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Tigran Mansurian – ein Porträt

10.03.2004 — Armenien: «Land der Steine» zwischen Orient und Okzident, Schwarzem und Kaspischem Meer. Hauptstadt: Jerewan, einst oft zitiert als Eriwan mit dem fiktiven regimekritischen Radiosender («Im Prinzip ja, aber…»).

Armenien: Schmelztiegel abendländischer und morgenländischer Kultur mit reichem musikalischem Erbe. Wenige Namen erst sind uns in Westeuropa geläufig: Komitas (Ssogomon Ssogomonjan), Sammler und Herausgeber armenischen Volksliedguts, der die Basis legte für eine eigenständige armenische Kunstmusik und die musikalische Infrastruktur nach westlichem Vorbild (CD «Hayren»; ECM, 2002), Aram Chatschaturian («Gajaneh»-Ballett mit dem Säbeltanz; Komponist der Staatshymne der Armenischen Sowjetrepublik), Vertreter der musikalischen Moderne wie Awet Terterian und Tigran Mansurian (viele andere sind nicht über die Grenzen ihres Landes bekannt), und, wohl am populärsten, die Bratschistin Kim Kashkashian.

Die Depression der postsowjetischen Zeit wirkt sich auch auf das Musikleben Armeniens aus: An der Musikhochschule der 1,3-Millionen-Stadt Jerewan, an der 800 Studierende immatrikuliert sind, fehlt es an Geld und Materialien, an Räumlichkeiten, Mobiliar, Instrumenten und Noten. Auch in psychologischer Hinsicht wirkte sich das Ende der Sowjetunion auf die Künstler einschneidend aus. Tigran Mansurian beschreibt dies so (im Interview, das im Booklet des vorliegenden Albums abgedruckt ist): «Nach dem Zerfall der UdSSR erlebe ich – wie auch meine ganze Generation – eine Epoche der Zeitlosigkeit. Für viele meiner Kollegen ist die Zeit stehen geblieben, oder, anders gesagt, sie wurden von ihrem Fluss eingesaugt. Ich bevorzuge aber, allein zu sterben. Meine Musik ist auf ihre Art die Botschaft des Ertrinkenden, die er in einer Flasche versiegelt hat, in der Hoffnung, dass jemand sie irgendwann aus dem Wasser zieht und liest.»

Mansurian, 1939 geboren, wie Martun Israelyan, Aschot Sohrabian, Aram Satyan und andere der Komponistengruppe der Generation der Sechzigerjahre zugehörend, eignete sich nach dem staatlich verordneten Informationsvakuum mit grosser Verspätung die westlichen Techniken des 20. Jahrhunderts (Dodekaphonie, serielle Musik, Aleatorik) an, verbindet sie mit Charakteristika der alten armenischen Kirchen- und Volksmusik zu einem Personalstil eigener Klanglichkeit von brüchigem Gewebe bis zu satter Opulenz, wachsend aus Keimzellen, sich spielerisch-variativ entwickelnd, mal in lyrischem Fluss, mal in dramatischen Verdichtungen.

Ein eindrückliches Porträt des Komponisten vermittelt das ECM-Album «Monodia» mit zwei Konzerten (für Viola und Streichorchester, 1995, und für Violine und Streichorchester, 1981), einer Klageode für Sopransaxophon und Viola («Lachrymae», 1999) und «Confessing with faith» für Viola und vier Stimmen auf Gebete des heiligen Nerses, des christlich-armenischen Kirchenpatriarchen aus dem 12. Jahrhundert. Das informative illustrierte Booklet (dt., engl.) führt ein in Mansurians Biographie, Gedankenwelt und Inspirationsquellen: «Alle meine Musik ist autobiographisch.»

Exemplarische Bedeutung kommt den Interpretationen zu, die mit dem Komponisten erarbeitet worden sind. Kim Kashkashian (Viola), Leonidas Kavakos (Violine), Jan Garbarek (Sopransaxophon), das Hilliard Ensemble und das Münchner Kammerorchester unter Christoph Poppen widmen sich ihren Aufgaben mit souveräner Kompetenz, facettenreichem Ausdruck und beschwörender Eindringlichkeit. (ws)

Tigran Mansurian: Monodia. (ECM New Series 1850/51; 2 CDs; 81’)

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