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27.06.2007 — Unter dem Motto «Musik im Raum» trafen sich europäische und amerikanische Hochschulstudios für elektronische Musik in Karlsruhe zum zweiten Mal zum Erfahrungsaustausch. Kann man Klänge berühren? Kann Raum wie Tonhöhe, Lautstärke oder Rhythmus zum Element kompositorischen Gestaltens werden? Sind Geräusche Musik? Unter anderem mit solchen Fragen beschäftigten sich die Vertreter der elektroakustischen Musik an ihrem zweiten Treffen im ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) Karlsruhe. Die Fragestellungen kommen nicht von Ungefähr. Das Umfeld für die Hochschul- und Forschungsstudios in der Tradition der europäischen Kunstmusik hat sich in den letzten zwanzig Jahren nämlich radikal verändert. Einerseits ist hochkarätige Studioelektronik, zu der früher bloss ein paar Privilgierte Zugang hatten, zur Massenware geworden, andererseits ist neben der akademischen Tradition in der Nachfolge Stockhausens, Nonos und Konsorten eine unbekümmerte Populärkultur der elektronischen Musik gewachsen, die dazu geführt hat, dass der Nachwuchs häufig nicht mehr die Ochsentour durch ein akademisches Instrumental- und Kompositionsstudium absolviert, bis er schliesslich im Hochschulstudio landet, sondern häufig direkt von der Strasse her an dessen akustisch wohlgedämmte Türen klopft. Die Weblinks ZKM Karlsruhe: www.zkm.de Degem: www.degem.de Degem-Webradio: biblio.zkm.de/DegemWebradio/radio.htm Remix-Konzertprojekt in München: www.t-u-b-e.de Gasometer Oberhausen: www.gasometer.de Codex-flores-Bericht vom ersten «next generation»-Treffen: Zwischen elitärer Avantgarde und Subkultur —————————————————————– Beiden Trends – dies wurde an der Tagung in Karlsruhe deutlich – wird an den Musikhochschulen Rechnung getragen. So werden heute vielerorts Studierende akzpetiert, die zwar nicht Noten lesen können, sich dafür in einschlägigen Clubs auf kreative Art das Handwerk des DJ angeeignet haben. Und dies ist gut so. Diese «Quereinstieger» verpassen den etwas zu Akademismus und emotionaler Unterkühltheit tendierenden Klangtüftlern an den Universitäten eine Vitalitätsspritze. Zum andern richten die Studios hier und dort üppig bestückte Klangkathedralen ein, die ein hochdifferenziertes Arbeiten mit räumlichen Strukturen erlauben und damit just den Bereich abdecken, der im heimischen Wohnzimmer trotz hochklassiger Gerätebestückung nicht simuliert werden kann. Den vorläufigen Gipfel dieser Entwicklung hat vor kurzem die TU Berlin erklommen – nach dem Prinzip der sogenannten Wellenfeldsynthese ist dort ein Hörsaal im Hauptgebäude mit einem 86 Meter langen Band – bestehend aus 2700 Lautsprechern – installiert worden, welches das Auditorium mit seinen 650 Sitzplätzen etwa in Ohrhöhe der Zuhörer umläuft. Als «Stiefkind des Stiefkindes», als Randgruppe innerhalb der im Musikleben bereits als Randgruppe agierenden Neuen Musik, muss sich die elektroakustische Musik unablässig und aktiv selber um Beachtung bemühen. Mit Arbeiten in ungewöhnlichen Räumen, denen etwas Spektakuläres und damit Massentaugliches eigen ist, soll deshalb auch das breite Publikum erreicht werden. Zwei aussergewöhnliche Projekte dieser Art sind denn auch im Anschluss an die in die Tagung eingebettete Vereinsversammlung der Deutschen Gesellschaft für elektroakustische Musik (Degem) offiziell vorgestellt worden. Zum einen soll im kommenden September die extreme Hall- und Echoakustik des Gasometers Oberhausen im Ruhrgebiet, einem ehemaligen gigantischen Speicherturm, für drei Konzerte genutzt werden. Mit an Bord sind neben der Degem dabei der Deutsche Musikrat, das NRW Kultursekretariat Wuppertal, die Energieversorgung Oberhausen, das Studio der Hochschule Essen und der WDR.
Eine etwas andere Idee mit Happeningcharakter verfolgt ein Remix-Projekt, das bereits am 28. Juli in der «t-u-b-e» des Münchner Einstein Kulturzentrums über die Bühne geht. Grundlage dazu bildet eine vom Münchner Informatikspezialisten Jörg Stelkens entwickelte Software, mit der Tüftler aus aller Welt über das Internet gemeinsam und in Beinahe-Echtzeit Klangarchitekturen bauen werden. Als Ausgangsmaterial dient dazu eine Referenz-CD der Degem mit 47 elektroakustischen Werken von 34 Komponistinnen und Komponisten. Bei der Verbreitung aktueller Arbeiten der elektroakustischen Musik spielt aber auch das Radio eine strategische Rolle. Neben dem Degem-eigenen Internetradio leisten in dieser Hinsicht die Bildungskanäle der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten einen Beitrag. Darüber gab an der Tagung unter anderem die beim SWR für Neue Musik zuständige Redaktorin Lydia Jeschke Auskunft, die in der Schweiz als Dramaturgin des Festivals Neue Musik Rümlingen amtet. Jeschke gab zu bedenken, dass gerade die aktuelle Thematisierung des Raums in der elektroakustischen Musik im traditionellen Stereoformat der Radioübertragungen nicht reflektiert werden kann. Mediale Erweiterungen des Angebotes, die es erlauben würden, sich an Minderheiten richtende Sendungen breiter zu streuen, würden zudem durch Urheberrechtsfragen kompliziert. So sei es nicht möglich, die Musikbeispiele ausgestrahlter Beiträge des SWR in Podcasts zum späteren Download mitzuliefern, weil die Gema (das deutsche Pendant zur Schweizer Suisa) dafür prohibitiv hohe Gebühren einfordere. Mit diesem Problem kämpft auch das Degem-eigene Webradio, das eng mit der ZKM-Mediothek verbunden ist. Ein Netzwerk von Kuratoren soll nun zumindest dafür sorgen, dass das Webradio breiter abgestützt wird.
Zu einem Gipfeltreffen kam es am Rande der Tagung, als die Gewinner eines erstmals ausgelobten Giga-Hertz-Preises für elektronische Musik bekannt gegeben wurden. Da versammelte sich die Jury, bestehend aus den Komponisten Horacio Vaggione, Wolfgang Rihm und Pierre Boulez sowie den Studioleitern Detlef Heusinger (Freiburg) und Ludger Brümmer (Karlsruhe) und Armin Köhler vom ZKM, um eine Preissumme von insgesamt 47’000 Euro und damit den weltweit höchstdotierten Preis für elektronische Musik – zu verteilen. Der mit 15’000 Euro dotierte Hauptpreis erhält der englische Komponist Jonathan Harvey, und zwar für sein umfangreiches Lebenswerk an der Schnittstelle zwischen Elektronik und Instrumentalmusik. Vier mit je 8000 Euro dotierte Produktionspreise gehen an den französischen Komponisten Mark Andre, Daniel Mayer aus Österreich, Flo Menezes aus Brasilien und den in Köln lebenden Zyprioten Vassos Nicolaou. In einer Schlussdiskussion sprachen die Leiter aus Berlin, Bern, Karlsruhe, Dresden, Bremen, Hannover und Wien aber auch weitverbreitete Missverständnisse zur Arbeit in einem der elektroakustischen Musik verpflichteten Hochschulstudio an. Obwohl die Einrichtungen eine ganz andere Funktion – nämlich diejenigen eines Klanglabors – erfüllten, würden sie häufig nach dem Modell von Rundfunkeinrichtungen gebaut. Zudem fehle ihnen der Mittelbau, weil Widerstände gegen die Vorstellung, auf dem Gebiet der elektroakustischen Musik Disserationen zu schreiben, gross sei. Unsinnigerweise sei es auch üblich, dass Absolventen einer Ausbildung nach ihrem Abschluss zu den Studios keinen Zugang mehr hätten, womit ihnen aber die Produktionsgrundlage auf ihrem eigenen Gebiet entzogen würde. Da müsse sich noch vermehrt herumsprechen, dass die Hochschulstudios ein unverzichtbarer sozialer Ort darstellten.
Die Eingangsfrage – ob man Klänge berühren kann – beantworteten im übrigen einige der Installationen, welche die Tagung begleiteten. So forderte etwa eine gläserne Klangsäule von Jeffrey Shaw und Peter Weibel mit «Terminal Identities» Neugierige auf, das Ohr an die Scheibe zu legen, um für sich Wortbeiträge wahrnehmbar zu machen. Und Julius Stahl verblüffte mit atmosphärischen Klangereignissen, die auf Podesten sitzend oder liegend mit dem Körper erfahren werden konnten. In zahlreichen Konzerten schliesslich präsentierten die Studierenden aus den Studios von Karlsruhe, Berlin, Lüneburg, Iowa, Bern, Essen, Köln, Basel, Dresden, Weimar, Hamburg, Lübeck, Hannover, Stuttgart, Den Haag, Graz, Wien und Bremen die grosse Vielfalt der aktuellen Arbeiten. (wb)
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| Next Generation «Musik im Raum», Treffen der elektronischen Studios Deutschlands, der Schweiz, Österreichs, der Niederlande und der USA im ZKM Karlsruhe, 21. bis 24. Juni 2007. | |||||||||||||||

