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Vor Einbruch des Rezitativs

30.03.2004 — Mit der Aufführung der Johannespassion am Karfreitag knüpft die kirchliche Gemeinde an eine Tradition an, die bis ins vierte nachchristliche Jahrhundert zurückreicht. In der Zeit Leos des Grossen (440-461) erfolgte die Institutionalisierung der auf die verschiedenen vorösterlichen Tage verteilten Passionslesungen. Die Lesung nach Johannes am Karfreitag wurde damit begründet, dass Johannes als einziger der Jünger unter dem Kreuz gestanden habe. Die Passionen sind so alt wie die Evangelien selber, in der Tat dürfte die in allen vier Evangelien anzutreffende Textgestalt, die Aufteilung in Erzählung und direkte Rede «auf liturgisches Brauchtum der frühchristlichen Gemeinden zurückzuführen sein.» (Kurt von Fischer, «Die Passion von ihren Anfängen bis ins 16. Jahrhundert») In der römischen Kirche des Hochmittelalters blieb der Vortrag einem einzelnen Sänger vorbehalten; die liturgisch-musikalische – wie übrigens auch die bildnerische – Darstellung war in dieser Zeit lehrhaft auf das Heilsgeschehen und die Sündenvergebung hin angelegt.

Das Kreuz als Symbol der Leiden Christi fand seinen Platz auf dem Altar wahrscheinlich erst mit der Theologia crucis des Bernhard von Clairvaux im 13. Jahrhundert. Erst aus seiner Gewichtung, die eine mystische Versenkung in die Leiden am Kreuz förderte, wuchs das Bedürfnis nach einem expressiv gesteigerten Vortrag des Textes. Damit einher ging die Rollenaufteilung innerhalb der Passionslektion: Evangelist, Jesus, Soliloquenten und Turbae wurden auf mehrere Personen verteilt. Zur gleichen Zeit erschien auf zeitgenössischen Abbildungen Christus nicht mehr aller Qual enthoben, sondern als Dornengekrönter und Leidender.

Die Rollenaufteilung innerhalb einer Evangeliumslesung wie auch die Mehrstimmigkeit wurden in dieser Zeit sonst als sinnlicher Schmuck, vergleichbar der Altarlichter und dem Weihrauch empfunden, und den Lesungen der Weihnachtszeit vorbehalten. Das weist auf die Sonderstellung der Passionsrezitation hin, die sich in der Folge auch immer mehr aus dem liturgischen Rahmen löste und sich zunehmend zu einem kontemplativ-musikalischen Ereignis entwickelte. Mit solchen Mitteln wurde eine Vertiefung und Intensivierung der Volksfrömmigkeit angestrebt: «Die Begebenheiten der Passion sollen im Sinne der Imitatio und Identificatio sicht- und hörbar gemacht werden (… ) An die Stelle des mittelalterlichen spiritualistischen Denkens tritt das Bedürfnis nach Konkretisierung. Das Passionsgeschehen soll gegenwärtig werden; Ausführende, Zuschauer und Zuhörer wollen „mit drin sein“» (Kurt von Fischer). Die Legitimation des Schmucks findet sich in der Auffassung, dass die Passion als Verbindung von Trauer und Freude zu verstehen ist.

Einen erneuten tiefgreifenden Wandel erfuhr die Form der Passion mit der Theologie Luthers, der die klösterliche Kontemplation und Meditation über die Leiden Christi als einen geistigen Genuss ansah, der nicht Aufgabe einer Nachfolge Christi sein konnte: «Dan Christus leyden mus nit mit worten und scheyn, sondern mit dem leben und warhafftig gehandelt werden» (Martin Luthers Werke II). Aus der reformierten Theologie wuchsen zwei spezifische Passionsformen: Die Rezitativpassion (von Kurt von Fischer unter die responsorialen Passionen subsumiert), die ihren Höhepunkt und Abschluss in den Werken von Heinrich Schütz fand, und die durchgehend mehrstimmig gesetzte Motettenpassion, die ihre grösste Verdichtung in dem letzten Werk ihrer Art, der Johannespassion von Christoph Demantius, erfuhr. Demantius, der übrigens auch der Verfasser des ersten deutschsprachigen Musiklexikons ist, wirkte während 39 Jahren als Kantor in Freiberg und ist damit mit Heinrich Schütz vergleichbar, der dem sächsischen Fürsten ebenso lange die Treue hielt. Schütz und Demantius beschlossen mit ihren Passionen eine Jahrhunderte dauernde Entwicklung der Form, die sich in der Folge unter dem Einfluss des Pietismus grundsätzlich wandeln sollte: Als der neuen Epoche angemessener erwies sich die oratorienhafte Passion, welche den liturgischen Passionston durch ein neu komponiertes Rezitativ ersetzen sollte. (wb)

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