07.01.2009 — Als Musik noch nicht aufgenommen und beliebig oft und an beliebigen Orten wieder abgespielt werden konnte, musste abseits des Konzertbesuches selber zu einem Instrument greifen, wer sich über die neuesten Trends auf dem Laufenden halten wollte. Im 19. Jahrhundert war das intellektuell anspruchsvolle Musizieren aber auch nicht mehr bloss dem adligen Vergnügen und der Kirche vorbehalten. Es wurde auch zu einer bevorzugten Beschäftigung des aufstrebenden Bürgertums. Und da bildete sich eine breite Basis an musikalischer Kompetenz aus, die heute kaum mehr vorstellbar ist. Die Folge: Die grossen Renner − von den klassischen und romantischen Sinfonien über Opern bis zu den Instrumentalkonzerten waren in unzähligen Fassungen für Klavier zu zwei Händen, Klavier zu vier Händen, für zwei Klaviere, Klavier und Geige, zwei Geigen, Streichquartett, Trompete und Oboe, Harfe und Ophikleide, Harmonium und Maultrommel oder Gitarren- und Blockflötengruppen greifbar. Da gehörte es zu den abendlichen Vergnügen, vornehmlich der «höheren Töchter», der Familie die salonfähigen Fassungen der grossen Orchesterwerke darzubringen.
Dazu gibt’s aus einem Aufsatz des Musikkritikers Eduard Hanslick («Gemeine, schädliche und gemeinschädliche Klavierspielerei») eine doch eher polemische Beschreibung, die zu hübsch ist, um sie dem geschätzten Publikum hier vorzuenthalten: «Es war eine angeblich ‚ruhige‘, etwas enge Gasse, in welcher ich vor einigen Jahren das Glück hatte, ein clavierfreies Haus zu bewohnen. Aber mir gegenüber stürmten aus drei Stockwerken alle bösen Geister zu den stets offenen Fenstern heraus. Während im ersten Stock mehrere musikalische Schwestern von schwachem Gehör und stets verstimmtem Clavier Beethoven, Strauss, Offenbach und Chopin durcheinander schüttelten, blutete über ihnen ein junges Opfer musikalischer Dressur stundenlang unter Tonleitern und Uebungen. (..) Der Abend pflegte im anstossenden Hause durch vierhändiges Abschlachten altersschwacher Ouvertüren gefeiert zu werden».
Hanslicks Stossseufzer zum Trotz muss zugegeben werden, dass der aktiven Auseinandersetzung mit den Partituren doch einges mehr an Reiz innegewohnt haben muss, als dem Pff-Pff-Tsch-Tsch, das heutigen Musikkonsumenten aus Ohrstöpseln zeitgenössischer MP3-Player in die klangsüchtigen Ohren dröhnt, oder meinetwegen auch nur tröpfelt.
Auch von den zwei Klavierkonzerten Frédéric Chopins kursierten mehrere Reduktionen für ein Klavier auf dem Markt. In der Petrucci-Bibliothek, einer Online-Sammlung frei verfügbarer Notenmaterialien, finden sich allein vom Konzert op. 11 deren drei, nämlich solche von Karl Klindworth (1830-1916) und Franz Xaver Scharwenka (1850-1924), von Carl Tausig (1841-1871) und von Mily Balakirev (1837-1910). Daneben findet sich auch eine Version für Streichquartett, und vom Konzert op. 21 ist da eine Fassung von Chopin selber greifbar. Sorgfältig erstellte und gut dokumentierte «Urtext»-Fassungen der beiden Konzerte für Klavier solo sind heute aber auch in der vom Musikwissenschaftler Jan Ekier betreuten «nationalen Gesamtausgabe» der Werke Chopins erhältlich (mehr dazu findet sich im Web unter dem URL www.chopin-nationaledition.com).
Die polnische Pianistin Joanna Michna, die sich ihr Handwerk unter anderem bei Ekier erworben hat, hat für das Label Elisio bereits zahlreiche Werke Chopins eingespielt, im Februar 2008 im renommierten Sandhausener Tonstudio van Geest zuletzt auch die Solofassungen der beiden Konzerte. Auf den ersten Blick ist dies nicht unbedingt einsichtig, scheinen die Reduktionen doch eben eher fürs Selbststudium oder der mangels Ressourcen abgespeckten Präsentation im privaten Kreis gedacht: Der Solist wird in den Tutti-Stellen zu so etwas wie seinem eigenen Korrepetitor, für den Zuhörer ergeben sich da kaum berauschende neue Klangerlebnisse.
Joanna Michna führt aber gute Gründe an, sich den reduzierten Fassungen zuzuwenden und sie dem Publikum als Höralternativen anzudienen. Der Klavierpart kann wesentlich freier gestaltet werden, insbesondere ist das für den Charme der chopinschen Klangwelten so wichtige Rubatospiel konsequenter umsetzbar. Zudem, so Michna im Booklet, machten die Solofassungen noch bewusster, wie gross die Liebe des jungen Chopin zur polnischen Volksmusik gewesen sei, und wie sehr die polnischen Tänze Kujawiak, Krakowiak und Polonez sein damaliges Schaffen inspiriert hätten.
Hinzuzufügen wäre dem, dass der Verlust der Instrumentalfarben ja im Grunde genommen nicht wirklich schmerzt. Das Begleitensemble nimmt ohnehin eher eine stichwortgebende Komparsenrolle ein, und die Werke finden ihren Daseinsgrund nun wahrlich nicht im echten Dialog zwischen Solist und Orchester. Michna bewältigt die Aufgabe technisch und interpretatorisch souverän, klar konturiert und ohne sich von den gewonnenen Freiheiten des Alleinespielens zu Sentimentalitäten hinreissen zu lassen. In der dynamischen Spannweite scheint sie sich vom Konzertmodell mit der Rücksichtnahme auf ein imaginäres Begleitensemble allerdings nicht allzu sehr entfernen zu wollen. (wb)
Chopin: Concertos without Orchestra, Joanna Michna (Piano), Elisio ECD-1629.