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Tagung der Gesellschaft für Musikpsychologie


21.09.2006 — Die Musikpsychologie führt in Deutschland im Vergleich zur Historischen Musikwissenschaft ressourcenmässig ein Schattendasein – ein fataler Fehler, wie die Jahrestagung 2006 der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM) an der Hochschule für Musik Freiburg gezeigt hat. Die zukunftsweisenden Umbrüche der Musikologie finden auf ihrem Terrain statt.

(Rev. 16.11.2006) Zwei grosse Herausforderungen stellen sich zur Zeit der Musikpsychologie. An der Jahrestagung 2006 der DGM fand die eine davon direkt Eingang ins Tagungsthema «Musik und Emotion». Das Treffen am neugegründeten Institut für Musikermedizin prägte darüberhinaus das Ringen mit der holistischen Natur, die jeder wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Phänomenen auf hoher Ebene eigen ist. Das raumgreifende Interesse zeigte sich in Freiburg zum einen in der Auswahl der Themen. Sie erstreckte sich von den «klassischen» Fragestellungen des Faches über die neurologischen Grundlagen des Musikhöres und Aspekte der populären Musik – etwa der Persönlichkeit von Heavy-Metal-Fans oder der Bob-Dylan-Rezeption – bis zu medizinischen Rahmenbedingungen des Orchesterspiels. In der Luft lag aber auch immer wieder die Frage, wie denn die theoretischen und praktischen Grundlagen des experimentellen Instrumentariums gestaltet werden müssten, um aussagekräftige und vernetzbare Resultate zu erzielen.

Die Diskussion der methodischen Grundlagen steht an, weil die letzten Jahrzehnte ungeahnte neue Möglichkeiten der Datenerhebung und -verarbeitung mit sich gebracht haben. So stehen heute dank moderner Informationstechnologie statistische Mittel zur Verfügung, die dem Fach nicht nur diskrete Testreihen und Fragebogenauswertungen, sondern auch Bildanalyse und automatisierte Verfahren der Mustererkennung erschliessen. Das Internet als globaler Kommunikationskanal macht es zudem mittlerweile einfacher, mit Hilfe von Onlinefragebögen Stichproben aus koreanischen, mexikanischen und nigerianischen Versuchspersonen zusammenzustellen als Reihenuntersuchungen in niedersächsischen Grundschulen durchzuführen. Das weltweite Netz ist auch selber zum Datenozean geworden. Last but not least erlauben es die bildgebenden Verfahren der Hirnforschung, musikpsychologische Fragestellungen auf einem bisher ungeahnt tiefen physiologischen Level anzusetzen.

Experimentalmethoden und Rahmentheorien

Dieses weite Feld der Möglichkeiten spiegelte sich in Freiburg im Tagungsprogramm. So machte sich etwa der in Hannover tätige Hauke Egermann Gedanken über die Möglichkeiten und Grenzen empirischer Erhebungen mit Hilfe von Fragebögen im Web. Der Giessener Ralf von Appen wiederum berichtete darüber, wie sich Kundenrezensionen auf den Seiten der Online-Buchhändlerin Amazon als empirisches Ausgangsmaterial nutzen lassen, um mehr über Präferenzen und Motive von Musikkonsumenten zu erfahren, und am abschliessenden Sonntag standen auch empirische Massenerhebungen zu physischen und psychischen Belastungen von Orchestermusikern zur Debatte.

Auf welcher Ebene sollen Emotionen angesiedelt werden? Sind sie ein kognitives oder physiologisches Phänomen? Welche Klassifikationen sind sinnvoll? Selbst solche grundsätzlichen Fragen sind heute noch keineswegs geklärt. Wie dringend notwendig die Detaildiskussion der dynamischen Experimentalbasis zu solchen Fragen ist, wenn man die Emotionsforschung in die Musikpsychologie integrieren will, zeigte bereits die erste Keynote: Die in Ulm tätige Neurowissenschaftlerin Anne Katharina Wietasch skizzierte die Zusammenhänge ihrer Disziplin mit der Musikpsychologie. Dabei zeigte sich eine auffallende Asymmetrie zwischen dem opulenten und aufwendigen Instrumentarium, das den Hirnforschern heute zur Verfügung steht, und den teils noch sehr rudimentären Rahmentheorien, mit denen so grundlegende Konzepte wie Emotionen oder die evolutionären Randbedingungen affektiven Verhaltens in weitreichende Zusammenhänge gebracht werden sollten. Weil eine solche Einbettung heute noch weitgehend fehlt, wirken viele musikpsychologische Experimente zwar aufwendig, gar spektakulär, aber letztlich dennoch wenig ergiebig.

Auch der in Manchester tätige Gunter Kreutz konnte aus der experimentellen Tätigkeit bloss episodische Beobachtungen beisteuern, etwa die Tatsache, dass sich positive Reaktionen auf Musik physiologisch weit weniger gut festmachen lassen als negative und dass Freude und Trauer von Versuchspersonen ähnliche emotionale Bewertungen erhalten. Gerade letzteres zeigt, wie schwierig und teilweise chaotisch begriffliche Klassifikationen von Gefühlen, propositionale Einstellungen – Glauben, Wissen, Hoffen, Befürchten und so weiter –, soziale Umwelt und physiologische Vorgänge ineinandergreifen und voneinander abhängen.

Das Missverhältnis zwischen ausgeklügelter Experimentaltechnik und in ihrer Bedeutung unterschätzten konzeptionellen Überlegungen bietet auch ganz praktische Stolpersteine. Dies illustrierte etwa die Darlegung zu einer Versuchsanordnung, mit der gezeigt werden sollte, wie verschieden je nach Standort die Sicht von Orchestermusikern auf den Dirigenten ist. Da mündeten aufwendige Bildanalyse und Experteninterviews unter anderem in die berauschenden Erkenntnisse, dass die Bewegungen eines Dirigenten von vorne besser sichtbar sind als von der Seite und sich dieser seinen Musikern zuwenden sollte, wenn er sich ihnen besser verständlich machen möchte. In der Diskussion des Referates blieb denn der Vorwurf der Banalität auch nicht aus.

Klaus-Ernst Behne, Günter Kleinen und Helga de la Motte-Haber (v.l.n.r.), Pioniere der deutschen Musikpsychologie auf dem Vorplatz der Hochschule für Musik Freiburg.


Selbst scheinbar eindeutige Phänomene wie die sogenannten «Chills» – starke physiologische Reaktionen wie Gänsehaut und Schauer auf Musik – erwiesen sich auf der Tagung bei näherer Betrachtung als komplex und von vielen Faktoren bestimmt. Der in Hannover tätige Oliver Grewe diskutierte in seinem Vortrag, ob das Phänomen auf einen simple Wirkung psychoakustischer Faktoren wie zum Beispiel der Lautheit von Musik reduziert werden kann. Es zeigte sich aber, dass Chills als komplexes kognitives Phänomen zu verstehen sind, bei dem Erinnerungen an mit Musik verbundene emotionale Momente und die Vertrautheit mit dem jeweiligen Musikstil eine Rolle spielen. (*)

Einen entscheidenden Anstoss zur Reflektion boten die ebenfalls in Hannover tätigen Reinhard Kopiez und Marco Kobbenbring. Sie zogen die Konsequenzen aus der Beobachtung, dass viele empirische Studien in der Musikpsychologie kaum je repliziert werden, und eine eingehendere, kontroverse Diskussion einmal erzielter Resultate ungleich ergiebiger sein dürfte, als die weitherum praktizierte Anhäufung ständig neuer, häufig unverbundener Experimentalbefunde. Als Ausgangspunkt ihrer Arbeit wählten die beiden Publikationen von David Hargreaves, respektive Heiner Gembris und Gabriele Schellberg zur sogenannten «Offenohrigkeit». Gembris und Schellberg postulieren in mehreren Arbeiten eine zunehmende Ablehnung von Klassik, Avantgarde und Ethnomusik durch Kinder in der Zeit um die vierten Klasse der obligatorischen Schulzeit. Bei ihrem Nachvollzug der Erhebungen von Gembris und Schellberg gelang es Kopiez und Kobbenbring allerdings nicht, den Befund zu replizieren. Ihre eigenen Auswertungen deuten vielmehr darauf hin, dass die Offenohrigkeit bereits in der ersten und zweiten Klasse abzunehmen scheint. Für den sehr schwachen Effekt zeichne, so die Autoren, zudem bloss Präferenz und Ablehnung gegenüber klassischer Musik verantwortlich.

Wege zu einer konstruktiven Streitkultur

Die Diskussion der Arbeit gehörte zu den aufschlussreichsten Momenten der Tagung. Zum einen entspann sich eine angeregte Debatte darüber, welche Schülergruppen vergleichbar sind und was denn in den kontroversen Arbeiten überhaupt gemessen worden ist: regionale Unterschiede von Kindern in Niedersachsen und Bayern? Der Grad sozialer Anpassung in der Schule? Echte musikalische Präferenzen? Zudem standen Konzepte wie «klassische Musik», «Ethnomusik», «konventionell/unkonventionell» und die Idee der Offenohrigkeit selber in der Kritik.

Heiner Gembris verteidigte die Resultate seines Teams mit Hinweisen auf angebliche methodische Schwächen der Studie von Kopiez und Kobbenbring und zweifelte daran, ob ein allzu skrupulöses Hinterfragen informeller Begrifflichkeit tatsächlich etwas bringe. Überdies verwies er auf eine weitere Erhebung bei Grundschulklassen in Paderborn, welche ebenfalls eine Abnahme der Offenohrigkeit in der vierten Klasse nachweise. Eine weitere derartige Studie – erklärte er – mit dem Fokus auf religiöser Musik sei in Vorbereitung.

Ungeachtet der faktischen Qualität der einen oder andern Arbeit weisen Kopiez und Kobbenbring mit ihrem Ansatz vermutlich den richtigen Weg: Sie zeigten, dass bei der Suche nach soliden begrifflichen Konzepten und der Konzeption aussagekräftiger Experimente viel, ja sehr viel theoretische und praktische Arbeit anstehen würde. Da bedauert man, dass in der deutschsprachigen Musikwissenschaft nach wie vor eine Unmenge an historisch ausgerichteten Lehrstühlen zur Verfügung stehen, um auch noch die letzten Detailfragen zur Musikgeschichte anzugehen, und auf dem überaus dynamischen und sich international sehr rasch entwickelnden Gebiet der Systematik nicht annähernd genug Ressourcen zur Verfügung stehen, um den zukunftsträchtigen Dialog so richtig in Gang zu setzen.

Zu einem solchen braucht es durchaus nicht noch einen Körperscanner oder einen Supercomputer mehr fürs Datamining. Gefordert ist die mühsame, detaillierte Theorie- und Analysearbeit und die lebhafte Streitkultur – die traditionellen Stärken richtig verstandener Geisteswissenschaft.

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(*) In der ersten Fassung des Textes wurde irrtümlicherweise behauptet, Grewe habe in seinem Vortrag dazu tendiert, das Phänomen auf einen simplen Zusammenhang mit der Lautheit von Musik zu reduzieren. (wb)

«Musik und Emotion», Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie 2006 am Institut für Musikermedizin der Freiburger Musikhochschule, 15. bis 17. September 2006

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