20.01.2009 — Es ist zu hoffen, dass Komponisten wie Alfred Schnittke nicht mehr nach dem beurteilt werden, was sie nicht sind, nämlich atonale Verweigerer eingänglicher Expressivität. Dann öffnet sich das Ohr für den Eigenwert der originellen künstlerischen Wege, die sie beschritten und die Ausdrucksbereiche, die sie mit ihren eigenen Strategien erobert haben. Man wird ihnen dann auch nicht mehr zum Vorwurf machen, dass sie in ihrer Jugend mit den Stilmitteln ihrer geistigen Väter experimentierten, wie dies die Adepten der Neutöner im Grunde genommen ja genauso gemacht haben, nur dass es bei ihnen wegen des intellektuellen Chic weniger aufgefallen ist.
Eine hervorragende Gelegenheit zu einer autonomen Beurteilung der stilistischen Entwicklungen, die der deutsch-russische Tonschöpfer durchgemacht hat, bietet die Einspielung seiner Klavierkonzerte, die hier auf einer einzigen CD vereint sind.
Da ist zunächst das Konzert für Klavier und Orchester aus dem Jahr 1960, das Schnittke als Reifeprüfung im Anschluss an seine Ausbildung am Moskauer Konservatorium vorgelegt hat. Wieder aus der Versenkung hervorgeholt worden ist es 2005 von der Pianistin Ewa Kupiec, dem Dirigenten Frank Strobel und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Es ist noch ganz der Tradition des Sowjetrealismus mit seiner teils schrillen, teils melodramatischen Maschinenästhetik verpflichtet, zeugt aber vom grossen Talent seines Schöpfers.
Ganz anders das Konzert für Klavier und Streichorchester aus dem Jahr 1979. Es bettet den Klavierpart über weite Strecken in ein irisierendes Panoptikum von Streichertexturen ein und zeigt, wie souverän sich Schnittke der Spiel- und Orchestrierungstechniken der europäischen Avantgarde zu bedienen verstand, ohne seine Wurzeln im expressiven Untermalen imaginärer Emotionslandschaften zu verleugnen.
Noch konsequenter zeigt sich die Differenzierung des technischen und klanglichen Ausdrucks in der originellen Besetzung des Konzertes für vierhändig gespieltes Klavier und Kammerorchester. Es führt über den Kunstgriff der solistisch besetzten Blasregister noch weiter von der Klangwucht der russischen Revolutions-Sinfonien weg − hin zum Spiel mit subtilen Timbres.
Die Interpreten lassen keine Wünsche offen. Frank Strobel ist ein intimer Kenner der Musik Schnittkes. Er hat mit dem Komponisten mehrmals eng zusammengearbeitet und sich mit dessen Klangwelten in Uraufführungen und Bearbeitungen auseinandergesetzt, die auf ausdrücklichen Wunsch Schnittkes selber entstanden sind. Aber auch mit dem ästhetischen Umfeld Schnittkes ist er bestens vertraut. So hat er etwa auch Prokofjews «Alexander Newski» uraufgeführt und sich als versierter Spezialist für Stummfilmmusik sowie als Chefdirigent des Deutschen Filmorchesters Babelsberg ausgezeichnet. Die herausragende Pianistin Ewa Kupiec − eine bemerkenswert eigenständige künstlerische Persönlichkeit − und ihre Partnerin Maria Lettberg lassen ebenfalls nichts anbrennen.
Die Aufnahmen zum Klavierkonzert aus dem Jahr 1960 entstanden im November 2005 in Berlin im Vorfeld der erstmaligen Wiederaufführung des Werkes nachdem es nach der Uraufführung in Moskau in der Versenkung veschwunden war. Die beiden späteren Werke sind ein Jahr später ebenfalls in Berlin eingespielt worden. (wb)
Alfred Schnittke: Die Klavierkonzerte, Ewa Kupiec (Klavier), Maria Lettberg (Klavier), Rundfunk-Sinfonieorhcester Berlin, Frank Strobel (Leitung), Phoenix Edition 103, 1 SACD,·in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur.