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«Shalom Comrade!»

06.07.2006 — Brosamen vom einst überreich gedeckten Tisch: Das Album «Shalom Comrade! Yiddish Music in the Soviet Union 1928–1961» erinnert mit raren historischen Einspielungen an die vielfältige lebendige Musikkultur der Juden in der UdSSR.

Unterdrückung und Verfolgung mussten auch die Juden in Russland periodisch erdulden. Der erste historisch verbürgte Pogrom fand Anfang des 12. Jahrhunderts in Kiew statt; antisemitische Verordnungen, Agitationen und Ausschreitungen ziehen sich durch Russlands Geschichte.

Nach der Oktoberrevolution von 1917 wurden zwar 140 antijüdische Gesetze aufgehoben, doch bis 1921 kamen in 1500 Pogromen über 150’000 Angehörige des mosaischen Glaubens ums Leben: Die Sowjets verfolgten weiterhin jüdische Exponenten, die sie antisowjetischer Umtriebe verdächtigten und verboten die hebräische und zwangsassimilierten die jiddische Sprache. Dass mit den Menschen auch viele ihrer kulturellen Traditionen zu Schaden kamen und untergingen, braucht wohl kaum betont zu werden.

Dem Kampf gegen den «Kosmopolitismus» fiel in der stalinistischen Ära in Wellen antijüdischer «Säuberungen» (1948–1953) die intellektuelle Elite fast vollständig zum Opfer. Eine weitere Phase der Repression traf die jüdische Bevölkerung während dem post-stalinistischen Tauwetter von Mitte der Fünfzigerjahre bis 1967. (In den von den Deutschen besetzten Sowjetrepubliken kam eine Million Juden, Sinti und Roma ums Leben.) Im Jahrzehnt nach 1989 verliessen aufgrund zunehmender antisemitischer Pressionen und Tätlichkeiten über 900’000 Juden Russland; annähernd 700’000 davon gingen nach Israel.

Auch die jiddische Musik in der UdSSR war den obrigkeitlich kontrollierten Bedingungen unterworfen – es gab nur eine einzige staatliche Schallplattenfirma. So erstaunt es nicht, dass die Zahl der Aufnahmen im Vergleich zu den in Texten und Aussagen dokumentierten reichen Aktivitäten der Sängerinnen, Sänger, Chöre, Instrumentalisten, Gruppen und Orchester in Opernhäusern, Konzertsälen und Kaschemmen, auf Volksfesten, Hochzeiten und Beerdigungen sehr begrenzt ist.

Bis 1967 seien in der Sowjetunion nicht mehr als insgesamt 200 bis 300 Stücke eingespielt worden, heisst es im Beiheft des vorliegenden Albums. Über 100 davon befinden sich in der Sammlung der britischen Musikethnologen Rita Ottens und Joel E. Rubin (Chemjo Vinaver Collection), 26 davon sind auf «Shalom Comrade!» veröffentlicht: Lieder (mit Klavier- oder Orchesterbegleitung), Chöre, Operettenarien, Instrumentalstücke.

Die Anthologie macht bekannt mit charakteristischen Werken, deren grösster Teil aus den späten Dreissigerjahren bis Mitte der Fünfzigerjahre stammt, und mit bedeutenden Komponisten, Interpretinnen und Interpreten jiddischer Musik aus diversen Regionen der Sowjetunion.

Die jiddischen Texte handeln von Liebesfreud und -leid, von Familienszenen, und (gemässigtem) sozialem Protest, von Offensive und Roter Armee und – in einem Viglid, einem Wiegenlied – von Väterchen Stalin, dem Beschützer.

Den einzigartigen (und akustisch erstaunlich frisch erhaltenen) Klangdokumenten sind im 36-seitigen illustrierten Booklet eine kenntnisreiche Einführung in das Thema sowie Erläuterungen zu den einzelnen Stücken, ihren Autoren und Interpreten beigegeben. (ws)

Shalom Comrade! Yiddish Music in the Soviet Union 1928–1961. (Wergo SM 1627 2; 74’) Bei Amazon kaufen

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