17.04.2004 — Wie eine Rakete gestartet wird? Ein Streichholz angerissen, Feuer gelegt an die Zwölfton-Zündschnur; die Maschine kommt schwerfällig in Gang, faucht und stampft und hebt schliesslich fulminant ab mit dem Beginn einer Sinfonie des Mannheimers Johann Wenzel Anton Stamitz. Soweit der Auftakt zu einer Raketen-Reise, die in ferne Sphären, aber auch durch zwei Jahrhunderte Musik führt. Der Flug endet turbulent mit dem ungebremsten Fall der gigantischen Papprakete und ihrem Aufschlag auf der Erde. Selbst Wagner kann da nichts mehr retten.
Im Auftrag des Orchesters des Mannheimer Nationaltheaters und zur Bereicherung der Gattung der musikalischen Spässe hat John Corigliano das Elf-Minuten-Stück «The Mannheim Rocket» (2000) komponiert. Inspirationskern ist die sogenannte Mannheimer Rakete, eine rasch aufsteigende melodische Figur der Mannheimer Schule (2. Hälfte 18. Jahrhundert); den Motor für seine Münchhausiaden-Rakete gewann Corigliano aus den Bassbegleitfiguren des Italieners Domenico Alberti, die meist in Zeitlupe einherstampfen.
Für Witz und Heiterkeit sorgt zudem eine Reihe von Zitaten; sie erklingen meist in Kürzelform und erweisen deutschen Meistern aus zweihundert Jahren Reverenz. Ebenso humorig sind thematische oder instrumentale Allusionen, und die brillante Instrumentation geizt nicht mit Effekten und Einsätzen von Sonderinstrumenten.
Das Hauptwerk dieses Albums allerdings ist John Coriglianos Symphony No. 2 für Streichorchester, uraufgeführt im Jahre 2000 in Boston und ein Jahr später ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis für Musik. Das Werk basiert auf Coriglianos Streichquartett von 1996; drei der fünf Sätze sind allerdings stark überarbeitet worden.
Der 1938 in New York geborene John Corigliano, hoch geschätzt in seiner Heimat, erweist sich in seiner 2. Sinfonie als gewiefter Klangorganisator, der über eine breite Palette gebietet von gläsern fragilen Flageolett-Geweben bis zu kompakten Unisono-Blöcken. Durchaus effektvoll, ohrgängig, süffig gar, auch mal schön bombastisch wirkt das alles, expressiv aufgeladen mit stimmungsmalerischem spätromantischem Gestus: Bilder, Szenen, Erinnerungen, wirkungssicher umgesetzt in Klang.
Traditionell ist der hohe Wiedererkennungswert der Themen, erprobt die Dramaturgie. Hier und dort lassen Kollegen grüssen (Mendelssohn, Tschaikowski, Bartók). Viel versprechende Konstruktionsideen und strukturelle Muster werden alsbald aufgeweicht, originelle Einfälle vermögen den vorherrschenden Eindruck der Konventionalität des Ganzen nicht zu verdängen.
Ungeschmälertes Lob verdienen die Ausführenden, die sich der Partituren – beide Werke sind Ersteinspielungen – mit Können und vehementem Einsatz annehmen: das Philharmonische Orchester Helsinki unter der Leitung von John Storgårds. (ws)
John Corigliano: Sinfonie Nr.2. – The Mannheim Rocket. Helsinki Philharmonic Orchestra. Leitung: John Storgårds. (Ondine ODE 1039-2; 56’)