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Zeugnis tiefer Gläubigkeit

09.10.2003 — Heinrich von Herzogenberg hat seinen festen Platz in der abendländischen Kunstmusik in erster Linie als Freund von Johannes Brahms. Der Briefwechsel der beiden dokumentiert aber auch die Situation der Kirchenmusik im neunzehnten Jahrhundert und wirft ein Licht auf die Stellung eines wichtigen Werkes der evangelischen Kirchenmusikgeschichte: der von Herzogenbergschen «Geburt Christi».

Nachdem Brahms sich in einem am 8. August 1895 geschriebenen Brief lobend über die «elegischen Gesänge» seines Freundes geäussert hatte, antwortete dieser drei Tage später: «Das freut mich, dass meine Lieder mir ein so liebes Briefel eingebracht haben! Ich hätte zwar eher gedacht, dass das Kirchenoratorium in Species und Methode eine nette, warme, franke zustimmende oder ablehnende Äusserung von Ihnen erleben würde. Ich gestehe auch, dass ich mich ein Weilchen darauf gefreut hatte … » Was von Herzogenberg sich so sehr wünschte, nämlich ein Urteil über «die Geburt Christi», sollt ihm jedoch versagt bleiben; der Schöpfer des in der Musikgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts einzigartigen «Deutschen Requiems» äusserte sich nie über die Oratorien seines Freundes. Vermutlich spürte er, dass ein franke Meinungsäusserung von Herzogenberg gekränkt hätte.

Der stillen Auseinandersetzung lag der im neunzehnten Jahrhundert allseits beklagte desolate Zustand der Kirchenmusik zugrunde. Mit dem Aufkommen des Bürgertums begann sich das Musikleben von der Kirche in den Konzertsaal und in den häuslichen Salon zu verlagern; die Kunstmusik verlor ihr Heimatrecht in der Kirche. Verschiedentlich wurden Anläufe genommen, die Situation zu verbessern. Unter denen, die sich tatkräftig an eine Revision der Chorliteratur machten, befand sich auch der Theologe Friedrich Spitta, der Bruder des Bach-Biografen Philipp Spitta; er nutzte die relative liturgische Freiheit, die ihm die evangelische Kirche des Elsass liess, für eine Wiedereinführung der Kirchenkantaten und -oratorien. Dazu veranlasste er Komponisten wie Bruch, Arnold Mendelssohn und Max Reger, neue liturgische Werke zu schreiben. Mit einer solchen Bitte trat er auch an Brahms heran; dieser jedoch lehnte ab und zeigte so, dass er nicht mehr gewillt war, sein schöpferisches Tun in einen irgendwie gearteten kirchenpolitischen Dienst zu stellen.

Auch das «Deutsche Requiem» von Brahms darf nicht als christlichen Dogmen und Liturgien entsprechende Totenfeier verstanden werden; es ist sogar fraglich, ob Brahms ursprünglich überhaupt im Sinn hatte, ein christliches Werk zu schreiben. Ende 1897 bekannte er, dass er weder damals, als er das Requiem schrieb, noch jetzt an die Unsterblichkeit der Seele glaube. Der konservative Brahms sprengte ausgerechnet in diesem Werk alle dogmatischen und liturgischen Bindungen und schuf ein musikalisches Monument, das den Menschen und sein Schicksal schlechthin anzusprechen vermag.

Bei von Herzogenberg fand Friedrich Spittas Idee hingegen «willigste Aufnahme». Über seinen Auftrag zum Weihnachtsoratorium schreibt er: «Ich dachte dabei an die einfachsten Mittel, vierstimmigen Chor mit Harmonium-, bezw. Orgelbegleitung. Die Rezensenten, die seine „Geburt Christi“ mit dem billigen Einwand abzutun meinten, sie litte eben doch gar keinen Vergleich mit dem reich ausgestatteten Bachschen Gegenstück, haben keine Ahnung davon gehabt, wie sich Herzogenberg durch asketisch enge Grenzen, die ich ihm gesteckt hatte, beengt gefühlt hatte.» In der Folge trotzte von Herzogenberg Spitta immerhin Streicher und eine Oboe ab.

Die asketische Aufgabe scheint dem als Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik wirkenden Katholiken von Herzogenberg jedoch gelegen zu sein; ihm, der – nach einem Zeugnis von Carl Krebs – die «psychologische Zerfaserung» eines Ibsenschen Dramas nicht leiden mochte und sich scheute, «sein innerstes vor aller Welt zu entblössen», schien der Dienst für die Gemeinde der Gläubigen und das Aufgehobensein in der kirchlichen Gemeinschaft Erfüllung zu bieten. (wb)

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