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Tournee des Moscow Virtuosi Chamber Orchestra

25.04.2012 — Das globale Musikleben ist mittlerweile ein recht belebter Jahrmarkt. Da kann es geschehen, dass das scheinbar Konventionelle zum Exotischen wird, wie ja auch das Exaltierte mit der Zeit zum Déjà entendu mutieren kann. Solche Dinge gehen einem durch den Kopf, ist man mit einem Programm konfrontiert, dass Vivaldis Vier Jahreszeiten (und ein Cellokonzert des Prete rosso) mit Tschaikowskys Souvenir de Florence kombiniert und als Zugaben die in solchem Umfeld üblichen Verdächtigen nachschiebt – ein Satz (Sarabende) aus einer Cello-Solosonate Bachs, einer von Brahms Ungarischen Tänzen und – zum Gipfel der Gemütswallungen – Bachs Air.

Das Moscow Virtuosi Chamber Orchestra, das im Rahmen einer Tournee der Migros-Kulturprozent-Classics in der Schweiz gastierte, hält nicht viel von historisch-kritisch munitionierten Wiederauferstehungen barocker Konzertgepflogenheiten. Zu Vivaldi gibt’s bloss andeutungsweise ein Basso continuo, der Erste Cellist tut’s auch, das Cembalo parfümiert den Klang eher, als dass es Mixturen kreiert, und während dem Cellokonzert ist es so diskret hinter dem Kammerensemble verborgen, dass fast nichts davon durchdringt. Für die «Vier Jahreszeiten» zielt’s aus dem Zentrum des Orchsters dann zwar auffällig und fast wie eine Kanone direkt in den Zuschauersaal. Akustisch präsenter wird es dadurch aber kaum.

Es ist die Stunde der Streicher. Das Orchester und sein Dirigent Vladimir Simkin halten allerdings auch eine Tradition hoch – die klangselige, vibratogetriebene des 20. Jahrhunderts. Das aber tun sie mit hoher Präzision und technischer Sicherheit. In Vivaldis Cellokonzert c-Moll RV 401 gibt das dem jungen Schweizer Cellisten David Pia die Gelegenheit, weitgehend unbedrängt von einem eigensinnigen Begleitkollektiv mit musikantischer Spiellust und technischer Souveränität aufzutrumpfen. Ein sympathischer Auftakt zum Abend im Basler Stadtcasino.

Tschaikowskys Streichsextett in der Kammerensemble-Version lässt den Funken nicht sogleich springen, obwohl die Moskauer Virtuosen mit russischer Seele reinen Herzens ja so etwas wie die natürlichen Botschafter dieser Musik sind. (Unter den gut zwei Dutzend Herren des Orchesters zählt man gerade mal zwei Frauen, auch das sei nicht verschwiegen. In unseren Längengraden gewöhnt man sich mittlerweile eher an ein umgekehrtes Verhältnis. Ob’s den Klang beeinflusst – wer weiss?) Spätestens die wandernden Pizzicato-Effekte bringen die Freude an der Musikantik dann aber doch über den Podiumsrand.

Durch alle vier Jahreszeiten wandert schliesslich die amerikanisch-koreanische Violinistin Sarah Chang. Das Ohr voll mit Neudeutungen des Zyklus (etwa durch Sol Gabetta auf dem Cello, Nigel Kennedy mit dem Orchestra of Life oder dem mit allen historischen Finessen vertrauten Giuliano Carmignola und so weiter und so fort) muss man in den klangüppigen Interpretationen Changs zunächst die Ohren wieder frei machen von Erwartungen – diesmal aber eben nicht der spätromantischen Konventionen, sondern der mittlerweile auch recht gealterten und selber zu Gemeinplätzen gewordenen Klischees des historisch-informierten Musizierens.

Chang tänzelt hin und her und dialogisiert auf dem Podium mit den als Mitsolisten amtierenden Stimmführern des Orchesters. Mit der Zeit belebt sich der venezianische Klangkosmos und zieht auch den Hörer in den Sog einer urmusikantischen Virtuosität, die fern aller Fragen «richtiger» Interpretation einfach exzellent geschriebene Musik kongenial zum Leben erweckt. (wb)

22.April 2012, Stadtcasino Basel, Tournee V der Migros-Kulturprozent-Classics, Moscow Virtuosi Chamber Orchestra, Vladimir Simkin (Leitung), Sarah Chang (Violine), David Pia (Violoncello), Vivaldi: Cellokonzert c-Moll RV 401, Die Vier Jahreszeiten Nr. 1-4 op.8, Tschaikowsky: «Souvenir de Florence», Streichsextett c-moll op. 70.

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