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Zwischen elitärer Avantgarde und Subkultur

17.06.2005 — Wie steht es um die aus der Musique concrète gewachsene elektroakustische Musik? Die Frage diskutierte in Karlsruhe eine hochkarätige Gesprächsrunde. Unausweichlich mit dabei: die Auseinandersetzung mit dem Übervater Luigi Nono und die Kontroverse um höchst zweifelhafte Tendenzen in der Rezeption seines Werkes.

Im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) der baden-württembergischen Metropole trafen sich die Vertreter der elektronischen Hochschul-Studios zu Erfahrungsaustausch und der Suche nach neuen Perspektiven. An dem «next generation» titulierten Meeting waren in zahlreichen Konzerten auch aktuelle Arbeiten der Studios und ihrer Studierenden zu hören.

In einem Abschlusspanel standen die Umwälzungen des Metiers zur Diskussion. Die Teilnehmer des Gespräches waren Konrad Boehmer (Institut für Sonologie am Königlichen Observatorium Den Haag), Ludger Brümmer (Leiter des Institutes für Musik und Akustik des ZKM), Gerhard R. Koch (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und André Richard (Experimentalstudio der Heinrich Strobel Stiftung des SWR in Freiburg). Die Moderation hatte Achim Heidenreich (ZKM).

In einem Eingangsvotum postulierte Gerhard Koch, dass man als Urvater der elektronischen Musik Ferrucio Busoni mit seiner Idee der Drittel- und Sechsteltöne ansehen könne, die sich in letzter Konsequenz und Reinheit natürlich nur auf elektronische Weise herstellen liessen. Durch die technischen Entwicklungen habe es in der Folge grosse Veränderungen des Werkbegriffes gegeben. Mit Luigi Nono sei die performative Komponente so wichtig geworden, dass man von einem originalen Werk nur noch annäherungsweise reden könne.

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Die Weblinks
«next generation»-Webseite:
www.zkm.de
Dt. Ges. für Elektroakustische Musik (Degem):
www.degem.de
Webradio der Degem:
biblio.zkm.de/DegemWebradio

Kommentar
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Durch die extremen Determinationsvorgänge in der Computermusik sei es einerseits zu einer Übersteigerung der seriellen Prozedur gekommen, führte Koch weiter aus, anderseits sei durch «Raumklang-Emanationen» das Werk universalisiert und in gewisser Weise mystifiziert worden. Das habe bereits bei Stockhausen mit dem «Gesang der Jünglinge» angefangen. Das erste prominente elektronische Werk der Musikgeschichte sei ja gerade nicht eines der Technikgläubigkeit, sondern ein dezidiert religiöses Stück.

Achim Heidenreich warf die Frage in die Runde, welche Rolle die Elektronik im Spannungsfeld der Instrumentalmusik einnehmen könne. Ist der Computer das Instrument der Zukunft, nachdem der Instrumentenbau und die Weiterentwicklung von Spieltechniken vollständig stagniert haben?

André Richard gab zu bedenken, dass die Erforschung der Möglichkeiten, akustische Instrumente durch einen elektronischen Prozess im Klang zu erweitern, mit den Arbeiten Helmut Lachenmanns mehr oder weniger aufgehört hätten – er habe das Potential weitgehend ausgeschöpft. Der Computer mit seinen Klangumwandlungsfähigkeiten biete neue Perspektiven. Es gebe da viele kolossale Erweiterungen, gab sich Richard überzeugt. Die wichtigste sei die Verräumlichung, die «schon theatralisch zu nennende Inszenierung des Klanges im Raum als intergrativer Bestandteil einer Komposition». Da müsse man auch ganz anders komponieren. Es gebe allerdings auch die Möglichkeit, einen intellektuellen Ansatz hier einfach zu verfolgen, ohne auf den Hörer Rücksicht zu nehmen.

Ludger Brümmer fügte die Beobachtung hinzu, dass die elektroakustische Arbeit, die eine tradierte Arbeitsteilung zwischen Komponisten und Interpreten wieder aufgehoben habe, im Idealfall zu einer Verschmelzung von Ideen in beidem, Klang und Raum, führen könne. Der Raumgedanke selber könne den Klanggedanken aber auch reduzieren, weil die Aufmerksamkeit des Hörers zwischen Raum- und Tonwahrnehmung geteilt sei.

Ludger Brümmer (ZKM), André Richard (Experimentalstudio der Heinrich Strobel Stiftung Freiburg), Achim Heidenreich (ZKM)
Ludger Brümmer (links, ZKM), André Richard (Experimentalstudio der Heinrich Strobel Stiftung Freiburg), Achim Heidenreich (ZKM)

Konrad Boehmer wiederum wies darauf hin, dass «in dem Augenblick, in dem die Mittel zur Erzeugung eines ästhetischen Produktes zu ihrer eigenen Zielsetzung werden», eine Gefahr besteht. «Es gibt», erläuterte er, «eine Sucht der Menschen, sich von der Technik aufsaugen zu lassen. Es wird dann vergessen, dass das Kunstobjekt nicht aufgrund seiner technischen Herstellungsprozedur beurteilt wird, sondern aufgrund seiner eigenen ästhetischen Substanz». Er höre, klagte Boehmer, viele elektrische Musik aller Form, wo nur feststellbar sei, wie es gemacht wird, und nicht was es ist.

Man müsse aufpassen, dass man nicht unter dem Druck der technischen Zivilisation als Komponisten ständig Dinge machen wolle, die sich gar nicht machen liessen, fuhr Boehmer fort. In der französischen Dramaturgie in der Operngeschichte habe es nur drei Dekorationen gegeben, das Bild habe zweitrangige Funktion gehabt. In der MTV-Welt der Musikvideos sei das Verhältnis gerade umgekehrt: Die Musik sei immer gleich, aber das Bild gebe den Anschein, dass die Tracks substantiell verschieden seien. «Das Gesamtkunstwerk ist technisch möglich, aber unser Gehirn ist nicht so gebaut, dass es kognitiv möglich ist», gab sich Boehmer überzeugt. Sobald die Technik beginne, den Komponisten fremdzubestimmen, müsse die Notbremse gezogen werden.

André Richard stellte fest, dass Ressourcen und finanzielle Mittel der Studios abgebaut werden und sich auch kein junges Publikum mehr in Konzerten mit neuer Musik finde. «Was ist die Konsequenz? Wie schaffen wir es, dass jemand unsere Musik hören will?» fragte er.

Ludger Brümmer gab zu bedenken, man könne sich der Tatsache nicht verschliessen, dass mit MTV auch die Hörgewohnheiten der Jungen geprägt worden seien und dass das Radio unablässig Popmusik spiele. Damit werde aber auch unablässig Marketing für diese Art von Musik betrieben. Die elektroakustischen Musiker müssten hingegen um die «jämmerlichen Sendeplätze in der Neuen Musik kämpfen».

Gerhard Koch führte die Diskussion wieder zurück zu den historischen Wurzeln. «In der Raumklang-Kunst gibt es eine neue Aura-Kunst, eine neue Charismatik», gab er zu bedenken. Luigi Nono habe ja nicht zufällig immer wieder auf San Marco verwiesen, auf die Mehrchörigkeit, und die Vorstellung der Musik im Raum habe da auch etwas Verlockendes. Die Musik werde ja auch immer einfacher, fügte er an. Bei Stockhausen oder dem späten Nono klinge ja, was die Binnenstrukturen angeht, vieles wieder einfacher als in den früheren und mittleren Phasen des Schaffens. Da entstehe so etwas wie eine Art Parareligiosität, und bestimmte Aspekte der Nono-Rezeption und der Pärt-Rezeption näherten sich einander an.

Dem widersprach André Richard heftig: Die Nono-Rezeption sei heute «ein Riesenproblem», meinte er. Er erinnere sich zum Beispiel, dass nach einer atmosphärisch dichten Aufführung des «Prometeo» in der Alten Oper Frankfurt die Musiker geglaubt hätten, sie hätten es nun wirklich auf den Punkt gebracht und alles sei super gelaufen. Nono allerdings sei überaus wütend geworden und habe erklärt, das sei die schlechteste Aufführung, die es je gegeben habe. Wenn dieses – falsche – Auratische zustandegekommen sei, dann habe Nono seine Musik bewusst kaputtgemacht. Er sei dann mit den Reglern ganz nach oben gefahren, es habe gepfiffen und man habe einen absoluten Schock bekommen. Es sei wirklich ganz schwierig, Nono so weiterzugeben, wie er wirklich war, erklärte Richard. Nonos Musik sei «in Wirklichkeit immer am Rande der Fragilität».

Konrad Boehmer pflichtete dem bei und staunte darüber, dass «ein Komponist, von dem man sehr genau weiss, wo er politisch und ideologisch steht, nach seinem Tod vom offiziellen Kulturleben vollkommen gegen seine Intentionen vereinnahmt wird.» Das habe angefangen, als Heinz-Klaus Metzger von einem «Wende-Streichquartett» zu sprechen begonnen habe, als ob bei Nono eine Wende stattgefunden hätte. Seither redeten alle von einem Nono vor der Wende und einem Nono nach der Wende. Das gebe es aber nicht.

Konrad Boehmer (Institut für Sonologie am Königlichen Observatorium Den Haag), Gerhard R. Koch (FAZ)
Konrad Boehmer (Institut für Sonologie am Königlichen Observatorium Den Haag), Gerhard R. Koch (FAZ)

In der Folge plädierte Gerhard Koch für eine Rückbesinnung auf die haptischen Elemente. Es seien, meinte er, ja auch in der instrumentalen Musik noch Zwischenmöglichkeiten drin. Hans-Joachim Hespos habe ja etwa mit dem Einbezug archaischer Instrumente ganz neue Klangmöglichkeiten gefunden. Das sei ein Ansatz, der durchaus weiterverfolgt werden könne. Und in Amerika habe Harry Partch sich der Konstruktion neuer Instrumente gewidmet und damit ungeahnte Klangspektren zustandegebracht, zum Beispiel mit Kreationen aus Holz, Glas und Plastik, denen ganz unglaubliche Klänge entsprungen seien.

Stockhausen, fuhr Koch fort, sei in den achtziger Jahren mit der Elektronik auch noch viel kreativer umgegangen, ohne Angst vor grellen und übersteuerten Klängen, davon sei er ganz abgekommen. Zudem sei es sehr irritierend zu sehen, wie Avantgarde-Komponisten zum Teil mit Verachtung auf Subkultur- und Popularmusik reagierten. Das habe manchmal schon etwas von paranoider Berührungsangst. die «anarchisch-brutalistischen» Möglichkeiten würden von der modernen Kunstmusik zuwenig genutzt.

In der Geschichtslosigkeit der jungen Komponisten sah auch Richard eine grosse Gefahr. Er stellte fest, dass die neuen Medien tendenziell einen Zugang zum Musikmachen schaffen, der komplett auf das Gedächtnis verzichtet. «Die Musikgeschichte, die irgendwohin geführt hat, ist vollkommen ausgeblendet, auch die Geschichte des Computers, den man verwendet. Man benutzt das Ding einfach», gab er zu bedenken.

Gerhard Koch pflichtete dem bei. Auch Absolventen mit sehr guten Noten an den Hochschulen wüssten heute nicht mehr, dass es so etwas wie Mehrklang-, Überblas- und Glissandotechniken auf Instrumenten gibt, die eigentlich schon zu Zeiten Gustav Mahlers genutzt wurden. Es sei trostlos zu sehen, wie eine neue Musik mit avancierten Spieltechniken einfach wieder verschwunden sei. (wb)

Next Generation, Treffen Elektronischer Studios der Hochschulen Deutschlands, den Niederlanden und der Schweiz, Festival mit Konzerten und Symposium, 9. bis 12. Juni 2005, ZKM Karlsruhe, Institut für Musik und Akustik

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