05.09.2012 — Alle zwei Jahre treffen sich Vertreter der Neuen Volksmusik in den Räumlichkeiten der Zürcher Tonhalle im Rahmen der «Stubete am See» zum Austausch, Konzertieren und Festen. Steigende Besucherzahlen zeigen, dass sie damit auf dem richtigen Weg sind. Ungewöhnliche Klänge erfüllen den kleinen Saal der Tonhalle Zürich: Windesrauschen, erzeugt von einem Schwirrholz, dazwischen eine Melodie, gezupft auf Bass und Psalterium – einer Urform des Hackbretts oder der Zither. Als Antwort eine jodelnde Stimme, aus dem hinteren Teil des Raumes. Das ist der Auftakt zur Plattentaufe der neuen «Doppelbock»-CD unter Beteiligung der Jodlerin Christine Lauterburg, Schweizer Volksmusik, mal vertraut, mal mit «karibischem Flair». Das Konzert ist Teil des Festivals für Neue Schweizer Volksmusik «Stubete am See», das am Wochenende vom 25./26 August in der Tonhalle Zürich über die Bühnen gegangen ist. Die Biennale hat mittlerweile zum dritten Mal zwei Tage lang eine breite Auswahl an Konzerten geboten und dabei versammelt, was in der Schweizer Volksmusikszene Rang und Namen hat: «Klassik trifft Jodel» mit der Jodlerin Nadja Räss und der Camerata Schweiz, das Ländlerorchester 2012 des Schwyzerörgelispielers Markus Flückiger oder das Duo Noldi Alder & Charlotte Hug, um nur einige zu nennen. Neben dem regulären Konzertprogramm in den beiden Tonhallen und dem Gartensaal des Kongresshauses ist auf dem Bauschänzli unter freiem Himmel zum Tanz aufgespielt worden. Wer nicht tanzen kann, dem wird im Tanzworkshop geholfen. Und wer keine Lust hat, ist eingeladen, bei Bier und Bratwurst einfach nur die Atmosphäre zu geniessen. Gelebte Volksmusik also, bei der jeder nach Belieben mitspielen und mittanzen kann. Das ist auch die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs «Stubete»: ein Konzert (Jazzer nennen so etwas Jam Session), bei dem alle einfach ihr Instrument mitbringen, um zusammen zu musizieren.
Die Schweizer Volksmusik etwas von ihrem verstaubten Image zu befreien und sie dem urbanen Schweizer näher zu bringen, ist ein zentrales Anliegen von Florian Walser und Johannes Schmid-Kunz, den Gründern des Festivals für Neue Schweizer Volksmusik. «Dabei ist das Wort ‘Neu’ im Begriff ‘Neue Schweizer Volksmusik’ eigentlich nicht ganz zutreffend. Es geht nicht darum, die Volksmusik neu zu erfinden, sondern darum, neue Ansätze zu definieren und andere Perspektiven zu eröffnen», erklärt Schmid-Kunz. Die Strömung «Neue Schweizer Volksmusik» hat sich Anfang der 1990er Jahre zu bilden begonnen, mit dem Ziel, andere Wege der Interpretation auszuprobieren und die verkrusteten Strukturen aufzubrechen, die durch die Verbände und Vereine stark geprägt wurden. Viele suchten dabei gerade nicht das Neue, sondern wollten zurück zu den eigentlichen Wurzeln der Volksmusik; sie gruben vergessene Instrumente und Techniken wieder aus. Es ging darum, Klischees zu hinterfragen, Tradition nicht bloss der Struktur wegen beizubehalten. Auch ein anderes Vorurteil will das Festival widerlegen, nämlich dass Volksmusik lediglich auf dem Land und in den Bergen zu Hause sei. «Zürich war für Volksmusik ein neuralgischer Punkt in den 1930er und -50er Jahren», so Schmid-Kunz. «Im Zuge der Industrialisierung kam es zu einem Einwanderer-Sog aus der Innerschweiz, die ihre Traditionen wie auch ihre Musik nach Zürich mitbrachten». Ähnlich wie New York für den kubanischen Salsa war Zürich Dreh- und Angelpunkt der Schweizer Trachten- und Volksmusikszene: das Niederdorf war Geburtsort der heute bekannten Ländlermusik. DerTrachtenumzug zur Eröffnung des Landesmuseums 1898 war mit 1500 Personen ein Grossanlass, Austragungsort des ersten Schweizer Trachtenfests war 1896 die Tonhalle Zürich. «Volksmusik fürs Volk» war bereits in der Ursprungszeit der Tonhalle ein zentrales Anliegen. Vor dem Bau des Kongresshauses wurde neben den grossen Konzerten auch eine Kultur der Kaffeehausmusik gepflegt, die sich explizit an die breite Bevölkerung richtete; da wurde vorwiegend Volksmusik gespielt. «Wir wollten die Volksmusik zurück nach Zürich bringen, und haben deshalb auch ganz bewusst die Tonhalle als Veranstaltungsort gewählt», erläutert Schmid-Kunz. Mit Erfolg: Die Zahl der Besucher steigt stetig; dieses Jahr waren es rund 15 Prozentmehr als 2010. Die Mehrheit der Besucher entstammt dem klassischen Tonhalle-Publikum, vorwiegend aus Zürich, aber auch aus anderen Schweizer Städten – ein urbanes Publikum also, offen für ein ungewohntes Musikerlebnis. In der Schweiz ist die «Stubete am See» somit einzigartig: «Ein Festival für Volksmusik im Herzen einer Stadt gibt es sonst nirgends in der Schweiz» sagt Johannes Schmid-Kunz und ergänzt: «Ich wage zu behaupten, dass es in der Form auch in keiner anderen Stadt möglich wäre. Volksmusik muss nicht importiert werden – sie ist Teil der Geschichte der Stadt». (mm)
|
|||||||||||
| Stubete am See, Tonhalle Zürich, 25./26 August. | |||||||||||