18.09.2003 — Während sieben Jahrhunderten war Finnland eine Provinz des Königreichs Schweden. 1809, nach dem russisch-schwedischen Krieg, ging das Land der tausend Seen an Russland über. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwachte ein finnisches Nationalbewusstsein; es richtete sich gegen das Übergewicht der schwedischen Kultur und, verstärkt am Beginn des 20. Jahrhunderts, gegen die Politik der Russifizierung. Erst der Sturz des Zaren brachte Finnland im Dezember 1917 die Unabhängigkeit. Einer der Künstler, die sich vehement in den Dienst des nationalen Zusammenhalts stellten, war Jean Sibelius (1865–1957).
Sibelius, übrigens schwedischer Muttersprache, hat sich bereits 1892 mit der gross angelegten «Kullervo»-Sinfonie für Soli, Chor und Orchester auf der Seite der Nationalisten profiliert. Die vorliegende CD vereinigt opulente, sinnliche, kantige Interpretationen von sieben kürzeren, gegensatzreichen Kompositionen für Männerchor oder für gemischten Chor und Orchester, die vom patriotischen Feuer des Komponisten zeugen, der alsbald zur zentralen Figur der nationalfinnischen Musik wurde. Verständlicherweise nicht durch Instrumentalwerke, sondern durch formal, melodisch und harmonisch eingängige und klangprächtige Vertonungen von Texten über Helden («Laulu Lemminkäiselle», 1896; «Sandels», 1898/1915; «Snöfrid», 1900; «Väinön virsi», 1926 – eines der letzten Stücke, die Sibelius veröffentlicht hat) und von Hymnen an die Schönheiten der Natur («Oma maa» und «Maan virsi», beide 1918). Ebenfalls bedeutungsträchtig: Drei der Texte basieren, wie die «Kullervo»-Sinfonie, auf Motiven aus dem «Kalevala», dem Nationalepos der Finnen. Und in bedrohter Zeit, 1939, hat Sibelius eine dritte Version der populären Tondichtung «Finlandia» von 1899 geschaffen: «…Die Mächte der Nacht sind im Morgenlicht besiegt, / dein Tag bricht an, o mein Heimatland!» (ws)
Jean Sibelius: Cantatas Ellerhein Girls’ Choir. Estonian National Male Choir. Estonian National Symphony Orchestra. Leitung: Paavo Järvi. (Virgin Classics 7243 5 45561 2 8; 62’)