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Tschaikowsky Sinfonieorchester Moskau in Bern

27.10.2012 — Die russische Orchesterlandschaft ist voller Klangkörper mit klingenden Namen, aber eher nebulöser Existenz. Das Tschaikowsky Sinfonieorchester Moskau gehört nicht dazu. Es ist klar verortbar, als ursprüngliches Radiosinfonierorchester, das heisst als eine Art Pendant zu westlichen Ensembles wie dem SWR Sinfonieorchester, dem hr-Sinfonieorchester oder dem Radio-Sinfonieorchester Basel. Es wird – eine halbe Ewigkeit im heutigen schnelllebigen Konzertbetrieb – seit 1974 von Vladimir Fedoseyev geleitet. Auch sein Vorgänger, Gennady Rozhdestvensky, war eine Ikone der russischen Dirigierkunst.

So staatstragend wie das Orchester war anlässlich seines Berner Auftrittes auch das Programm grundsolide nach dem Muster «Ouvertüre, Konzert, Sinfonie» gestrickt, mit Reverenzen an zwei hyperpopuläre Komponisten des 19. Jahrhunderts: Beethoven und (naheliegenderweise) Tschaikowsky. Bewährtes also, das jedes Orchester schon oft rauf- und runtergespielt haben dürfte (ausser vielleicht der «Manfred-Sinfonie», die im Vergleich zu den grossen Bekenntnis-Sinfonien Tschaikowskys wohl eher selten gesetzt ist).

Dennoch oder vielleicht deswegen gerieten die Beethoven-Interpretationen des Orchesters eher enttäuschend. In die Wiedergabe der dritten Leonoren-Ouvertüre schlich sich manche Ungenauigkeit, eine eher pauschale Dynamik, auch etliche leichte Intonationstrübungen, vor allem in den Bläserpartien, so dass man streckenweise den Eindruck erhielt, man habe eben einen dieser mit Freelancern bestückten russischen Klangkörper vor sich, die ab und zu durch die westlichen Konzertsäle touren.

Aussergewöhnlich blieb so vor allem die im wesentlichen deutsche Orchesteraufstellung, bei der aber die acht Kontrabässe in der hintersten Reihe nebeneinander aufgereiht so etwas wie eine akustische Abschlussmauer bildeten und auch optisch (vor allem in Pizzicati-Partien) ein durchaus reizvolles Bild ergeben. Gespielt wird so auch bei den Wiener Symphonikern, die Fedoseyev um die Jahrtausendwende ebenfalls geleitet hat.

Der gerade erst 20-jährige Schweizer Pianist Teo Gheorghiu vermochte mit Beethovens erstem Klavierkonzert denn auch nicht mehr als eine durchaus überzeugende Talentprobe abzugeben. Von Orchester und Solist war wenig an gemeinsamem, tieferlotendem Gestaltungswillen spürbar. Gerade mit einem solchen Werk dürfte Gheorghiu über mehr Potential verfügen; zumindest lässt sich das daraus schliessen, dass er 2009 mit einem «Beethoven-Ring» ausgezeichnet worden ist.

Für den freundlichen Applaus des Publikums im restlos ausverkauften Saal bedankte er sich – nach etwas Zögern? – mit Rachmaninows Bearbeitung von Fritz Kreislers «Liebesleid». Es war in Sachen Spiellust und musikalischer Feinzeichnung einer der Höhepunkte des Abends.

Russische Orchester haben den klischierten Ruf dessen, was man im Fussball als «Turniermannschaften» bezeichnen würde, als Kollektive nämlich, die sich, kommt’s darauf an, aus dem Moment heraus in einen Rausch spielen können. Erinnert an das Klischee wurde man, je weiter nach der Pause die Wiedergabe von Tschaikowskys «Manfred»-Sinfonie voranschritt.

Nach den ersten Blechorgien am Ende des ersten Satzes schien der Bann gebrochen. So massig, wie das Orchester auftrumpfen konnte, so filigran war es auch in der Lage, eine hypnotisierende Pianissimo-Kultur zu entwickeln – vor allem in den bei Tschaikowsky so charakteristischen, beinahe ins Unhörbare absinkenden Stillständen des sinfonischen Geschehens. Da hörte man vom Klangkörper, der den Namen des Komponisten trägt, russische Romantik vermutlich in realexistierender Authentizität.

Als Orchesterzugaben gab’s ein nach «Manfred» kontrastreiches, aber vergnügliches kammermusikalisches «Echo eines Walzers» des 1998 verstorbenen Georgy Vasilyevich Sviridov und schliesslich auch noch etwas «Schwanensee», nämlich den «Spanischen Tanz» aus dem Tschaikowsky-Ballett. (ws)

26. Oktober 2012, Kultur-Casino Bern. Tschaikowsky Sinfonieorchester Moskau, Vladimir Fedoseyev (Leitung), Teo Gheorghiu (Klavier). Beethoven: 3. Leonoren-Ouvertüre, 1. Klavierkonzert; Tschaikoswky: «Manfred»-Sinfonie.

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