19.12.2008 — Sämtliche Violinkonzerte Beethovens? Na ja, die sind schnell aufgezählt. Es gibt nämlich nur eines. Oder eines und noch zwei halbe dazu, denn der Bonner Meister hat auch zwei Romanzen für Violine und Orchester geschrieben, was dann in summa zwei ergäbe. Wieviele Klavierkonzerte? Fünf? Oder sechs? Der Komponist hat nämlich auf Drängen Muzio Clementis eine Klavierfassung seines einzigen Violinkonzertes erstellt (die Clementi dann nicht spielen wollte und heute auch praktisch vergessen ist). Sämtliche Sinfonien Schubert? Man errät’s: Das ist schwierig zu sagen. Eine ist ja bekanntlicherweise unvollendet geblieben. Zu wie vielen Bruchteilen will man das Fragment zur Menge der Schubert-Sinfonien zählen? Und wie viele Oboenkonzerte gibt’s von Richard Strauss? Das ist hingegen echt einfach: eines. Genau eines. Wenn es sich auch eher um eine Gelegenheitsarbeit handelt.
Dies sind alles Werkreihen aus der Zeit des «Opus»-Komponierens, in der die Tonschöpfer innerhalb eines wohlabgezirkelten Kanons an Gattungen und Formen sich der Einzigartigkeit ihrer Schöpfungen bewusst waren. Schwieriger wird’s in Sachen Individuierung von Kompositionen mit Blick auf die Barockmusik, wo Stücke nach praktischen Anforderungen umgeschrieben, neu zusammengestellt, variiert oder nicht eindeutig für ein Instrument verfasst worden sind. Wieviele Violinkonzerte gibt’s von Vivaldi? Etwa zweihundert? (Wenn’s nach einem launischen Bonmot Strawinskys ginge, dann gäbe es überhaupt bloss ein Konzert Vivaldis, das aber dafür 600 mal). Welche Varianten und Bearbeitungen soll man dazu zählen? Was ist hier überhaupt ein Original? Was eine Umarbeitung?
Auch die Frage, was man denn zur Kategorie «sämtliche Blockflötenkonzerte» des venezianischen Meisters zählen müsste, ist durchaus unklar. Die ungarischen Blockflötenspieler Laszlo Czidra und Laszlo Kecskemeti haben vor sechs Jahren für das Label Naxos unter diesem Titel die Werke RV 441 bis RV 445 und dazu das Konzert RV 95 für Flöte, Oboe, Violine, Fagott und Basso continuo eingespielt. Eine CD mit den «Complete Recorder Concertos» legt nun bei cpo auch Flötenvirtuose Michael Schneider vor − begleitet von der Cappella Academica Frankfurt. Er vereint dabei die Konzerte RV 441 bis RV 445, das Konzert RV 108 für Altblockflöte, zwei Violinen und Basso continuo, sowie die Sonata a due RV 86 für Altblockflöte, Fagott und Basso continuo.
Beide «Gesamtaufnahmen» ignorieren hingegen einen Rekonstruktionsversuch eines weiteren Blockflötenkonzertes, den der Musikwissenschaftler Jean Cassignol vor einigen Jahren unternommen hat. Schneider weist ihn mit dem Argument zurück, es handle sich ja bloss bei zwei Dritteln des ersten Satzes des fraglichen Konzertes RV 312 um eine originale Fassung für ein Flöteninstrument, der Rest sei von Vivaldi für Violine gesetzt worden (Leserbrief). Ob das Argument sticht, wenn man Vivaldis Verfahren bei der Verfassung seiner «originalen» Flötenkonzerte in Betracht zieht? Wir kommen gleich dazu.
Der lesenswerte Essay im Booklet zur Auswahl der Konzerte und der Wahl der Stimmlage für das Soloinstrument zeigt auf, wie schwierig es ist, zu bestimmen, wo in der Barockmusik die Grenzen eines Werks zu finden sind und was wie zusammenpasst.
Gleich zum Auftakt des Textes stellt sich Schneider die Frage, ob es sich wirklich um Werke für Blockflöte handelt, von einer ganz anderen Seite. Kann es sich nämlich wirklich um solche handeln, wenn Vivaldi die «Notwendigkeit des Atemholens für Flötisten» ignoriert? Oder sind es nicht vielmehr Violinkonzerte, die bloss so tun, als seien sie solche für Flöte (so sind etwa die Solopassagen aus dem Altblockflötenkonzert RV 441 zu grossen Teilen aus dem Violinkonzert RV 202 abgeschrieben, was ja Strawinskys Verdikt auch nicht gerade unbedingt widerspricht)?
Bei der erwähnten Übertragung hat Vivaldi allerdings gewisse Wendungen im ersten und dritten Satz ausgestrichen oder vereinfacht, höchstwahrscheinlich im Glauben − erklärt Schneider −, den Flötisten damit einen Gefallen zu erweisen. Diese Vereinfachungen macht Schneider für die vorliegende Einspielung rückgängig. Er kann das, weil er ein ungemein virtuoser Könner auf seinem Instrument ist. Er stellt dabei fest, dass sich durch die Rückübersetzung im zweiten Solo des ersten Satzes «überhaupt erst eine sinnvolle Struktur» ergibt.
Aber selbst wenn man sich darauf einigt, dass der «rote Priester» ein Konzert wirklich und eindeutig und unzweifelhaft für Blockflöte geschrieben hat, ist offenbar noch lange nicht klar, in welcher Tonlage es denn nun darzubieten sei. Die Frage stellt sich namentlich mit Blick auf RV 443 und 445. Laut Ryom-Verzeichnis (dem wir das Kürzel «RV» in der amtlichen Auflistung der Werke Vivaldis verdanken) ist RV 443 in C-Dur gesetzt. Allerdings − so Schneider − ist auf das Manuskript offenbar für den Kopisten − die Notiz «gli strumenti trasportato alla 4ta bassa» gekritzelt worden. Schneider spielt es denn auch in G-Dur und damit statt auf dem Sopranino auf der Sopranblockflöte.
Aus musikalischen Gründen empfiehlt sich, meint Schneider, dieselbe Quarttransposition für RV 445 − sein Manuskript weist die gleiche Notiz auf − aber nicht. Es ist hier deshalb in der «Original»-Tonart a-Moll zu hören.
Die Einspielungen durch den deutschen Blockflötisten und die Cappella Academica Frankfurt wirkt nicht so poliert wie manche Vivaldischerbe, die zur Zeit für den Massenmarkt auf Wohlklang und Hochglanz getrimmt wird, und die Idee einer Gesamteinspielung hat auch mehr dokumentarischen Charakter, als dass ein schlüssiger musikalischer Bogen entstünde. Ob es denn auch wirklich nötig war, auch noch die musikalisch eher weniger inspirierte Triosonate anzuhängen, soll offen bleiben.
Schneider und der Cappella Academica Frankfurt ist damit aber sicherlich eine authentische und musikalisch wie musikologisch anregende Dokumentation gelungen. (wb)
Antonio Vivaldi: Complete Recorder Concertos, Michael Schneider (Blockflöte), Cappella Academica Frankfurt, aufgenommen im Januar 2007 an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Frankfurt, cpo 2008, Best.-Nr. cpo 777 304-2.