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Das Emerson String Quartet spielt Dvořák

21.06.2010 — Sie heissen Drucker und Setzer, und man könnte meinen, sie entsprängen der Welt der nach Tinte, aufgewirbeltem Staub und Maschinenöl riechenden Bücherschmieden, sind aber die beiden Geiger des legendären amerikanischen Emerson String Quartet (der Bratschist heisst Dutton, der Cellospieler Finckel). Dass sie in Zeiten des digitalen Umbruchs, in denen auch die Druckerpressen zu einer untergehenden Epoche zu gehören scheinen, ein Album mit dem Titel «Old World – New World» vorlegen, mutet da stimmig an. Gemeint ist das Spannungsfeld, in dem sich Antonín Dvořák, dem die Silberscheibe gewidmet ist, zwischen seiner böhmischen Heimat und der Arbeit in den USA befunden hat. Im Grunde genommen spricht er aber auch das Bekenntnis an, welches das Quartett in Zeiten historisch informierten Musizierens zu den Werten der Streichertradition des 20. Jahrhunderts abgibt. Die CD ist denn auch dem Kollegen David Soyer, dem Gründungscellisten des Guarneri Quartets, zugeeignet, dem sie – wie sie schreiben – in Sachen Dvořák-Interpretation viel zu verdanken hätten.

Mit dem Streichquartett Nr. 10 – der Auftraggeber Jean Becker hatte sich da explizit «etwas Slawisches» gewünscht – und dem eher Schubert und Beethoven verbundenen Folgewerk Nr. 11 des Tschechen unternehmen die vier Amerikaner Ausflüge ins Alte Europa. Mit den Nummern 13 und 14 präsentieren sie Werke, die nach Dvořáks Abstecher nach New York geschrieben worden sind. Ergänzt werden die vier Quartette nicht vom «Amerikanischen Quartett», was ja durchaus naheliegend wäre, sondern vom gleich gelabelten Quintett op. 97. für letzteres gesellt sich der Bratschist Paul Neubauer zu den Emersons. Im Quintett entfaltet das Ensemble eine Art orchestraler Glanz, der als Zentralstück das CD-Triptychon zum Ereignis werden lässt.

Ein spezielles Schmankerl rundet das Programm der 3-CD-Box ab – die auf einen frühen Liederzyklus zurückgehenden und zu Lebzeiten des Komponisten unveröffentlichten «Zypressen». Zur Erarbeitung dieser Piècen konnten die Streicher offenbar auch Einblick in eine von Dvořák selber erstellte Kopie der Originalversion für Stimme und Klavier nehmen.

Wer den eher schweren, vibratoreichen, aber hochpräzisen und rhythmisch feinnervigen Klang amerikanischer Streichquartette liebt (es gibt einige Gründe dies zu tun), der kommt hier auf seine Rechnung. «Old World – New World» kann als eine Art Manifest betrachtet werden: Es zeigt, dass die spannenden und dynamischen Entwicklungen der Wiedergabe-Praxis, die mittlerweile selbst Interpretationen von Werken der Spätromantik einer radikalen und kritischen Neubeurteilung unterziehen, moderne Tradition keineswegs einfach obsolet machen. (wb)

Emerson String Quartet: «Old World – New World», Antonín Dvorák, Streichquartette Nr.10 Es-Dur op.51, Nr.1 C-Dur op.61, Nr.13 G-Dur op.105 und Nr.14 As-Dur op.106; «Zypressen» für Streichquartett, Streichquintett Es-Dur op.97. Universal/Deutsche Grammophon, Best.-Nr. 477 8765.

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