18.12.2006 — Man nimmt das leichthin zur Kenntnis: Ein berühmter französischer Pianist hat zwischen 1951 und 1955 die 32 Sonaten Beethovens für eine französische Produktionsfirma aufgenommen. Selbstverständlich indes war dies damals nicht.
Während der deutschen Besetzung und in der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – die Wunden lagen noch offen – gingen die Kulturschaffenden in Frankreich Germanischem und von den Nationalsozialisten zu ideologischen Zwecken missbrauchten grossen Geistern so weit wie möglich aus dem Weg, versicherten sich ihres nationalen Erbes und setzten sich mit den modernen Strömungen auseinander.
Es bedurfte eines neuen Anstosses, quasi einer Rückeroberung aus deutscher Hand: Yves Nat leistete einen Beitrag mit seiner Aufnahme der Beethoven-Sonaten und weiterer Werke des deutschen Repertoires.
Aussöhnung von Völkern beginnt nie mit grossen Reden und besiegelten Vertragswerken. Vielmehr sind es die kleinen Schritte abseits der Politik in Kunst, Sport, Wissenschaft und Wirtschaft, die den Boden bereiten, aus dem Hass und Missverständnis keine Nahrung mehr ziehen können. Im vorliegenden Fall betraute die Schallplattengesellschaft Les Discophiles Français Yves Nat, der zwischen 1929 und 1938 bereits für Columbia France einige Einspielungen gemacht hatte, mit der Aufnahme des beethovenschen Sonatenkorpus.
Zur gleichen Zeit übrigens begann das Label eine Gesamtaufnahme der Klavier- und Klavier-Kammermusikwerke Mozarts mit der ungarischen Pianistin Lili Kraus; das ehrgeizige Unternehmen versandete jedoch Mitte der Fünfzigerjahre.
Yves Nat, 1890 im südfranzösischen Béziers als Sohn eines katalanischen Schuhmachers geboren, verblüffte als Neunjähriger mit seinen Improvisationen sogar Saint-Saëns und Fauré. Nach Studien in Toulouse und Paris, Auftritten in London, wohin ihn Debussy mitgenommen hatte, und einer ersten USA-Tournée 1911 begann er eine durch den Kriegsdienst unterbrochene internationale Karriere als Solist und Kammermusikpartner. Mit Ysaÿe, Enesco und Thibaud bereiste er Europa. 1935 zog er sich vom Podium zurück, um sich der Lehrtätigkeit – er war Professor am Pariser Konservatorium – und dem Komponieren zu widmen. 1956, kurz nach Beendigung der Beethoven-Gesamteinspielung, starb Yves Nat 66-jährig in Paris.
Ein halbes Jahrhundert nach seinem Hinschied ehrt ihn nun EMI Classics mit einer 15 CDs umfassenden Kassette. Sie enthält in Einspielungen, die zwischen 1929 und 1956 entstanden, von Beethoven alle Sonaten und die 32 Variationen WoO 80, Schuberts Moments musicaux D 780, Chopins B-Dur-Sonate, von Brahms die Händel-Variationen, Rhapsodien und Intermezzi.
Herausragend war Nats Einsatz für Schumann, von dem der zweite Schwerpunkt dieser Edition stammt, darunter Papillons, Kinderszenen, Kreisleriana, die Fantasie C-Dur, die Symphonischen Etüden, Faschingsschwank aus Wien, die Fantasiestücke op. 12, die Romanzen op. 28, die Noveletten und das Klavierkonzert. Weitere Werke mit Orchester sind die Variations symphoniques von Franck und Nats eigenes Klavierkonzert von 1954 in einer Live-Aufnahme der Uraufführung sowie zwei seiner Lieder.
Die frühesten Einspielungen von 1929 dokumentieren den eloquenten Virtuosen im Russischen Tanz aus Petruschka und in der 2. Ungarischen Rhapsodie von Liszt. – Einige Werke von Brahms und Schumann erklingen in je zwei verschiedenen Interpretationen aus den Dreissiger- und aus den Fünfzigerjahren.
Die historischen Mono-Aufnahmen ab 78-Touren- und Langspielplatten wurden sorgsam restauriert; beigefügt sind ein Interview mit Nat über sein Klavierkonzert, zudem ein Klavierstück und fünf Lieder von seiner Hand.
Er lehre nicht Klavierspiel, sondern Musik, äusserte Nat. Und sein Leitwort war «Tout pour la musique, rien pour le piano». Seine unfehlbare Technik, auch jene subtile der Pedalbehandlung, diente ihm nie zum Zweck, Erstaunen zu erringen, eher nahm er sie zurück um der Qualität und Intensität der Aussage willen. Auch grenzte er sich stilbewusst von Zeitgenossen ab durch eine stringente, eng am Text orientierte Art der Darstellung, die Aufweichung und emotionale Überfrachtung vermied, stets aber Clarté, lyrische Sensibilität und Noblesse wahrte. Und: Nat überwindet mit seiner Anschlagskultur im höchsten erreichbaren Mass die Schwernisse der Flügelmechanik in Interpretationen, die nichts von ihrem ausserordentlichen künstlerischen Rang eingebüsst haben. (ws)
Yves Nat: Ses Enregistrements 1930–1956. Coffret du 50ème Anniversaire. Werke von Beethoven, Schumann, Schubert, Chopin, Liszt, Brahms, Franck, Strawinsky und Nat. Irène Joachim, Sopran. Orchestre Symphonique unter Eugène Bigot; Orchestre des Concerts Pierné unter Gaston Poulet; Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire unter Charles Munch. (EMI Classics 0946 347826 2 3; 15 CDs, mono. Booklet frz./engl.)