30.09.2009 — Mit «La Bohème im Hochhaus» hat das Schweizer Fernsehen seine Reihe spektakulärer Opernadaptionen fürs Fernsehen nach der «Traviata im Hauptbahnhof» und der «Zauberflöte» auf zwei Kanälen weitergeführt. Das Resultat begeistert. Nach Verdis «Traviata» im Hauptbahnhof (siehe Rezension) hat das Schweizer Fernsehen (SF) mit der Inszenierung von Puccinis «La Bohème» in den Banlieues von Bern eine einzigartige Kulisse gewählt: den fast bizarr anmutenden Kontrast eines renovationsbedürftigen erratischen Plattenbaus aus den sechziger Jahren einer oft aufgrund ihrer städtebaulichen Geschichte gedankenlos als «sozialer Brennpunkt» betrachteten Grossüberbauung mit dem brandneuen Einkaufszentrum Westside, einer Kreation Daniel Libeskinds, die mit blitzförmigen Strukturen Elemente des Berliner jüdischen Museums des urban-postmodernen Stararchitekten aufnimmt. Im Gegensatz zur vorangehenden Produktion, in der nicht unbedingt mit, sondern bloss in ungewohntem Dekor gespielt wurde und das Fernsehen einen Ort für die Dauer der Aufführung ungefragt okkupierte, fügte sich diesmal alles in hervorragender Weise zusammen: Die «Bohème» – von Redaktionsleiter Thomas Beck als «Wohnoper» bezeichnet – erwies sich als die ideale Geschichte zum Bespielen des Ortes (der vor der Wahl der Oper bereits feststand). Dem SF-Team gelang es zudem, die lokale Bevölkerung in die Produktion einzubeziehen, Wohnungen und Gemeinschaftsräume dienten als Drehorte, Bewohner als Statisten, der Chor der Musikschule aus der Nachbargemeinde Köniz als musikalische und darstellerische Verstärkung. Entstanden ist dabei eine Volksproduktion im besten Sinne, die mit viel Respekt für die Enzigartigkeit des sozialen Kosmos in der Hochhaussiedlung die zeitlosen Motive alltäglicher Liebes- und Lebensdramen zum Leben erweckte. Wie in der «Traviata» waren die Akteure der «Bohème» in historische Kostüme gekleidet, im Gegensatz zu den Zaungästen aus dem Quartier, was der Inszenierung trotz der ungewohnten Kulisse etwas Brav-Konventionelles verlieh. Offenbar verhalf die Kostümierung vor Ort, Akteure von der normalen Bevölkerung zu unterscheiden. Ob es da nicht etwas mutigere Formen des Einkleidens gegeben hätte? Eine Ebene der Künstlichkeit schuf überdies das Licht, das (entfernt an Robert Wilsons Ästhetik erinnernd) eigene Stimmungsräume kreierte. So war der erste Akt, respektive das Ambiente des Hochhauses in tiefes Blau und Grün getaucht, wohingegen der zweite in einer Gaststätte des Westside von den honiggelben Farbklängen geprägt war, die Mimi einmal als Farben der Liebe charakterisiert. Der Schluss spielte dann weitgehend im Grau des Verfalls von Strasse und Betonsäulen eines öffentlichen Platzes. Ebenso wie in der «Traviata» mussten die Zuschauer von SF auf Untertitel verzichten. Mit keinem Wort wurde erwähnt, dass auf Arte (und Teletext) die ganze Produktion untertitelt mitverfolgt werden konnte. Nicht einmal, als der Berner Rocksänger Polo Hofer im anschliessenden Studiogespräch das Fehlen von Untertiteln beklagte, wurde darauf hingewiesen. Es ist ja nachvollziehbar, dass SF (aus werbetechnischen Gründen?) sein Publikum nicht an Arte verlieren wollte; man fragt sich dann aber, weshalb in der Romandie und beim europäischen Kultursender möglich war, was SF in der Deutschschweiz offenbar nicht zustandebrachte. Eine dem medientechnischen Zeitgeist verpflichtete Alibiübung schien auch das Ablesen von Zuschauerreaktionen, das Interaktivität und Transparenz vorspiegelte. Es ist zwar schwer vorstellbar, dass jemand diese Produktion schlecht gefunden haben könnte, Verrisse wären wohl aber mitten in der Sendung kaum öffentlich gemacht worden. Eine Echtzeit-Debatte wäre für die Produktion sicherlich auch ein verfehlter Stimmungskiller gewesen. Zwiespältig blieb auch die Strategie, Interesse für die Produktion mit Hinweisen auf die komplexen technischen Probleme und Hindernisse zu wecken. Beck relativierte diese im Anschlussgespräch selber, indem er richtigerweise darauf hinwies, dass es immer der Ehrgeiz grosser Kunst ist, den Aufwand und die Anstrengungen, die mit ihr verbunden sind, eben gerade nicht spürbar zu machen. Die Technik, so Beck, müsse eigentlich zurücktreten, wenn sie die Musik nicht zerstören wolle. Wie wahr. Eine Detailwürdigung der künstlerischen Leistungen des Berner Symphonieorchesters unter der Leitung von Srboljub Dinic und der Solisten Maya Boog, Saimir Pirgu, Eva Liebau, Robin Adams, Gerardo Garciacano, Carlos Esquivel, Lionel Peintre, Bernd Gebhardt, Mariusz Chrzanowski, György Antalffy ist wenig sinnvoll, denn der Zuschauer konnte sich kein Bild machen, wer mit welchen umständebedingten Herausforderungen zu kämpfen hatte. Das Gesamtergebnis (das die Mitwirkenden live gar nicht erfahren konnten) war aber musikalisch auf durchgehend hohem und interpretatorisch berührend-authentischem Niveau. Auch die unprätentiöse Inszenierung kann beinahe uneingeschränkt gelobt werden. Mehr Potential hätten möglicherweise die Massenszenen mit Kinder- und Erwachsenenchor im Einkaufszentrum gehabt, die in den typisch fernsehgerechten Nahaufnahmen wenig Wucht entfalteten, und die in der Musik sehr intim angelegte Schlussszene drohte bei aller Bewegtheit über den Tod Mimis ins appellativ Symbolistische zu kippen, als die in aller Öffentlichkeit Sterbende in einem mit «Endstation» angeschriebenen Bus sich in einer Totale vom Schauplatz entfernte – in Richtung des vom Linz09-Intendanten Martin Heller im Anschlussgespräch in dieser Funktion als «Totenstadt» bezeichnete Quartier. Die Moderatorinnen Sandra Studer und Alice Tumler und der Moderator Michel Cerutti verstanden es, die Stimmung im Quartier und den Lauf der Geschichte organisch in die Gesamtproduktion eingebettet nahezubringen. Offensichtlich hat man da aus den Erfahrungen mit der «Traviata» gelernt, wo man die Zwischenmoderationen noch wie ein Wegwischen der erzeugten Stimmungen empfinden konnte. Auch das Abschlussgespräch mit Polo Hofer, Martin Heller, Thomas Beck und Graziella Contratto, der Intendantin des Davos Festivals, brachte diesmal mehr als dasjenige nach der «Traviata», auch wenn die doch recht unbeholfene Gesprächsleiterin Judith Hardegger (die bei den Sternstunden exzellente Arbeit verrichtet) die Diskutanten nicht so recht aus der Reserve zu locken verstand. Die «Bohème im Hochhaus» kann mt gutem Gewissen als Sternstunde des Schweizer Fernsehens bezeichnet werden. Da stimmte einfach alles, von der Inszenierung über die behutsame, partnerschaftliche Annäherung an eine Quartierbevölkerung bis zur medialen und technischen Umsetzung. Das macht neugierig, wie der öffentlich-rechtliche Sender diesen Weg weiterverfolgen wird. (cf)
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| «La Bohème im Hochhaus», Schweizer Fernsehen und Arte, 29.09.2009. Webseite des Projekts: www.sf.tv/sendungen/laboheme/index.php |
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