17.09.2010 — Am Samstag, 11. und Sonntag, 12. September ist das traditionelle Tonkünstlerfest des Schweizerischen Tonkünstlerverein erstmals im Rahmen von Lucerne Festival über die Bühnen gegangen. Der Anlass bot einen Querschnitt durch das aktuelle nationale Schaffen in der Neuen Musik. Der Schweizerische Tonkünstlerverein hat sein jährliches Fest heuer unter den Fittichen von Lucerne Festival gefeiert. Man hat das nicht ganz ohne Amüsement zur Kenntnis genommen. Das Klassentreffen der weltbesten Orchester steht 2010 unter dem Motto «Eros», und zum Eros hat der Tonkünstlerverein etwa das gleiche Verhältnis wie die katholische Kirche zum Sex: Entweder wird seine Existenz einfach geleugnet, oder er wird derart purifiziert, dass er mit den alltäglichen handfesten Tatsachen nichts mehr gemein hat. Die Verleugnungsstrategie hat Dieter Ammann, Composer-in-residence von Lucerne Festival, an einem Podium zum Thema expliziert. Musik könne nur gestalteter Klang sein und nicht die Welt abbilden, brachte er die Autonomieästhetik auf den Punkt, der ein Grossteil der Komponisten im Nachklang zur Doktrin der Serialisten nach wie vor nachhängt. Die Autonomieästhetik hat dazu geführt, dass das Komponieren nach dem Zweiten Weltkrieg von einer Human- zu einer Designkunst geworden ist. Sie hat das Paradox verstärkt, dass sich die Komponisten in einer Warenwelt zwar als Hüter des Schönen und Wahren verstehen, aber im Grunde genommen dasselbe tun wie Werber und Modeschöpfer: Sie gestalten Oberflächen und pflegen eine Eventkultur, in der in ihrem Fall die Uraufführung im Zentrum steht. Das hat zu einer inflationären Pseudo-Ereignishaftigkeit geführt, in der immer wieder eine neue schöngeistige Sau durchs Dorf getrieben wird (manchmal auch nur ein Schweinchen) und keine tieferliegenden und längerdauernden Prozesse mehr erkennbar sind. Auch in Luzern war’s nicht ganz anders: 24 Uraufführungen jagten sich. Verdienstvollerweise gab’s aber auch einige der seltenen Wiederaufführungen. Raus aufs Podium und rein in die Schublade: So sieht die Realität neuer Werke in aller Regel aus – es wird auch das Schicksal einiger der zwei Dutzend Luzerner Neuschöpfungen sein – trotz den Bemühungen, heuer mit Einladungen an Verantwortliche internationaler Festivals ein Forum zu schaffen, das zu weiteren Einladungen und Wiederaufführungen führen könnte. Der Überblick, den das Tonkünstlerfest unter dem holprigen Titel «(z)eidgenössisCH» bot, erweckte etwas den paradoxen Eindruck einer routinierten, altervertrauten Neuheitenschau. Der Gestus des Avantgardistischen wirkte dabei mittlerweile etwas abgegriffen. Neue Musik gibt sich im Normalfall auch schnell zu erkennen: Strukturierende tonale Kadenzen oder ein metrischer Puls – die Kennzeichen populärer Musik oder des Jazz – sind tabuisiert, Verbote von Wiederholungen, die bis auf Schönberg zurückgehen, werden nach wie vor befolgt. Und die ganze Aufmerksamkeit gilt oftmals manieristisch anmutender, hypersensibler Ausgestaltung der Klangoberflächen. Tonleitern werden mit Hilfe von Vierteltönen und Geräuscheffekten zum Kontinuum verwischt, Klangganzheiten zertrümmert und aufgesplittert, teils mitten durch die Spektren einzelner Töne hindurch, und mit den Bruchstücken Mosaike gebildet. Das Resultat ist eine Art Scherbenhaufenmusik, die einige Sekunden dauernde akustische Trümmer aneinanderreiht, sie in allen Farben funkeln und von wechselndem Licht beleuchten lässt. Neue Musik ist damit einfach zu einem bestimmten Stil aktueller Musik geworden, so wie Rap, Tango, House oder Bollywood-Soundtracks. Sie ist soziologisch auch ähnlich strukturiert, mit eigenen Publikationsorganen, Gruppenritualen und äusseren Merkmalen in Kleidung, Jargon und Codes. Gemessen an ihrer öffentlichen Resonanz und ästhetischen Relevanz belegt die Szene, die in milder Realitätsverweigerung nach wie vor das Selbstbild einer Art ästhetischer Leitkultur pflegt, aus historischen Gründen allerdings ungewöhnlich viel Ressourcen in Werkförderung, Bildung und Konzertleben. Musik, die derart auf Klang und Textur fokussiert, bedarf für einigermassen interessante Resultate eines minimalen instrumentalen Apparates. Scherbenhaufenmusik für ein oder zwei Melodieinstrumente wirkt so skelettiert, dass sie ästhetisch unbefriedigend bleibt, selbst wenn sie mit elektroakustischen Mitteln aufgepeppt wird. Die beiden Konzertblöcke des Tonkünstlerfestes mit Solowerken für Flöten, Klarinette oder Viola weckten denn auch (mit Ausnahme eines Werkes des französischen Genies Gérard Grisey) den Wunsch, Derartiges gerichtlich verbieten zu lassen oder es zumindest in trockene Komponierseminare unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu verbannen. In Kleinformationen funktioniert das Verfahren eher, wenn es in der Improvisation imitiert wird, weil sich aufeinander einstimmende Musiker automatisch nach einem grösseren Bogen suchen und das Unvorhergesehene und Spontane die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Akteure am Samstag im Luzerner Südpol (unter anderen Alfred Zimmerlin am Cello und der Perkussionist Fritz Hauser) konzentrierten sich dabei auf das Finden eines gemeinsamen Tones, der das organische Aufblühen und Vergehen als natürlicher erscheinen lässt, als die konstruierten, anorganischen Linien durchkomponierter Piècen. Auch vor Bizarrem braucht die Improvisation in Kleingruppe nicht Halt zu machen. Ein Quintett aus Charlotte Hug (Viola), Urs Leimgruber (Saxophon), Jonas Kocher (Akkordeon), Jacques Demierre (Klavier) und Urban Mäder (Klavier) entwarf etwa etwas, was sich wie das Innenleben eines Parkinson-Patienten mit Tinnitus anhörte. Das typische Aneinanderreihen ständig wechselnder Ton- Klang- und Melodiescherben des typischen Neue-Musik-Stückes verunmöglicht es dem Hörer, in die Musik hineinzufinden. Für letzteres bedarf es einer Kontinuität in der formalen Entwicklung, die grössere Formen stützen könnte, dem Sich-emotional-an-die-Musik-Herantasten Leitlinien gibt oder eine Idee auf den Punkt bringt. Schlüssig tat dies etwa Cécile Martis Violinkonzert «AdoRatio», uraufgeführt vom Collegium Novum Zürich und der Geigerin Bettina Boller. Da wirkte ein einzelner Ton als Gravitationszentrum, der die tragende Säule zur grösseren Form lieferte. Noch fokussierter zeigte sich Fritz Hausers «Schraffur» für Gong und Orchester. Der Perkussionist wagte es, eine scheinbar einfache Idee reduktionistisch umzusetzen. Die Musiker aus den Reihen der Basel Sinfonietta sassen während der Uraufführung in zentrischen Halbkreisen und erzeugten auf ihren Instrumenten angeführt vom Komponisten eine fein pulsierende, von subtilen Klanglinien entfernter Blasinstrumente durchwobene Reib- und Schabfläche. «Schraffur» ist in seiner radikalen Einfachheit und Verständlichkeit untypisch. So etwas setzt sich dem Vorwurf des Effektheischenden aus. In der Regel fürchten zeitgenössische Komponisten mit Blick auf einfach verstehbare Aussagen – im Nachklang zu Adornos Horror vor dem Banalen – nämlich so etwas wie einen Musikantenstadl-Effekt, der ihre Kreationen gewöhnlich und abgetragen erscheinen lassen könnte. Darauf reagieren sie sozusagen prophylaktisch mit einem Abwehrwall aus Überkomplexität. Das Extrembeispiel lieferte in Luzern Michael Wertmüllers von vielen als Zumutung empfundenes Konzert für Klavier/Orgel und Orchester «Zeitkugel» (am Sonntag uraufgeführt von der Basel Sinfonietta und dem Pianisten Dominik Blum unter der Leitung von Stefan Asbury). Die halbtheatralisch oder als Performance konzipierte Aufführung von Hausers «Schraffur» war in Luzern auch ein gutes Beispiel einer extramusikalischen Strategie, Scherbenhaufenmusik grössere Formen abzutrotzen. Davon Gebrauch machte auch Nadir Vassenas «altri naufragi» für grosses Orchester (Basel Sinfonietta), das zum Einstieg ebenfalls einen Klang sachte aufbaute und dabei einzelne Musiker des Orchesters, teils mit verbundenen Augen, im ansonsten dunklen Konzertsaal des KKL im warmen Licht der Pultlampen heraushob. Ein poetisches Bild, das nachwirkt. In der Fortschreitung bewegte sich die Komposition dann aber auch nur noch in konventionellen Bahnen. Momente von berückender Schönheit wiederum bot das von Angela Bürger Koerfer in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste Bern im Luzerner Südpol, der Spielstätte des Samstags, inszenierte experimentelle Tristan-und-Isolde-Spiel «Herz Maere» mit Musik von Alfred Zimmerlin. Dessen sonst auch der Autonomieästhetik verpflichtete Werke wurden da unversehens von poetischen Bildern beseelt. Die zwei Tage endeten mit einem Konzert in der Luzerner Jesuitenkirche – ein Hinweis auf eine der wichtigen und stimmungsprägenden Wurzeln der Neuen Musik in der Schweiz, haben doch viele ihrer Exponenten ihre Wurzeln direkt oder indirekt in der Kirchenmusik. Tatsächlich entsteht manchmal sogar der Eindruck, der Tonkünstlerverein übe sich auch heute noch in weltabgewandter Selbstgenügsamkeit, und die Reaktionen und Empfindlichkeiten einiger seiner Exponenten gegenüber Skepsis oder vermeintlicher Zurücksetzung erinnern ab und zu an die sektiererischen Reflexe religiöser oder spiritueller Sondergruppen, die Mühe mit Kritik von aussen bekunden. Dem Grundprinzip des Scherbenhaufens blieben auch die in der Auseinandersetzung mit sakralen Formen entstandene Musik treu. Selbst die erratisch anmutenden Töne der Kirchenorgel wurden da –in Gérard Zinstags «Cut Sounds» (Orgel: Heidi Bollhalder), Michael Pelzels «trois études-bagatelles» oder Michel Roths «Eins und Alles» (an der Orgel Elisabeth Zawadke) – aufgebrochen und zertrümmert. Die Mechanik der Königin der Instrumente wurde dazu buchstäblich ausgehebelt. Mit Dieter Ammanns vor zehn Jahren uraufgeführten und verdienstvollerweise erneut aufgenommenen mehrchörigen Madrigalen, dargebracht vom exzellenten Vokalensemble Zürich, füllte aber auch ein Werk den Raum, das aus einer alten Form etwas schlüssiges Neues ableitete. Nicht minder interessant: das kurze «Andante» für zwölf Singstimmen und Barockposaunen des Stunden zuvor mit dem Marguerite-Staehelin-Preis 2010 des Tonkünstlervereins ausgezeichneten Franz Furrer-Münch. Thomas Gartmann, der Leiter Musik der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, hatte ihn in seiner feinsinnigen Laudatio als einen Komponisten charakterisiert, der «gleichsam in die Töne hineinkriecht, sie vergrössert, neue Klangmischungen erprobt, feinste Schattierungen ertüftelt». Eben. Sehr begrüssenswert ist mit Blick auf eine Fokussierung der Entwicklungen die Idee einer Gesamtschau im Rahmen der CD-Reihe Musiques Suisses/Grammont Portrait. Mit mittlerweile drei Doppel-CD einer «Grammont Sélection» liefert sie so etwas wie die Grundlage zur Erarbeitung eines Zustandsberichtes zur zeitgenössischen E-Musik in der Schweiz. Die jüngste ist vom RSR-Radiomann Jean Nicole kuratiert worden und legt das Schwergewicht auf das Schaffen Welschschweizer Vertreter des Genres.
Aus der Deutschschweiz sind aus dem zweisprachigen Biel Urs Peter Schneider und aus Zürich Franz Furrer-Münch vertreten. Schneider steuert ein Stück bei, das wie Hausers «Schraffur» einer reduktionistischen, leicht fasslichen und dennoch originellen Idee verpflichtet ist. Abzüglich der auch bei andern Komponisten beliebten Zahlenspekulationen und -symboliken, die möglicherweise auf die Kompositions-, nicht aber die Hörgrammatik Einfluss haben, verändert sich da in Schneiders eigener Umschreibung «ein immerwährendes Klangobjekt in streng periodischem Rhythmus ständig perspektivisch». Zwar auch nicht gerade Musik fürs Gemüt (Schneider hat sich «antidramatischer, antihysterischer und antiexpressionistischer Musik» verschrieben), anregend und unterhaltsam ist das Stück aber allemal. Ansonsten finden sich auch hier die üblichen Scherbenhaufen. (wb)
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| (z)eidgenössisCH, Tonkünstlerfest 2010 des Schweizerischen Tonkünstlerverein im Rahmen von Lucerne Festival, 11./12. September 2010, KKL Luzern und Südpol Luzern (Samstag).
Grammont Sélection 3, Werke von Arturo Corrales, Laurent Mettraux, John Menoud, Franz Furrer-Münch, Daniel Zea Gómez, Urs Peter Schneider, Benoit Moreau, Francesco Hoch, Pierre Mariétan, Ludovic Thirvaudey, Michael Pelzel, Nicolas Bolens. Mitwirkende: Ensemble Vortex, Nouvel Ensemble Contemporain/NEC, Ensemble für Neue Musik Zürich, Basel Sinfonietta, Schweizer Klaviertrio, Orchestre de Chambre de Lausanne und andere. Grammont Portrait Doppel-CD CTS-M 125, Bezugsnachweis: www.musiques-suisses.ch |
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Sehr begrüssenswert ist mit Blick auf eine Fokussierung der Entwicklungen die Idee einer Gesamtschau im Rahmen der CD-Reihe Musiques Suisses/Grammont Portrait. Mit mittlerweile drei Doppel-CD einer «Grammont Sélection» liefert sie so etwas wie die Grundlage zur Erarbeitung eines Zustandsberichtes zur zeitgenössischen E-Musik in der Schweiz. Die jüngste ist vom RSR-Radiomann Jean Nicole kuratiert worden und legt das Schwergewicht auf das Schaffen Welschschweizer Vertreter des Genres.