21.02.2008 — Alle zwei Jahre wird seit 1999 in der Urner Kantonshauptstadt Altdorf das Festival Alpentöne durchgeführt, letztes Jahr zum fünften Mal. Es zeigt laut Selbstdeklaration «Musikprojekte aus dem gesamten Alpenraum, die sich mit der alpinen Tradition auseinandersetzen», und dies − wie der Querschnitt durch das Festival offenbart − auf sehr hohem Niveau und in zahlreichen stilistischen Schattierungen. Die reichen von archaischen, hoch expressiven a-cappella-Gesängen bis zu modernen, urban anmutenden Vermischungen folkloristischer Traditionen mit Elementen des Jazz und der klassischen Musik. Dass ein solcher Anlass in dem bloss scheinbar abgelegenen Altdorf realisiert wird, ist nicht ganz zufällig. Zum einen liegt der Ort direkt an der Gotthardroute und bildet damit eine Art Gravitationszentrum des Raumes, dessen klingende Traditionen er mit dem Anlass reflektiert. Zum andern scheint man sich da einiges einfallen zu lassen, um die regionale Attraktivität zu wahren, und dies nicht nur in musikalischer Hinsicht. So hat Altdorf letztes Jahr für «landschaftsverträgliche Raumentwicklung und die Vielzahl gelungener Neubauten und Sanierungen» vom Schweizer Heimatschutz den renommierten Wakker-Preis verliehen bekommen − zur eigenen Überraschung. Man gratuliert.
Dass es auch in der idyllischen Alpenregion durchaus menscheln kann, zeigte im vergangen Oktober allerdings der abrupte Bruch des Ortes mit dem Festivalleiter Urban Frye, für den in der Person von Johannes Rühl, dem Leiter des Freiburger Festivals «Le Gipfel du Jazz», bereits ein Nachfolger eingesetzt worden ist.
Die CD vereint Aufnahmen der Schweizer Klangtüftler Tritonus, des piemontesischen Ensembles Li Sounalhé, des slowenischen Akordeonisten Bratko Bibic − international bekannt geworden als Mitglied der legendären interkulturellen Formation Accordion Tribe −, seiner Landsfrauen vom Frauenchor Katice, dem «Stimmhorn»-Mitglied Christian Zehnder, dem Schweizer Projekt Bann, der Multi-Instrumentalistin und Sängerin Claudia Bombardella mit ihrem Trio, dem Schweizer Hackbrettspieler Töbi Tobler, dem Genfer Yves Cerf Quintett, der italo-slowenischen Gruppe Zuf de Zur und dem Ensemble jazz horch-x-tra.
So vielfältig wie die Liste der durchwegs illustren Künstler ist auch die Musik auf der CD. Sie zeigt, dass ein Phänomen, welches man mit dem Schlagwort «Neue Volksmusik» nur ungenügend charakterisiert, weit mehr als bloss die Revitalisierung volkstümlicher Traditionen ist, nämlich ein der Musik als solcher gewidmetes Abenteuer, das mit zahlreichen klanglichen und formalen Raffinessen überzeugt und dabei auch bestens unterhält.
Einen ebenfalls höchst innovativen Umgang mit folkloristischen Traditionen pflegt der russische Alphornspieler Arkady Shilkloper, der ursprünglich an der Moskauer Militärmusikschule das Mundwerk des Horns erlernt hat und mit so unterschiedlichen Künstlern wie dem irisch-schweizerischen Komponisten John Wolf Brennan, dem Vienna Art Orchestra (VAO) und den tuvischen Obertonsängern Huun-Huur-Tu zusammenarbeitet, aber auch mit dem vor fünf Jahren verstorbenen Vibraphonisten Lionel Hampton aufgetreten ist.
Unter dem Titel «Zum Gipfel und zurück» hat er für Musiques Suisses neue Kompositionen für Alphorn eingespielt, darunter eigene Werke, eine Studie für zwölf Alphörner des VAO-Gründers Mathias Rüegg und Werke von John Wolf Brennan, Daniel Schnyder und Hans Kennel. Erstaunlich, zu was für einer Virtuosität und klanglicher Beweglichkeit ein Ausnahmekünstler wie Shilkloper mit dem wuchtigen Horn auflaufen kann. Auf der CD schichtet er bis zu zwölf Alphörner − offensichtlich im Playback-Verfahren − übereinander. Er lässt damit Klaviersaiten mitschwingen und Hörner und Flügelhörner sich über Ostinati, Bordune und Minimal-Music-ähnliche Klangmuster zu teils elegischen, teils kantigen Melodien aufschwingen.
Dem drohenden Vergessenwerden entreisst Musiques Suisses zudem zwei Schallplatten aus den siebziger Jahren mit historischen Aufnahmen von Hackbrett- und Zithern-Musik. Zu der Zusammenfassung der beiden Dokumente auf einer CD hat Brigitte Bachmann-Geiser einen informativen Text verfasst, der die Instrumente und ihre Spielerinnen und Spieler vorstellt. Durchaus mit Befriedigung kann die Pionierin der Volksmusikforschung dabei feststellen, dass die Neuedition heute nicht mehr als Überraschung wirkt. Seit der Erstausgabe haben «Anhänger der Folkbewegung, Spielleute, Recherchiermusiker, experimentelle und nach wie vor traditionelle Volksmusiker die überlieferten Saiteninstrumente der schweizerischen Volkskultur zu neuem Leben erweckt». Der Vergleich mit den heutigen Produktionen zeigt aber auch, wie sehr sich in den vergangenen dreissig Jahren das Interesse vom wissenschaftlichen Katalogisieren zur schöpferischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Volksmusikerbe verlagert hat. (cf)
Alpentöne. Ein Querschnitt durch das Festival ’07, Koproduktion mit Schweizer Radio DRS 2 und Festival Alpentöne, Musiques Suisses MGB-NV 2.
Zum Gipfel und zurück. Neue Alphornmusik, Arkady Shilkloper (Alphorn und Hörner), Werke von Shilkloper, Sommer, Rüegg, Wolf Brennan, Gassman, Schnyder und Kennel, Musiques Suisses MGB CD 6246.
Hackbrett und Zithern in der Schweiz. Historische Aufnahmen. Neuedition der LPs «Das Hackbrett in der Schweiz» (EL 12175) und «Die Zithern der Schweiz» (EL 12208), Ex Libris 1973/74, Musiques Suisses MGB CD 6258.
Mehr Infos: www.musiques-suisses.ch