der romantischen Klaviervirtuosen.

Am ehrgeizigsten zeigte sich da der auch künstlerisch am gereiftesten wirkende Kozhukhin, der mit der «Ozean»-Etüde op. 25, Nr.12 eine der schwierigsten Chopin-Studien gewählt hatte und sich auch mit drei Préludes Rachmaninows exorbitanten technischen Herausforderungen stellte. Klinton und Schimpf präsentierten je eine Ungarische Rhapsodie von Liszt (Nr.2 und Nr. 12), Makoda Fukami blieb – wohl eine Konzession an ihr kurzfristiges Einspringen – Chopin treu, nämlich mit einer Auswahl aus den Préludes op. 28.

Die äussern Umstände des Wettbewerbs dürften für die Auftritte eine Herausforderung dargestellt haben: Das Publikum, das sich ansonsten sehr diszipliniert verhielt, gruppierte sich am Prix de Piano an Tischen und klapperte ab und zu ungewollt mit Flaschen und Gläsern; Huster und hartnäckige Klickgeräusche von Fotoapparaten sorgten für akustisches Hintergrundrauschen und eine konstant arbeitende Klimaanlage lieferte den summenden Grundton, der jegliche Michelangelo-Benedetti- und Keith-Jarrett-Allüren der Auftretenden im Keim ersticken hätte.

Unberechenbar (und vielsagend) war auch das Applausverhalten des Publikum. Am stärksten zu spüren bekam dies die Japanerin, deren erstes Werk, ein subtil vorgetragener Satz aus einer frühen Beethoven-Sonate, im Saal keinerlei Reaktion auslöste. Dafür wurde sie davon überrascht, dass ihr Chopin-Zyklus mit Applaus unterbrochen wurde. Kozhukhins fulminant-souveräne Interpretation des «Ozeans» wiederum wurde eher verhalten aufgenommen, möglicherweise ein Indiz darauf, dass das geerdete Berner Publikum Auftritten, in die ein Hauch Exhibitionismus hineininterpretiert werden könnte, aus Prinzip mit Skepsis begegnet.

In den zwei Runden, in welche die vier ihr Programm unterteilten, gab es viel musikalisch Interessantes und Geschmacksvolles zu erleben. Aufhorchen liess etwa, wie Madoka Fukami die sechs der aus op. 28 ausgewählten Chopin-Préludes mit langem Atem aufblühen liess oder Dinara Klinton die linke Hand im Mittelteil der Etüde op.25 Nr.5 zum Singen brachte. Die Ukrainerin bestach darüberhinaus mit transparentem, konturenreichem Spiel, das auch die Ungarische Rhapsodie Nr.2 zu einem glitzernden Kaleidoskop der pianistischen Farben werden liess.

Mit Menuett und Alla turca aus Mozarts Klaviersonate KV 331 eröffnete Klinton ihren Part daneben mit einem der populärsten Werke der Klavierliteratur. Das war auch schon dem Programmheft zu entnehmen gewesen, was am Nebentisch des Berichterstatters einen Besucher schon vor dem Auftakt der Präsentation darauf wetten liess, sie werde beim Publikum das Rennen machen.

Er sollte recht behalten. Dem Russen wurde der mit 5000 Franken dotierte zweite Preis zugesprochen, der mit 10’000 Franken alimentierte erste ging an die Ukrainerin. Details zu den Stimmverhältnissen wurden keine bekanntgegeben. Klinton bedankte sich beim Publikum mit Liszts «Liebestraum» als Zugabe, einem weiteren Ohrwurm des klassisch-romantischen Repertoires. Ein unprätentiöser, ganz der Musik verpflichteter Abend fand damit ein sympathisches Ende. (wb)

4. Prix du Piano, Kursaal Bern, 20. Februar 2010, präsentiert vom Festival Interlaken Classics, www.interlaken-classics.ch

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