| 03.11.2005 — An Ihrem 3. Symposium hat sich die Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin (SMM) einem Thema angenommen, das unter Musikern noch immer ein Tabu ist: psychische Belastungen im Berufsleben.
In den Räumlichkeiten der Hochschule für Musik und Theater Zürich (HMT) erörterten an dem gut besuchten Anlass Spezialisten der unterschiedlichsten Fachrichtungen Aspekte des Thema. Ein fundamentales Problem prägte dabei die Referate: Betroffene suchen in der Regel erst Hilfe, wenn es bereits zu spät ist. Nicht nur passive Wissensvermittlung Aber nicht bloss die passive Weitergabe von Wissen sollte an dem Anlass im Zentrum stehen. Vielmehr galt es auch, in Workshops spezifische Übungen für Stressbewältigung im Unterricht und für die Bühne einzuüben. So erläuterte zum einen die Musik-Kinesiologin Pia Bucher, wie sich mittels Einsatz von Farben und Bewegungsübungen Blockaden von Energiesystemen des Körpers verhindern oder aufbrechen lassen. Eine Folge von Stress ist etwa, dass die Fähigkeit zur körperlichen Koordination abgesenkt wird. Solchen Einschränkungen der Vitalität und Leistungsfähigkeit kann mit einfachen Körperübungen begegnet werden, welche die komplexe Koordination beider Körperhälften stimuliert. Die Weblinks Infos zur der Tagung: Symposium Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin: www.musik-medizin.ch —————————————————————– Heidi Blessing Rolli machte die Teilnehmer des Symposiums zum andern mit der Feldenkrais-Methode bekannt. Diese kann auf zwei Arten eingesetzt werden, und zwar in der Einzelarbeit oder in der Gruppe. Letzteres demonstrierte die Referentin mit einer praktischen Lektion, im Sitzen die Eigenwahrnehmung zu verfeinern und so die Arbeit am Instrument wirksam und bleibend zu verändern. Psychische Belastungen noch immer ein Tabu Dass die Ausübung des Musikerberufs mit immensen inneren und äusseren Belastungen verbunden ist, unterstrich Pia Bucher als Präsidentin der SMM in ihrer Einführung zum Tagesprogramm. Angesichts seiner Bedeutung habe man sich aber entschlossen, sich an des Thema zu wagen. Dabei sei es sinnvoll, das Gebiet interdisziplinär aus physiologischer und psychologischer Sicht anzugehen. Daniel Fueter, der Präsident der HMT Zürich, gestand in einer Grussbotschaft seiner Institution, dass auch er selber unter dem weitverbreiteten Lampenfieber leide und sich dies mit zunehmendem Alter nicht etwa verbessert, sondern eher intensiviert habe. Er gab aber auch zu bedenken, dass Musik machen und dass Musik hören selbst geeignete Mittel sind, den Musikberufen standzuhalten und die Musik selber Energien mobilisiert – andere Berufsgattungen, seien nicht im selben Mass in der Lage, ihre Tätigkeiten auch als Ausgleich zu den Belastungen des Alltages zu nutzen. Ein falsch konstruierter Gegensatz Der Psychosomatiker Christof Ammermann erinnerte daran, dass das Musizieren eine sehr nach innen gerichtete Tätigkeit ist, die zum öffentlichen Auftritt in einem Spannungsverhältnis steht. Kommt es aufgrund dieses Konfliktes zu Zwischenfällen, so wird die Psyche beeinträchtigt. Allerdings besteht eine hohe Hemmschwelle, sich in solchen Fällen einem Fachmann anzuvertrauen, weil Psychiatrie in der Regel als etwas gesehen wird, was nur in schweren Fällen von Störungen in Frage kommt. Das verzerrte Bild der Psychiatrie scheint Hilfesuchende zunächst einmal zu entwerten und erhöht die Schwelle für Ratsuchende. In dem Denken steckt laut Ammermann ein falscher Antagonismus, der davon ausgeht, dass eine Störung entweder psychischer oder aber rein körperlicher Art ist. Diese Ausschliesslichkeit wird auch von den einschlägigen offiziellen Katalogen von Krankheitsbildern befördert. Vor allem bei chronischen Beschwerden, bei denen organische Untersuchungen nichts zutage bringen, werde – meinte der Psychotherapeut -, der falsche Schluss gezogen, dass das Problem bloss auf der psychischen Ebene bestehe; zudem gerieten Betroffene unter den Verdacht des Simulantentums. Eine wichtige Quelle von Störungen, die sich in den üblichen physischen Diagnosen nicht zeigen, sind Automatismen, wie sie fürs Musizieren wesentlich sind, etwa motorische Abläufe beim Instrumentalspiel, wenn sie nicht mehr bewusst gesteuert werden. Es handelt sich dabei nicht nur um Bewegungs-, sondern auch um Empfindungsmechanismen, die sich ähnlich der Phantomschmerzen in amputierten Gliedern verselbständigen können. So können sich zum Beispiel nach Verletzungen eines Arms Automatismen der Verkrampfung von Schulterbereichen einspielen, die auch nach dem Ausheilen der betroffenen Partie fortbestehen. Physiotherapeuten kennen das Phänomen auch unter dem Begriff der Kompensation: Wenn gewisse Körperbereiche beeinträchtigt sind, etwa nach einem Schlaganfall, werden Behelfsautomatismen entwickelt und eingeübt, die von den Betroffenen auch dann beibehalten werden, wenn sie nicht mehr benötigt werden. Damit sind Fehlbelastungen des Körpers vorprogrammiert. Auftrittstraining als Zürcher Pionierleistung Der Fachbereich Musikphysiologie der Hochschule für Musik und Theater Zürich bietet ein Vorspiel- und Singtraining, das auf seinem Gebiet in Europa Pionierarbeit vollbringt. Vorgestellt wurde es vom Leiter Horst Hildebrandt. Beim musikalischen Vortrag müssten sich – erklärte der Präventivmediziner – der Musiker oder die Musikerin auf eine nahe Zukunft konzentrieren. Dies lasse sich mit speziellem Training schulen. Wenn jemand mit Lampenfieber kämpft, so ist es wichtig, dass er lernt, sich auf bestimmtes Kommendes, sei es rhythmisch der klanglich, zu freuen, damit die zu erfüllende Aufgabe nicht als unüberwindliche Wand vor sich gesehen wird. Man kann dabei auch bewusst die Abläufe und die Synchronisation von Bewegungen und Gehör beim Voraushören und der Bewegungserwartung trainieren. Ziel der Veranstaltungen an der HMT ist es, Selbstregie und «Krisenmanagement» in solchen Abläufen zu schulen. Das Problem vieler Studierender ist, dass sie bereits sehr frühe Erfahrungen mit anspruchsvollen Bühnenauftritten gemacht haben, da sie häufig bereits im Kindesalter, etwa bei Vortragsübungen, mit stark ritualisierten und mit hohen Ansprüchen aufgeladenen öffentlichen Zurschaustellungen konfrontiert worden sind und auch bereits vor die Kamera des filmenden Onkels haben treten müssen, die alle Fehler für alle Zeiten registriert und damit jeden Auftritt zu einer existentiellen Bewährungsprobe werden liess.
Die Auftritte des Nachwuchses werden aber automatisch auch an Aufnahmen grosser Stars gemessen und damit Beurteilungen vollzogen, bei denen Kinder und Halbwüchsige bloss verlieren können. An der HMT wird in Gruppen von sechs bis zehn Personen plus Kursleiter gearbeitet, wobei die verschiedensten Instrumente und Gesang bewusst gemischt werden. Es gilt dabei die Regel, dass zunächst die positiven Aspekte einer Darbietung herausgestrichen werden, bevor die konstruktive Kritik ins Spiel kommt. Dabei werden auch praktische Techniken geübt wie etwa, sich in angtseinflössenden Situationen bewusst lebhaft und frei zu bewegen, um dem Einengenden, das der Angst eigen ist, gegensteuern zu können. Phoniatrische Aspekte des Sprechens und Singens Die Berner Phoniatrie-Spezialärztin Maria Mullis Gadient bedauerte, dass die Stimme in der Regel erst so richtig wargenommen wird, wenn sie nicht mehr funktioniert. Häufig wird dabei in erster Linie an eine Erkrankung des Kehlkopfes gedacht und von der Medizin eine einfache Reparaturleistung erwartet. Bei den Stimmstörungen unterscheidet man laut Mullis Gadient zwei Hauptgruppen, die organischen und die funktionell bedingten, die sich allerdings nicht klar trennen lassen, da etwa organische Störungen wie Entzündungen, Zysten oder Polypen funktionelles Fehlverhalten provozieren. Schlechte äussere Bedingungen – zum Beispiel das kontinuierliche Üben in schlecht geheizten und trockenen Räumen – sind eine häufige Ursache für derartige Störungen. Und natürlich schaden auch schlechte Gewohnheiten wie Rauchen, Alkoholmissbrauch oder Schlafmangel der Stimme. Man müsse, meinte die FMH-Ärztin, allerdings lernen, mit Unvollkommenheiten zu leben. So machten professionelle Sänger die Erfahrung, dass sie nicht mehr als zwei-, dreimal pro Jahr einen Auftritt unter den gewünschten idealen Bedingungen zu absolvieren in der Lage seien. Der Kehlkopf sagt laut Mullis Gadient im übrigen nichts aus über die Möglichkeiten, zum grossen Sänger oder zur grossen Sängerin zu werden. Ebensowenig könne jede Stimme durch entsprechende Technik strahlender und klangvoller gemacht werden. Die Phoniatrie könne lediglich feststellen, ob eine Stimme funktionstüchtig sei und den Anforderungen des Alltags genüge. Die künstlerische Qualität einer Stimme sei auch abhängig von kulturellen Präferenzen. So gelte etwa eine rauhe Stimme wie diejenige von Louis Armstrong oder Joe Cocker als sehr expressiv, auch wenn sie sich vom Standpunkt der Medizin eher dysfunktional präsentiere. Das Gebiss als Indikator innerer Spannungen Der auf Musikerkrankheiten spezialisierte Dornbirner Zahnarzt Joachim Lahme wies darauf hin, dass überaus grosse Energien aufgewendet werden, wenn wir «auf die Zähne beissen». So verschwendet jemand, der während des Schlafens buchstäblich mit den Zähnen knirscht und diese physisch schädigt, wieder einen grossen Teil der Energie, die er sich mit dem Schlaf eigentlich holen möchte. Die Zähne zusammenpressen kann in Angst- und Anspannungssituationen auch Energien ableiten, und den Körper kurzfristig stabilisieren – eine Strategie, die Bläsern nicht zur Verfügung steht, da sie ja mit dem Mundstück an den Lippen nicht auf die Zähne beissen können. Das Zähnepressen hat allerdings längerfristig weitreichende physische Schädigungen zur Folge. Die Zähne werden abgeschliffen, und der Knochen weicht wegen des ausgeübten Drucks mit der Zeit zurück. Eine Folge davon sind Zahnfleischentzündungen, überdies werden Verspannungen und Deformationen in die Halswirbelsäule und schliesslich in den Schulterbereich weitergegeben. Auch der sogenannte Geigerfleck ist im Grunde genommen Zeichen von Verspannung und falscher Haltung. Um dem entgegenzuwirken haben Lahme und seine Mitarbeiter eine spezielle Geigenstütze entwickelt, die individuell gearbeitet wird. Neuropsychologische Teufelskreise Der Zürcher Neurowissenschaftler Lutz Jäncke entwarf ein Bild des Stress’ als Reaktion des Körpers auf unangenehme Reize. Stress sei das Symptom, das durch Stressoren ausgelöst werde und eine klassische Anpassungsreaktion des Körpers auf eine belastende Situation darstelle, erklärte der Neuropsychologe. Die Stress erzeugenden Faktoren können chemischer, körperlicher, sozialer oder seelischer Art sein – Zeitmangel, Schichtarbeit, Mobbing, Prüfungen und vieles mehr. Stressoren von ausserordentlicher Bedeutung sind in der westlichen Welt etwa der Tod eines Ehepartners, Scheidung, Trennung, Gefängnisaufenthalte, Tod eines Verwandten, eine schwere Verletzung, Heirat und Kündigung des Arbeitsplatzes. Die höchsten Belastungen bilden soziale Faktoren. Materielle Verluste finden sich erst weit dahinter.
Stress ist mit der Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin verbunden. In einer Stresssituation werden ein langsamer und ein schneller Prozess in Gang gesetzt: Adrenalin wird ausgeschüttet und erzeugt die Flucht/Kampf-Reaktion im langsamen Prozess. Wird Cortisol ausgeschüttet, werden andere Prozesse heruntergefahren. In der Folge wird im kognitiven Bereich ein Teufelskreis angetrieben: Im Hippocampus werden vom Cortisol Rezeptorenzellen zerstört, was wiederum die Regelung der Stressreaktion verschlechtert. Die Gedächtnisleistung sinkt, bis es zur dissoziativen Amnesie kommt. Cortisol, Dopamine und andere Substanzen können auch die motorischen Schaltstellen in einen übererregten Zustand bringen und schliesslich ausser Gefecht setzen. Stress hat überdies einen grossen Einfluss auf viele Erkrankungen, etwa auf Depressionen und andere emotionale Störungen, und behindert viele kognitive Funktionen. Es gibt mehrere Möglichkeiten mit Stressoren umzugehen. Eine davon – die gesündeste – ist die sogenannte Coping-Strategie, mit der das Individuum versucht, sich realitätsbezogen mit den Stressoren auseinanderzusetzen. Eine zweite, bloss kurzfristig Erleichterung bringende, ist eine Verleugnungsstrategie, die mittelfristig zu krankhaften Reaktionsformen und schliesslich zu Realitätsverlust führen kann. Jäncke hat beobachtet, dass bei Musikern Schmerzen extrem häufig vorhanden sind. Musiker verbinden das Ausüben ihres Berufes sehr stark mit ihrer Persönlichkeit; das erzwungene Aufgeben des Berufes kann deshalb einen Zusammenbruch des eigenen Selbstbildes zur Folge haben. Krankheitsbilder wie die Fokale Dystonie werden laut Jäncke überdies häufig von psychischen Krankheitsbildern wie sozialen Phobien begleitet. Vorstellungen und Erwartungen prägen unsere Ängste Die Psychoanalytikerin Susanne Elsensohn erklärte, dass Ängste deutlich von inneren Vorstellungen mitgeprägt werden, etwa von Vorstellungen über das Publikum, die mit der Realität nichts zu tun haben. Im Selbstbild sind eigene Erfahrungen und Rückmeldungen von Bezugspersonen gespeichert. Fatale Selbstbilder können so stark verinnerlicht sein, dass sie als normal angesehen werden und gar nicht mehr ins Bewusstsein treten. Wenn uns unsere Fantasien aber bewusst werden, so sind wir in der Lage, uns dagegen zu wehren. Rückmeldungen können ungeheuer mächtig werden, wenn sie gehäuft negativ auftreten. Dies gilt speziell für Musiker, die nicht einfach ein Produkt liefern oder auswendig Gelerntes repetieren, sondern des ganzen Menschen bedürfen. Damit attackiert eine Ablehnung auch die eigene Persönlichkeit und das eigene Selbstvertrauen. Frauen sind laut Elsensohn überdies wegen ihrer physiologischen Eigenheiten benachteiligt. So können Menstruationszyklen etwa erhebliche Hindernisse in Prüfungs- und Bewährungssituationen bedeuten. Vor Auftritten kann die Angst vor einem totalen Blackout so gross sein, dass Solisten fürchten, davon verschlungen zu werden und in Ohnmacht zu fallen. Diese Ängste ziehen so viele Energien ab, dass kaum mehr solche für die eigentliche künstlerische Aufgabe übrigbleiben. Autoaggression bei Musikern ist Öl ins Feuer des Lampenfiebers. Autoaggression kommt auch bei Komponisten vor und hat teils fatale Folgen. So hat etwa der geniale französische Komponist Paul Dukas zahlreiche seiner Werke vernichtet, darunter zwei vollständige Opern und zwei Ballette. Wie man fatale Selbstbilder auflösen kann, zeigen uns laut Elsensohn die Schamanen: Diese projizieren sie nach aussen und verweisen sie auf ihren Platz. Man kann bedrohliche Komplexe also etwa malen und ihnen einen Namen geben, um mit ihnen umgehen zu können. (wb)
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| «Psychische Belastungen im Musikerberuf», 3. Symposium der Schweizerischen Gesellschaft für Musik-Medizin SMM und der Schweizerischen Interpretenstiftung SIS, in Zusammenarbeit mit der Hochschule Musik und Theater HMT Zürich und dem Schweizerischen Musikpädagogischen Verband (SMPV). Samstag, 22. Oktober 2005, Hochschule Musik und Theater Zürich | |||||||||||||