13.11.2003 — So erstaunlich es klingen mag: Die Existenz einer h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, einem seiner populärsten Werke, ist umstritten. In der Neuen Bach Ausgabe (NBA), die für die Musik des Thomaskantors etwa das ist, was der Duden für die deutsche Sprache, erscheinen die einzelnen Teile des Werkes als eigenständige Kompositionen. Der Bach-Forscher Friedrich Smend, der nach fünfundzwanzig Jahren akribischer Arbeit den kritischen Bericht zum entsprechenden Band vorlegte, kam zu der festen Überzeugung, dass Bach nie die Absicht hatte, eine grosse «katholische» Messe zu schreiben. Es sei ein historisches Missverständnis und ein künstlerischer Fehlgriff, von einer Messe in h-Moll oder gar einer «hohen Messe» zu sprechen, meinte er. Die auf seine Veröffentlichungen folgenden Auseinandersetzungen illustrieren zum einen typische Schwierigkeiten der Quellenforschung, zum andern aber auch ein tiefliegendes ästhetisches Problem.
Im Zentrum der Forschung stand (und steht) ein handschriftlicher, von Bach selber gebundener Band, der vier je durch ein Titelblatt abgetrennte einzelne Werke enthält: Eine lutherische Messe (bestehend aus Kyrie und Gloria), ein «Symbolum Nicenum» (das Glaubensbekenntnis von Nikäa), ein Sanctus sowie die zur vollständigen Messe noch fehlenden Teile Osanna bis Dona nobis pacem. Nach mühseliger Kleinarbeit glaubte Smend nachweisen zu können, dass die Partitur aus zwei unabhängig voneinander entstandenen Teilen besteht. Dafür, dass Bach mit dem Band kein eigenes Werk schaffen wollte, sprachen nach seiner Meinung mehrere gewichtige Argumente: Die Partitur besitzt zum Beispiel keine alle vier Teile zusammenfassenden Titel, dafür sind die einzelnen Werke durch Titelblätter voneinader abgetrennt; aber auch der Tonartenplan und die Tatsache, dass Bach weitere solche lockeren Sammlungen einzelner Werke zusamenstellte, schienen seine Theorie zu belegen. Tatsächlich vermochte er auch anzugeben, was denn die Funktion des Bandes gewesen sein könnte: eine Vertonung der 1694 erschienenen «Leipziger Kirchenandachten».
Es liegt eine gewisse Tragik in der Tatsache, dass Smends Lebenswerk durch kurze Zeit später erschienene chronologische Forschungen der beiden Musikwissenschafter Alfred Dürr und Georg von Dadelsen teilweise überholt wurden. Die beiden konnten nachweisen, dass der fragliche Band nicht aus zwei, sondern vier unabhängig entstandenen Teilen besteht. Ja mehr noch: Tatsächlich hat Bach das «Symbolum Nicenum» erst 1748 im Hinblick auf die Zusammenfassung der einzelnen Teile geschrieben. Es entstand also nicht – wie Smend noch glaubte – viel früher. Von Dadelsen glaubt in der Tatsache, dass Bach für den letzten Teil nur sogenannte «Parodien», das heisst Neutextierungen früherer Werke verwendete, einen weitern Beleg dafür zu sehen, das der Thomaskantor in seinen letzten Lebensjahren tatsächlich eine grosse Messe zusammenstellen wollte. Stilistische Betrachtungen scheinen die Theorie zu stützen: Ein in der Vorlage zum Osanna stehendes Instrumentalvorspiel hat Bach gestrichen; um formale Geschlossenheit zu erreichen, muss das Osanna direkt ans Sanctus angefügt werden. Damit ist aber sicher eine der drei Schnittstellen verfugt. Dass das Dona nobis pacem die Musik des wesentlich weiter vorne stehenden Gratias wieder aufnimmt spricht auch für eine Einheit des ganzen Bandes. Und die Funktion dieser Messe? Von Dadelsen schreibt: «Vielleicht wollte Bach, an der Schwelle des Alters angelangt, endlich auch eine Probe im Cantus magnus abgeben, in jener Kompositionsgattung, die seit der Zeit Josquins und Palestrinas den höchsten Rang beanspruchte». (wb)