Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Accademia Bizantina spielt barocken Haydn

09.05.2010 — Die 1983 gegründete italienische Accademia Bizantina ist ein typisches Barockensemble, auch ihre letzten CD-Produktionen sind fast ausschliesslich barocken Meistern gewidmet: Bach, Händel, Vivaldi, Tartini, dem venezianischen Settecento und so weiter (irgendwo schleicht sich allerdings auch noch ein Schubert ein). Wenn sich das Ensemble unter Leitung von Ottavio Dantone und seinem Konzertmeister Stefano Montanari nun Instrumentalkonzerten Haydns annimmt und die Anweisung «Concerto per il/Clavicembalo 6 Forte piano» des Konzertes Hob. XVIII/11 zugunsten des Cembalos auslegt, dann kann man mit Fug und Recht vermuten, die Interpretationen atmeten barocken Geist; und so verhält es sich auch: Die spielfreudigen Italiener betonen die barocken Wurzeln der Konzerte, die sie im Februar 2009 in der Sala Dantesca der Biblioteca Classense von Ravenna eingespielt haben (neben dem erwähnten auch noch das G-Dur-Violinkonzert Hob. VIIa:4 und das Doppelkonzert Hob. XVIII/6).

Der eher anspruchslose Klaviersatz des Werkes Hob. XVIII/11 legt die Wahl des Cembalos nicht unbedingt nahe; er scheint (vor allem in den typischen Begleitfiguren der linken Hand) weitaus mehr auf das Fortepiano zugeschnitten zu sein und entfaltet auf dem barocken Vorgänger nicht wirklich grosse Wirkung. Dantone, der das Ensemble vom Tasteninstrument aus dirigiert, schafft aber luzide klangliche Gleichgewichte und steuert selber stimmige Kadenzen bei. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik: Die von Haydn selber verfassten Kadenzen sind nämlich offensichtlich fürs Fortepiano gedacht.

Man nimmt interessiert zur Kenntnis, wie sich die vergnügliche und verspielte Tonsprache der Klassik im Kleid der zupackend, ja – abflauender Moden moderner «historisch informierter» Spielpraxis folgend – teilweise ruppig aufspielenden Accademia präsentiert. Der luzide Gesamtklang erhöht das Vergnügen.

Kann sich Dantone als Solist auf die Betitelung des Klavierkonzertes berufen, kommt der Spielweise des Geigers Stefano Montanari in seiner launischen Interpretation des Violinkonzertes die Tatsache entgegen, dass das Werk bloss in der lausigen Fassung eines nachlässigen Kopisten vorliegt und der Solist deshalb viel Deutungsspielraum hat.

Montanari parfümiert den praktisch vibratolos gespielten Solopart mit für Geschmackspuristen provokativ anmutenden Glissandi, respektive Portamenti, die ab und zu gar an eine sich räkelnde Katze erinnern, und gelegentlich zeigt er sich auch nicht ganz intonationssicher.

Alles in allem erweist er sich aber als unterhaltsamer und spielfreudiger Frontmann, dessen eigene Kadenzen genauso überzeugen wie diejenigen des Pianisten. Und da Ensemble und Solist aus den eigenen Reihen naturgemäss perfekt aufeinander eingespielt sind, kann man sich an einem tollen Orchestergroove erfreuen, und an effektvoll eingesetzten Tempofreiheiten.

Alles in allem dürften die Haydn-Interpretationen der Accademia Bizantina für die kanonische Haydn-Deutung kaum Massstäbe setzen. Sie werfen aber aus der Perspektive der historischen Herkunft ein interessantes Licht auf die Musik, und sie bleiben in lebhafter Erinnerung – ein deutliches Zeichen dafür, dass sie durchdachter sein dürften, als es zunächst den Eindruck macht. (wb)

Joseph Haydn: Klavierkonzert D-Dur Hob. XVIII/11, Violinkonzert G-Dur Hob. VIIa:4, Doppelkonzert für Klavier und Geige F-Dur Hob. XVIII/6. Accademia Bizantina, Ottavio Dantone (Cembalo, Leitung), Stefano Montanari (Violine). L’Oiseau Lyre/Universal, Best. Nr. 478 2243.

Schreibe einen Kommentar