22.11.2013 — Die jüngste Tochter der Pianistin Martha Argerich hat einen Film gedreht über ‒ ja, über was eigentlich? Er bringt sehr intime Einblicke in ein nicht ganz intaktes Familienleben. Fragt sich, ob wir das alles wirklich wissen wollen. Das Schweizer Fernsehen strahlt die preisgekrönte Dokumentation am Sonntagabend aus. Man wird unvermittelt in höchste familiäre Intimität geworfen: Die hochschwangere Filmemacherin wird, von ihrer Mutter Martha Argerich beobachtet, im Spitalbett sitzend untersucht. Ein Schockmoment, der mit dem Schnitt zum nicht minder dramatisch-körperlichen Filmtitel «Bloody Daughter» ja nicht gerade abgemindert wird. Stéphanie Argerich erzählt ihre Geschichte und die Geschichten ihrer Mutter, ihrer ältesten Halbschwester, ihres Vaters, ihrer Grossmutter in privaten Filmdokumenten und neueren Aufnahmen, die alle ein individuelles Schicksal auf sehr weibliche Art erzählen. Es gibt viel Raum für Einblicke in intime familiäre Momente, Körperpflege, Schminken und unablässiges Fühlen der Temperatur von Beziehungen. Ein Frauenfilm? Die Nahaufnahmen von Haut, Zehen und Haaren und der sinnlich-zärtliche, versponnene Unterton erinnern streckenweise tatsächlich an Videos von Pipilotti Rist. Allerdings macht man spontan das Gedankenexperiment: Würde uns die Geschichte auch interessieren, wenn es sich bei der Protagonistin nicht um einen Weltstar am Klavier handeln würde, sondern zum Beispiel um diejenige einer mittel- und namenlosen Migrantin? Genauso fühlt sie sich an: Auseinandergrissene Familien, Patchworkgemeinschaften, die Kälte der nationenübergreifenden Bürokratie, die den Nachwuchs aus einer Gelegenheitsbeziehung ohne rechtlich festgestellten Vater zurücklässt. Möglicherweise ist es das, was am Film am meisten berührt: Zu sehen, wie unglamourös und unbarmherzig Politik und Gesellschaft mit einer vermeintlich Privilegierten umgeht, die einerseits von einem Diktator (Augusto Pinochet) persönlich nach Wien zu Friedrich Gulda empfohlen wird, und der andererseits ein Zusammenleben mit der eigenen Tochter verboten wird, aus Gründen, wie sie zuhauf eben auch Frauen betreffen, die sich und ihre Familie mit weitaus weniger öffentlichkeitswirksamen Dienstleistungen über Wasser halten und dem Schicksal dabei ein kleines eigenes Stücklein priates Glück abzustehlen versuchen. Nur: Sagt das alles etwas über die Musik Argerichs aus? Gibt es eine Beziehung zwischen ihrer Art Klavier zu spielen, die Musik zu hören, und diesem privaten Gang der Dinge? Über Musik ist in dem Film sehr wenig zu erfahren, kurze Probeausschnitte und Diskussionen um Interpretationen (unter anderem in Warschau mit Chopin), lassen sofort aufblitzen, weshalb Martha Argerich uns wirklich interessiert, ohne zu ihrem engeren Familienkreis zu gehören. Das Thema hat allerdings der Filmemacher Georges Gachot 2002 mit dem Dokumentarfilm «Martha Argerich, Nachtgespräch» bereits exzellent abgehandelt. Der Film «Bloody Daughter» heisst so, weil der Vater Stéphanies sie so nennt. Und um ihn, den Pianisten Stephen Kovacevic geht es mindestens genauso wie um die Mutter. In der Geburtsurkunde ist angegeben, ihr Vater sei unbekannt und das einzige, was sie von ihm je erbeten habe, meint sie im Offkommentar einmal, sei eine rechtliche Anerkennung der Vaterschaft. Die zieht sich aber bürokratisch in quälende Länge, was die Filmemacherin zum Weinen bringt und beim Zuschauer den Eindruck hinterlässt, dem Vater sei das Verschleppen des Entscheids gar nicht so unrecht, aus was für Gründen auch immer. Die Kamera nimmt dabei Partei für die Tochter. Die radikale Frauenperspektive zeigt sich auch mit Blick auf das Schicksal von Lyda, der ältesten Tochter Martha Argerichs, die nicht ‒ wie Stéphanie immer glaubte ‒ beim Vater aufgewachsen war, sondern bei Pflegefamilien und im Heim. Es wird über den Vater geredet, die teils dramatischen Anstrengungen, Lyda mit der Mutter zu vereinen, werden detailliert geschildert, der Vater hat hingegen keine Gelegenheit, dies alles aus seiner Perspektive zu erzählen. Das bleibt eine formale Schwäche des Streifens. Wie gefragt: Wollen wir das alles wirklich wissen? Erfahren wir dabei mehr über Martha Argerich als Musikerin oder Exemplarisches über Familienschicksale im Umfeld der unablässigen Reisetätigkeiten grosser Musikerpersönlichkeiten? Über letzteres vielleicht, aber nichts, was wir nicht schon aus zahlreichen anderen Biografien wüssten. Allerdings ist der mit einem Prix Italia ausgezeichnete Film als Film so gut gemacht, dass er sich als solcher auch aus sich selber rechtfertigt. (wb)
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| Stéphanie Argerich: Bloody Daughter, Dokumentarfilm, SRF 1, Sonntag, 24.11.2013, 23:25 Uhr | |||||||||