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Der Sinfoniker Michael Haydn

19.02.2010 — An ihm hängt das Etikett «der jüngere Bruder». Da schwingen noch Attribute mit wie «schwächer», «mittelmässig begabt», ein «Kleinmeister» halt. – Einspruch!

Sesshaft war er wie sein Bruder. Fünf Jahre nach Joseph Haydn geboren, drei Jahre vor ihm gestorben, wirkte Johann Michael Haydn (1737–1806) von 1763 bis zu seinem Tod in Salzburg als «HofMusicus und Concert-Meister» am fürsterzbischöflichen Hof. Während Joseph im Dienst der Esterházy noch bescheidene Ausstrahlung zukam, wurde sein Bruder mit Kirchenmusik (er schuf über dreissig Messordinarien) weitherum bekannt, genoss als Komponist, Orgelimprovisator und Klavier- und Kompositionslehrer hohes Ansehen; er unterrichtete unter anderen Carl Maria von Weber und Anton Diabelli.

[Abschweifung 1: 1768 heiratete Michael Haydn die «Hofsingerin» Maria Magdalena Lipp. Die Hofsingerinnen waren eine Eigentümlichkeit des Salzburger Musiklebens. Erzbischof Sigismund, der Kastraten ablehnte, liess begabte Mädchen in Venedig ausbilden und sie dann in Sopran- und Altpartien in weltlichen und in geistlichen Werken auftreten. Die auch von Mozart geschätzte Hofsingerin Maria Magdalena Haydn starb verarmt 1827.]

Johann Michael Haydn war auch die führende Persönlichkeit in Salzburg als Komponist von Kammermusik und Orchesterwerken. Überliefert, aber nur in dürftigem Mass publiziert sind über 800 Kompositionen in nahezu allen Gattungen. Mozart studierte Haydns Partituren, kopierte einige und nahm etliche davon zum Vorbild – Johann Michael, offen für Experimente, liess sich durch den Jüngeren inspirieren.

[Abschweifung 2: Im Salzburger Hofkalender auf das Jahr 1775 sind unter den Mitgliedern der Hochfürstlichen Hof-Musik erwähnt Herr Leopold Mozart, Vicekapellmeister, Herr Johann Michael Hayden und Herr Wolfgang Mozart, Conzertmeister. Das Verhältnis von Leopold Mozart zum 18 Jahre jüngeren Michael Haydn blieb gespannt, während sich die beiden Konzertmeister freundschaftlich verstanden. Zum Exempel: 1783 weilte Amadé Mozart in Salzburg und verfasste für den erkrankten Haydn zwei Duette für Violine und Viola (KV 423 und 424), damit sein älterer Freund eine Bestellung des Erzbischofs termingerecht abliefern konnte.]

Zwischen 1760 und 1789 komponierte Michael Haydn 41 Sinfonien (nach anderer Quelle 44). Johannes Goritzki und die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein haben im Rahmen ihrer Einspielungen der Sinfonien bereits drei CDs mit 14 Werken vorgelegt; in einem weiteren Album sind nun 9 Sinfonien versammelt. Zusammen mit Frank Beermann hat Goritzki typische Beispiele für Haydns Entwicklung über den genannten Zeitraum ausgewählt und sie mit der transparent, zugriffig, virtuos und emotional engagiert spielenden Kammerakademie für das entdeckungsfreudige Label cpo aufgenommen.

Die Werke von klassischem Fluss und Ebenmass in Form und Ausdruck sind kunstvoll gearbeitet (Finale der Sinfonie 17; ein Höhepunkt das Fugato der Sinfonie 41), nicht überladen, beweisen einen wandlungsfähigen, neugierigen, routinefremden Geist, der nicht in jedem Takt überrascht, doch in keinem langweilt.

Michael Haydn ist ein Meister der prägnanten thematischen Erfindung, der geschmeidigen Melodik, des Konstruierens mit kleinen Motiven, nimmt ein mit origineller Instrumentation, etwa durch solistisch hervortretende Bläser (das Adagio der Sinfonie 14 ist ein Concertino für Fagott, im gleichen Werk treten zu den 2 Oboen 4 Hörner). Humor scheint bei Haydns Familientradition gewesen zu sein; Michael ist in dieser Hinsicht allerdings reservierter als Joseph.

Gleiche Sorgfalt wie der feinnervigen, dynamisch und agogisch ausgefeilten Umsetzung der Partituren ist dem Booklet (dt., engl., franz.) zugekommen, das fundierte Informationen zum Komponisten und den Sinfonien enthält. Lesend und hörend wird deutlich: Johann Michael Haydn ist ein Meister auf Augenhöhe mit den Grossen seiner Zeit und seines Fachs. (ws)

Michael Haydn: 9 Sinfonien (Nrn. 14, 17, 19, 24, 29, 33, 40, 41 und MH 25/Perger deest). 3 Märsche (P 59, 62 und 64). Deutsche Kammerakademie Neuss. Leitung: Frank Beermann, Johannes Goritzki. (Classic Production Osnabrück cpo 777 137-2; 2 CDs; 156’)

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