10.10.2012 — Beethoven brachial. Damit touren Sir John Eliot Gardiner und seine Musikerinnen und Musiker – das Orchestre Révolutionnaire et Romantique und der Monteverdi Choir – zur Zeit durch Europa und die USA. Ihre «Missa Solemnis» weckt ungewöhnliches mediales Interesse, und dies nicht ganz grundlos: Gardiner verkörpert einen relativ neuen Typus von Künstler/Produzent, der seinen Weg unabhängig von grossen Labels oder Agenturen geht. Er kann auf selber ins Leben gerufene Ensembles zurückgreifen, die ihm ästhetisch zudienen, und damit weitgehend unabhängig vom Festivalzirkus mit eigenen Projekten und profilierter Botschaft auf Tour gehen. Zur Zeit eben mit Beethovens «Missa Solemnis». So eine Werk-Tournee ist im überhitzten globalen und sonst interpretenfokussierten Konzertzirkus ungewöhnlich.
Das dank der Migros-Kulturprozent-Classics absolvierte Gastspiel in Bern reiht sich denn auch ein in eine Serie von Konzerten, die von London, Pisa, Köln, Baden-Baden und Amsterdam bis nach Budapest, Wien, Madrid und New York führen. Für einmal hat die Aarestadt einen ihrer allzu seltenen markanten Auftritte als selbstbewusste Bundesstadt gehabt – als nationale Gastgeberin für das ungewöhnliche Ereignis. Der Saal war denn selbstredend auch restlos ausverkauft.
Gardiner hat zweifellos einen Hang zur grossen Geste. Für die Geamteinspielung der Bach-Kantaten hat er mit der Deutschen Grammophon gebrochen und sein eigenes Label Soli Deo Gloria gegründet. Zur Zeit scheint er sich den Auseinandersetzungen bedeutender Komponisten des 19.Jahrhunderts mit bekenntnishaften kirchlichen Grossformen zuzuwenden. Sein letztes CD-Projekt war dem Requiem von Johannes Brahms gewidmet, das ähnlich wie Beethovens Missa Solemnis eine Auseinandersetzung mit den existenziellen Themen der Kirchenmusik darstellt – von ihrer sakralen Funktion emanzipiert und zur autonomen Tonkunst weiterentwickelt. Dieses Jahr haben sich Gardiner und der Monteverdi Choir auch mit Berlioz’ Grande Messe des morts auseinandergesetzt, im Rahmen des Festivals von Saint-Denis.
Die grosse heroisch-existenzielle Geste prägt auch die Beethoven-Tour. In Bern wird von Beginn weg energetisch, ja aggressiv musiziert, nicht unbedingt zum Vorteil der mit historischen Instrumenten hantierenden Blechbläser. Und die historische Pauke, die man freundlich als holzig-definiert charakterisieren könnte, tut hier des Knalligen streckenweise etwas zu viel des Guten. Ob Beethovens Zeitgenossen die Musik tatsächlich derart eingebläut wurde? Wir werden’s nie wissen. So kann man’s auch nicht begründet bezweifeln.
Beinahe atemlos verfolgt man die kühn gesetzten ersten Ordinariums-Sätze, in denen Streicher und Vokaltexturen aus einem chorisch und einem solistisch besetzten Doppelensemble polyphone Reliefstrukturen meisseln. Auch ein (um 1820!) eher anachronistisch anmutendes Basso-Continuo-Ensemble aus Cello, Bass, am Podiumsrand exponiertem Kontrafagott und Orgel wühlt in den Tiefen mit – samt seidigem Obertonlametta des tiefen Doppelrohrblatt-Instrumentes, das in der Partitur ausdrücklich verlangt wird. Schon recht spektakulär, so etwas.
Da bauen sich Walls of Sound auf, die vokales und instrumentales Geschehen manchmal der Transparenz berauben, manchmal als zugleich wuchtige und filigrane Tonskulpturen berauschen. Erst im «Et incarnatus» zeigt sich, dass Chor und Orchester auch nicht minder atemraubende Pianissimi zu gestalten vermögen und souverän über die vollständige dynamische Palette an Timbres und Farben verfügen. Aber selbst da sucht Gardiner die Extreme. Das «Sanctus» hebt an mit einem Ton, der nicht mehr die in der Partitur geforderte «Andacht» prägt, sondern existenzialistisch-müde wirkt. Die effektvollen vibratolos-leeren Streicherakkorde betonen den säkularen Charakter dieser Missa-Solemnis-Interpretation.
Das einzige wirkliche Solo in dem Werk haben nicht die hinter dem Orchester platzierten Gesangssolisten (in Bern die Sopranistin Lucy Crowe, die Mezzosopranistin Daniela Lehner, der Tenor James Gilchrist und der Bass Matthew Rose), sondern der Konzertmeister, der den Part im «Benedictus» ebenso vibratoarm und antivirtuos und damit im Ganzen stimmig intoniert. Im «Agnus Dei» schliesslich haben die Naturhörner ihren grossen Auftritt. Was für ein Klang! Und wie wischt er die anfänglichen Bedenken über den Einsatz historischen Blechs weg.
Sir John Eliot Gardiner hat klare Vorstellungen davon, wie Beethovens Missa Solemnis klingen muss. Alleine das ist im heutigen Musikbetrieb mit zuviel Konzerten und zu wenig Proben ausserordentlich. Wie in sich stimmig, farbig, energetisch und heroisch da musiziert wird, ist ein Erlebnis. Diese Missa-Solemnis-Tour ist zweifellos eines der immer rarer werdenden echten Ereignisse im Konzertbetrieb. Bleibt bloss die Frage, ob da nicht vielleicht eher musikalisch beeindruckt als spirituell berührt wird. (wb)
9.Oktober 2012, Kultur-Casino Bern. Beethoven: Missa Solemnis. Orchestre Révolutionnnaire et Romantique, Monteverdi Choir, Sir John Eliot Gardiner (Leitung), Lucy Crowe (Sopran), Daniela Lehner (Mezzosopran), James Gilchrist (Tenor), Matthew Rose (Bass). Sonderkonzert im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics.