04.05.2010 — Man wird den Verdacht nicht los, dass da aus der Not eine Tugend gemacht werden soll: An prominenter Stelle erklärt sich im Booklet der jüngsten CD des Asasello Quartettes die Tonmeisterin. Es handle sich hier um zwei Livemitschnitte, die in zwei verschiedenen, allerdings gleichermassen mit sehr trockener Akustik geschlagenen Räumen realisiert worden seien (einem im sibirischen Irkutsk, das schon geografisch mit Kälte assoziiert ist, einem in Warschau). Man habe sich deshalb für eine sehr nahe Mikrophonierung entschieden und könne dafür nun ein ungewöhnlich «präsentes und gut zu verfolgendes» Klangbild bieten. Na ja, aber um welchen Preis… nahe aufgenommenen Streichern fehlen Fülle und Wärme, die sich ergeben, wenn sich Raum- mit Direktschall vermischen. So tönt denn hier alles etwas wie aus der grauen Schuhschachtel.
Ein durchaus faszinierender Effekt ergibt sich da allerdings mit Ohr auf Schnittkes drittem Streichquartett. Dessen Glissandi, Triller und schwebende Dissonanzen gewinnen dank der sezierenden Aufnahmetechnik an Schärfe und damit Unerbittlichkeit. Seine schwebenden Dissonanzen und dynamischen Aus- und Einbrüche wirken zugleich schneidend, nahe und ungreifbar. Gute Durchhörbarkeit offenbart jede Ungenauigkeit im Spiel allsogleich. Dass sich das mittlerweile zehn Jahre alte, international besetzte Quartett da auch im Livespiel praktisch keine Blössen gibt, spricht für seine Klasse.
Geht’s um Schuberts Quartett D810 mit Variationen über «Der Tod und das Mädchen» sieht das mit dem überzeugenden Klangerlebnis allerdings etwas anders aus. Das Schubert-Quartett, dem Woody Allen auch im Film «Crimes and Misdemeanors» («Verbrechen und andere Kleinigkeiten») ein launisches Denkmal gesetzt hat, mutet in der vorliegenden Einspielung schnell, hart, ja aggressiv an. Auch da lässt sich die rhythmische Präzision des Ensembles bewundern, allerdings scheint die Musik hier nicht wirklich zu atmen und in der akustischen Kälte fast zu erstarren. Möglich dass das Warschauer Radiostudio auf die Stimmung gedrückt hat. Der schneidende Ton animiert nicht zum Zweithören. Schade, denn das Quartett hat ohne Zweifel hohe künstlerische Qualitäten. (wb)
Asasello Quartett (Rostislav Kojevnikov und Barbara Kuster, Violinen; Justyna Śliwa, Bratsche, Wolfgang Zamastil, Cello). Franz Schubert: Streichquartett d-Moll, D 810 «Der Tod und das Mädchen, Alfred Schnittke: Streichquartett Nr. 3. Avi-Music Köln, Best.-Nr. 8553154