28.11.2003 — Dem zweiten Teil des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach liegt der Text Lukas 2, 8-14 zugrunde: «Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herren Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht; siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt David. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Frieden auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!»
Die Pastorale, die Schilderung des ländlichen Lebens, wie sie sich in den bewegten Zwölfachteltakten, Siciliano-Rhythmen und Flötenklängen findet, dient Bach allerdings nicht alleine der Schilderung des Hirtenlebens. Schon die Besetzung des einleitenden Instrumentalsatzes – er ist der einzige im gesamten Oratorium – zeigt, dass der Verkündigung auf dem Felde eine tiefere Symbolik zugrunde liegt: Neben den Flöten und Oboen da caccia sind Oboen d’amore verlangt, die als Liebesinstrumente den «himmlischen Bräutigam» versinnbildlichen: «Eine Engelsmusik in Gestalt eines himmlischen Reigens tritt einer schwermütigen Hirtenmusik gegenüber, die jedoch, wenn auch zunächst nur zögernd, im Laufe des Satzes sich ständig zunehmend mit der Himmelsmusik vereint. (…) In ihrer Weise verkündigt also die Sinfonia die Weihnachtsbotschaft: Gottes Welt dringt in die der Menschen ein, göttliche Herrlichkeit vereint sich mit menschlicher Schwermut.» (Blankenburg) Es ist das Sehen des Heils, das dementsprechend die Brücken schlägt zu den alttestamentarischen Motiven in diesen Partien des Oratoriums.
Die Musikwissenschafterin Renate Steiger hat nachzuweisen versucht, dass bei Bach der Zwölfachteltakt immer «zur Darstellung des Eschatologischen, des letztgültigen Trostes, der endzeitlichen Freude» dient und dass die Pastorale in Bachs Werk deshalb den tieferen Sinn besitzt, die Gegenwart des verheissenden Heils zu verkündigen. So auch im Weihnachtsoratorium. Im letzten Satz des Teiles, dem Choral 23, vereint sich die himmlische Musik, beziehungsweise deren Repräsentanten, die Streicher, mit den menschlichen Stimmen und den Flöten, die die rhythmischen Bewegungen der Hirteninstrumente in der Oktave übernehmen und sie so aufhellen: «Himmlische und irdische Klänge haben sich ganz und gar zusammengefunden. Sinnfälliger kann die Weihnachtsbotschaft nicht dargestellt werden.» (Blankenburg)
(Quellen: Walter Blankenburg, «Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach», Kassel 1982; Renate Steiger, «Die Welt ist euch ein Himmelreich – zu J.S. Bachs Deutung des Pastoralen», in Musik und Kirche 41, 1971.) (wb)