Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Beethoven Orchester Bonn spielt Schönberg

22.12.2009 — Schönberg ist auch heute noch ein Komponist, der im bürgerlichen Konzertsaal wenig zu hören ist. Sein kompositorisches Schaffen öffnet sich selbst geneigten Hörern nicht leicht, zudem haftet ihm als Erfinder der Zwölftonmethode der Ruch des Spielverderbers an, wenn es darum geht, sich der «zu Herzen gehenden» Melodien- und Espressivo-Seligkeit hingeben zu dürfen. Da scheint es mutig, wie Stefan Blunier als Dirigent zum Einstand der Arbeit mit einem neuen Orchester, dem Beethoven Orchester Bonn, eine CD ausschliesslich dem Werk des Neutöners zu widmen, auch wenn diese auf dessen frühes, von Spätromantik und Expressionismus beeinflusstes Schaffen fokussiert.

Das populärste Werk Schönbergs, die «Verklärte Nacht», wird dabei ausgespart. Dafür ist als gut dreiminütiges Intermezzo in einer Ersteinspielung etwas zu hören, was man wohl bloss als Jugendsünde bezeichnen kann und ans Licht bringt, dass der spätere Erfinder der Dodekaphonie sich in ganz jungen Jahren durchaus nicht erblödete, banale Melodien zu schreiben: Sein «Notturno» von 1896 für Harfe, Sologeige und Streichorchester ist im Kern simple Salonmusik. Möglich, dass Schönberg die Erkenntnis selber derart in die Knochen gefahren ist, dass er später ins Gegenteil umkippte und motivische und klangliche Komplexitäten in bislang ungekannte Extreme getrieben hat.

Das Anrüchige, vor dem sein späterer Prophet Adorno eine unüberwindbare grossbürgerliche Abneigung empfand, hat sich dafür ins Atmosphärische verlegt: Vor allem die sechs Lieder op. 8, hier von einer phänomenalen, hoch dramatischen Manuela Uhl zum Besten gegeben, sind bei aller satztechnischer Subtilität von einer schwülstigen Schwüle, die heute genauso nach Plüsch und schweren Parfüms riecht wie die harmonischen Üppigkeiten der spätromantischen Operntitanen.

In der Klanglichkeit und der sinnlichen Arbeit an subtilen motivischen Mikrostrukturen und akustischem Rankenwerk zeigt sich aber auch hier der ganz grosse Meister. Ein Stück wie «Farben» (auf der CD mit dem Urtitel «Sommermorgen an einem See» ettiketiert) aus den fünf Orchesterstücken op. 16 wirkt auch heute noch überaus modern; dem durch eine Fülle elektronischer Musik für Klangvaleurs geschulten Ohr offenbart sich in dieser Tonflächenkomposition, wie brillant Schönberg mit dem grossen Orchester umzugehen verstand, eine Fähigkeit, die er sich – wie im Booklet erwähnt – nicht zuletzt mit dem Orchestrieren von mehreren tausend Seiten Klavierskizzen zu Operetten als Broterwerb angeeignet hat.

Schönbergs Umgang mit dem Orchesterklang zeigt sich auch in der Instrumentierung von Präludium und Fuge BWV 552 Johann Sebastian Bachs, eine Bearbeitung, die eher einer launigen Übermalung des Originals, denn einer historisch behutsamen Verdeutlichung der barocken Ästhetik entspricht.

Das Beethoven Orchester Bonn kann in diesen komplexen Partituren seine hervorragenden Fähigkeiten und seine Ernsthaftigkeit im Umgang mit der klassischen Moderne unter Beweis stellen. Es zollt damit auch dem eigenen Erbe Respekt, standen doch im Laufe des 20. Jahrhunderts Klangkünstler wie Richard Strauss, Max Reger, Sergiu Celibidache und Günter Wand an seinem Pult. Blunier bewegt sich da als neuer Generalmusikdirektor durchaus auf Augenhöhe. (wb)

Arnold Schönberg: Orchesterwerke (5 Orchesterstücke op. 16, Notturno für Harfe Solovioline und Streicher, 6 Lieder op. 8, Orchestrierung von Präludium und Fuge BWV 552), Beethoven Orchester Bonn, Stefan Blunier (Leitung), Manuela Uhl (Sopran), Dabbbinghaus und Grimm, MDG 937 1584-6 (SACD).

Schreibe einen Kommentar