23.07.2008 — Die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli hat mit ihrem originellen Projekt über die legendäre Sängerin Maria Malibran (siehe Rezension) den Blick der Öffentlichkeit auf die Gesangskunst des 19. Jahrhunderts und seine Eigenheiten gelenkt. Dabei beleuchtete sie das Schicksal der schon damals bis an die psychischen und physischen Grenzen gelangenden reisenden Virtuosinnen. Einer anderen, aber nicht minder interessanten Seite der Epoche wendet sich die japanische Sopranistin Akiko Nakajima mit ihrer CD «Plaisir d’amour» zu: dem typischen Repertoire, das Vokalkünstler im intimen Rahmen des bürgerlichen Salonrezitals widmeten. Sie kann dabei sogar mit bemerkenswerten Ersteinspielungen aufwarten.
Das Palette der Lieder, welche die Zeit Chopins und Rossinis charakterisiert, erstreckt sich weit über die noch heute populären Werke eines Robert Schumann oder Peter Tschaikowsky hinaus. Insbesondere die italienischen Beiträge der Zeit sind heute praktisch vergessen. Gerade für diese bricht Nakajima (zusammen mit ihrem Klavierpartner Niels Muus) eine Lanze. Im Zentrum steht dabei das «Album a Benefizio del Poeta F. M. Piave» das in den 1860er-Jahren auf eine Idee Giuseppe Verdis zurückging. Der Librettist, der unter zahllosen andern die Texte zu Verdis «Ernani», «Forza del Destino», «Traviata», Riccis «Griselda» und Peris «Fidanzati» verfasst hatte, litt an den Folgen eines Schlaganfalls und war deshalb in materielle Not geraten. Mit dem Erlös des Albums, zu dem Auber, Antonio Cagnoni, Mercadante, Federico Ricci, Ambroise Thomas und Verdi Kompositionen besteuerten, sollte dem Dichter materiell etwas unter die Arme gegriffen werden. Auf der CD sind einige der Beiträge − sie stammen von Auber, Cagnoni, Ricci und Thomas − erstmals greifbar.
Nicht minder interessant sind die fünf Lieder (veritable Salonromanzen) Paolo Tostis, welche die CD abschliessen. Ihnen vorangestellt sind zwei Canzoni seines Lehrers Mercadante, an deren volkstümlichen Grundton Tosti anknüpft. Man vermeint in ihnen die Grundmotive des in den Ländern Lateinamerikas noch heute populären Boleros, respektive des brasilianischen Bregas zu entdecken: Schmonzetten, die von Abschied, Liebesverlust und Sehnsucht handeln, hier auf Italienisch, Französisch und Englisch.
Die Sopranistin Akiko Nakajima hat ihre internationale Karriere als Gewinnerin der Australian Singing Competition und einem Debüt unter Christopher Hogwood an der Oper von Sydney gestartet. Über die Stationen Innsbruck und Darmstadt hat sie an die Volksoper Wien und die Hamburgische Staattsoper gefunden und sich schliesslich die grossen Häuser und Festivals Europas erobert. Für Cecilia Bartoli amtete sie 2006 am Royal Opera House in London in der Rolle der Donna Fiorilla aus «Il Turco in Italia» als Coverbesetzung. Den sängerischen Anforderungen des hier vorliegenden Belcanto-Repertoires wird sie spielend gerecht. (wb)
Akiko Nakajima: Plaisir d’amour. Werke von Martini, Scarlatti, Mozart, Bellini, Auber, Cagnoni, Mercadante, Ricci, Thomas, Verdi und Tosti. Dynamic CDS 556, Genua 2008. www.dynamic.it