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Sibelius – ein Nationalist?

22.07.2005 — Die Tondichtungen von Jean Sibelius (1865-1957) wurden zum Symbol des finnischen Nationalismus. Entsprach Sibelius die Rolle der kulturellen Integrationsfigur jedoch auch innerlich? Verweist sein musikalisches Verstummen nach dem fünfzigsten Lebensjahr darauf, dass er mit der erfolgreichen finnischen Revolution eine Mission, eine Aufgabe erfüllt hatte? Oder ist gerade dieses späte Schweigen ein Zeichen mangelnder Verwurzelung in den eigenen heimatlichen Ursprüngen?

Sicher ist, dass Sibelius seine Werke zu einer Zeit schuf, in der sich Finnland politische und kulturelle Unabhängigkeit zu erkämpfen vermochte: War das Land bis ins 19.Jahrhundert zwischen den mächtigen Nachbarn Schweden und Russland aufgerieben worden, gewährte der russische Zar ihm als Grossfürstentum ab 1863 weitgehende Autonomie. Eine erneute Welle der Russifizierung um die Jahrhundertwende und totalitäre Bestrebungen verschärften den Konflikt mit dem mächtigen Nachbarn jedoch erneut, bis Finnland sich 1918 gänzlich von den Besetzern löste.

Die soziale und geistige Herkunft bestimmte Sibelius nicht gerade zum Bannerträger des finnischen Volksempfinden. Tatsächlich wuchs er in der überschaubaren schwedischsprechenden Mittelklasse einer finnisch-russischen Garnisonsstadt auf, mit familiären Wurzeln in beiden Völkern. Zeitlebens zog er seine Inspiration sowohl aus der schwedischen wie der – in seiner Jugend noch kaum existierenden – finnischen Literatur.

Seine erste Chorsinfonie, «Kullerwo» wurde zwar sicherlich mit «grösster patriotischer Begeisterung» (Ringbom) aufgenommen, die eigentliche Absicht ihres Schöpfers aber scheint, glaubt man den Ausführungen von Lisa de Gorog in dem aufschlussreichen Buch «From Sibelius to Sallinen», mehr privater Natur gewesen zu sein: Heiratsabsichten zwangen ihn dazu, geistige (und ökonomische) Ernsthaftigkeit unter Beweis zu stellen.

Aber reicht dieser etwas profane Hinweis aus, um die Schaffung eines solchen Werkes wirklich zu erklären? Sicher bediente sich Sibelius in der «Kullerwo»-Sinfonie Motiven aus der «Kalewala», dem finnischen Nationalepos, aus dem er auch die Inspiration zu weiteren Tondichtungen schöpfte, dem «Luonnotar» etwa oder der «Vainön Virsi», die beide jedoch mehr verinnerlichter Naturmystik als politischem Credo verpflichtet sind.

Sicher kam Sibelius im Umkreis der Schwiegereltern mit einem starken finnischen Nationalbewusstsein in Berührung. Die Familie Järnefelt selber allerdings pflegte ein eher europäisch-kosmopolitisches Denken, als dass sie sich dezidiert dem politischen Nationalismus zugewandt hätte. Auch die intellektuellen Zirkel, zu denen Sibelius Kontakte pflegte, etwa die schwedischsprachigen Euterpisten in Helsinki, die zum finnischen Nationalismus ohnehin Distanz schufen, vermochten in ihm nicht wirklich patriotische Gefühle zu wecken.

Die Einflüsse, denen Sibelius tatsächlich unterlag, finden sich eher im bürgerlich-mystischen Christentum eines Swedenborg oder Jakob Böhme. So spiegelt auch die Vertonung des «Snöfried», nach einem Text des schwedischen Dichters Rydberg, mehr das Interesse am Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, beschäftigt Sibelius sich darin mehr mit dem inneren Heroismus als mit dem politischen Freiheitswillen, der mit Hilfe der Dichtung ebenso zum Ausdruck gebracht werden könnte.

Auch das Verhalten des Schöpfers so vieler nationaler Kompositionen während des Bürgerkrieges lässt kaum auf grosse innere Verbundenheit mit den Idealen der finnischen Freiheitsbewegung schliessen. Zwar liesse sich ihm sicher nicht Illoyalität vorwerfen – immerhin musste er in den Kriegswirren verschiedene Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen. Sein Verhalten zwingt eher zur Annahme, dass er im Grunde ein unpolitischer Mensch war.

Als er bei seinem Schwager Eero in Helsinki Schutz suchte, notierte er in sein Tagebuch Eindrücke zu den von fern hörbaren Kämpfen um Helsinki, die jedoch eher romantische Lust am starken Affekt denn echte Betroffenheit verraten: «Erschreckend, aber überwältigend. Werde ich morgen noch am Leben sein?» Weshalb also konnte sein Schaffen zum nationalen Symbol werden? Wohl, weil sich sein eher privater Mystizismus gut dazu umdeuten liess; wie Lisa de Gorog meint, zeigten die Hinweise aber auch «den Sinn für Aufregung und Gefahr, die der Romantiker in Sibelius brauchte und auch die typisch romantisch egozentrische Reaktion und Beschäftigung mit den eigenen Gefühlen.»

Möglich also, dass mit der Einkehr des Alltags im neugeschaffenen Finnland die Inspirationsquelle des eigensinnigen, von der Musikgeschichte nicht nur an den geographischen Rand gedrängten Spätromantikers versiegt war. (wb)

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