20.07.2011 — Vom Bub aus ärmlichen Verhältnissen zum europaweit berühmten Klarinettenvirtuosen und Komponisten: Erstaunlich die Karriere des Bernhard Henrik Crusell. Als Sohn eines Buchbinders 1775 im schwedisch besetzten Teil Finnlands geboren, mangelte es an Geld für die Schule und trotz der erstaunlichen musikalischen Begabung an Möglichkeit zur Ausbildung. Der Regimentsklarinettist Westerberg nahm sich des achtjährigen Bernhard an, führte ihn in die Anfangsgründe des Spiels auf der Klarinette ein (einem Instrument, das sich noch in der Entwicklung befand – die moderne Klappenmechanik nach dem System Boehm verbreitete sich erst nach Crusells Tod). Ein Leutnant und ein Major waren die nächsten Förderer des jungen Bläsers, der in Militärkapellen rasch aufstieg (im Militär ist mancher exzellente, friedlich gesinnte Musiker ausgebildet worden): 17-jährig leitete er in Stockholm ein Musikkorps, wurde 1. Klarinettist in der Hofkapelle und der Harmoniemusik des Prinzregenten.
1798 ging Crusell nach Berlin, wo er bei Franz Tausch studierte, einem der Klarinettenvirtuosen seiner Zeit, 1803 setzte er seine Ausbildung fort in Paris bei François-Joseph Gossec und dem Klarinettisten Jean Xavier Lefèvre. Das Amt als Musikdirektor der beiden königlichen Leibgrenadierregimenter hatte Crusell bis zu seinem Tod 1838 inne.
Die Werke, die er für sein Instrument geschrieben hat, zeugen von Crusells virtuosem Können (ab etwa 1810 spielte er auf einer Klarinette mit 11 Klappen) wie von seiner kompositorischen Meisterschaft, seiner Gewandtheit und Sicherheit in klassisch-frühromantischen Gefilden. Eleganz und Charme, stupende Virtuosität, erfrischende Melodik, Erfindungsreichtum und Disziplin in Form und Aufbau, Sorgfalt im Detail sichern Crusells Œuvre für konzertante Klarinette nach Mozart und vor Weber unbestritten hohen Rang.
Eine Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit dem Schweden Bernhard Henrik Crusell (der sich selber als Finne verstand) hält das Album des Labels Brilliant Classics bereit: die drei Klarinettenkonzerte, komponiert 1811, 1816 und 1829, und die drei Klarinettenquartette aus den Jahren 1812, 1816 und 1823.
Die Interpreten Emma Johnson, das English Chamber Orchestra unter Gerard Schwarz in den Konzerten und Henk de Graaf mit Mitgliedern des Daniel Streichquartetts – die Quartette wirken durch die Vorherrschaft des Blasinstruments wie kammermusikalische Konzerte – stellen die Qualitäten der Partituren je nach Erfordernis der Atmosphäre in ungetrübten Glanz oder gedeckte Farben. (ws)
Bernhard Henrik Crusell: Complete Clarinet Concertos & Quartets. Konzerte op. 1, op. 5 und op. 11. Emma Johnson, Klarinette; English Chamber Orchestra, Leitung: Gerard Schwarz. Klarinettenquartette op. 2, op. 4 und op. 7. Henk de Graaf, Klarinette; Mitglieder des Daniel-Quartetts: Misha Furman, Violine, Itamar Shimon, Viola, Joanna Pachucka, Cello. (Brilliant Classics 94219; 2 CDs; 140’. Booklet engl.)