05.05.2005 — Mit der Zeit gingen sie Daniel Lienhard, dem 1955 geborenen Solohornisten des Berner Symphonieorchesters, ziemlich auf den Keks – «die pentrante Verwendung von Jagdsignalen, der einfallslos durchwegs vierstimmige Satz und die gelegentlich praxisferne Art, für das Horn zu komponieren». Daraus entwickelte sich der Ehrgeiz, selber ein Werk zu schreiben, das diese Klippen umschiffen sollte. Musik für vier Hörner kreieren ist tatsächlich eine Herausforderung. Zum einen sind da die beschränkten klangfarblichen Varianten, mit denen jede homogene Besetzung – ob Violinen, Gitarren, Klaviere oder Flöten – zu kämpfen hat. Zum andern sieht sich jeder Komponist hier tatsächlich hartnäckigen Klischees gegenüber.
Aber dennoch sind für die spezielle Besetzung originelle und interessante Werke geschaffen worden – auch in der Schweiz. Die einheimischen Schöpfungen sind allerdings nicht einfach vom Himmel gefallen. Dazu bedurfte es eines unermüdlichen Lobbyisten, den das Instrument in der Person des 2003 verstorbenen Edmond Leloir hatte. Der belgischstämmige Solohornist des Orchestre de la Suisse Romande prägte nicht nur viele Aufnahmen seines Orchesters der Ansermet-Ära. Er begründete mit dem Quatuor Leloir auch eine neue Ära eidgenössischer Hornmusik. Seiner Initiative verdanken wir Werke von Erik Székely, Alphonse Roy, Julien-François Zbinden, Carlo Florindo Semini, Bernhard Reichel und Renato Grisoni.
Nun liegt eine erste CD vor, die das Schweizer Hornquartett-Schaffen auf erfreulich sorgfältige Art dokumentiert. Die CD von Musiques Suisses, einem Programm des statutarisch zum Kulturengagement verpflichteten Schweizer Grossverteilers Migros, lässt weder editorisch noch musikalisch Wünsche offen. Von den bereits erwähnten Werken findet sich darauf Erik Székelys «Aubade et Séquence». Daneben lassen sich die «Legende für Hornquartett» des Liszt-Spezis Templeton Strong als spätromantischer Beitrag zum Genre, sowie Ernst Widmers «Panorama» (1974), Lienhards «Partikel» (1978/80), Klaus Cornells «Remémorances» (2004), Andreas Pflügers «Resonanzen» (1987/2002) und Roland Mosers «Ton in Ton» (1990/97) entdecken.
Es ist sicher nicht Zufall, dass in der Kammermusik traditionellerweise bloss zwei oder drei Hörner kombiniert werden. Was darüber hinaus geht, neigt zur Erzeugung einer Klangsuppe. Die Farbe des Hornes hat etwas Artifizielles und stark Verschmelzendes, das sie vermutlich für einen Mix mit elektronisch erzeugten Klängen prädestinieren würde. Die vielfältig irisierenden und changierenden Mixturen der auf der CD vorfindlichen Werke gehören denn auch zu den stärksten Eindrücken, und Titel wie «Resonanzen» oder «Ton in Ton» scheinen dem Charakter der Besetzung am ehesten gerecht zu werden.
Weit weniger überzeugend sind die metaphorischen Brücken zu Aussermusikalischem und Lautmalerei, die einige Titel zu schlagen versuchen und in den Erklärungen im Booklet etwas allzu unkritisch paraphrasiert werden. So ist in Székelys «Aubade» mit besten Willen kaum etwas von Morgenstimmung auszumachen und auch die Entlehnungen aus der Musik des brasilianischen Nordostens, die sich in Widmers Quartett finden sollen, sind sehr gut versteckt. Aber auch «Erlebnisse in der Wüste» müssen in Klaus Cornells «Remémorances» eine sehr subjektive Färbung angenommen haben. Dass überdies akzentuierte Rhythmik nicht das Ding eines Hornquartettes mit seinen verschwimmenden Konturen ist, zeigt sich im weiteren an der Tatsache, dass die ungeraden Metren in Székelys «Séquence» kaum den zündenen Impetus erreichen, den derartige Musik etwa mit Streichern entfaltet.
Die Quartettformation hat aber auch ihre spezifischen Stärken, die sie für Komponisten wie Interpreten und selbstverständlich auch die Hörerinnen und Hörer überaus attraktiv machen. Vor allem das gekonnte Spiel mit den Klangfarben und Mixturen (etwa von gestopften und gedämpften Instrumenten) und die extreme dynamische Spannweite mit ihrem Klangfarbenreichtum nutzen alle ausgewählten Werke für eigene Universen einer Art «Musique spectrale». (wb)
Schweizer Hornquartette, Vol. I, Musiques Suisses, MGB CD 6226, www.musiques-suisses.ch