08.12.2008 — Auf seinen Reisen durch Frankreichs Orgellandschaft hat der Schweizer Organist Albert Bolliger in Cintegabelle Halt gemacht, einem Städtchen südlich von Toulouse. Dass die prachtvolle, 1742 eingeweihte Orgel mit ihren eleganten zwölf Türmen aus der ehemaligen Zisterzienserkirche Boulbonne hier erhalten geblieben ist, verdanken wir der Initiative eines Bäckers.
Das Instrument mit seinem gewaltigen figurengeschmückten Prospekt hatte bereits arg gelitten, die Französische Revolution jedoch überstanden und ist 1791 als eine «der komplexesten und besten» Orgeln, aber des schlechten Zustands wegen als «nicht erhaltenswert» zur Versteigerung gelangt. Niemand fand sich zur Auktion ein.
Sieben Jahre später wurde beim zweiten Anlauf geboten: Jacques Fageadet, Bäcker und Schwiegervater des ehemaligen Organisten der Abtei, ersteigerte das Instrument mit Unterstützung einiger weiterer Bürger für 615 Francs. Der Transport von Boulbonne nach Cintegabelle, der Wiederaufbau und die Instandstellung erstreckten sich über 13 Jahre; diverse Restaurierungen und Anpassungen an den Zeitgeschmack folgten. 1989 wurde die Orgel aufgrund der Originalpläne in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt.
Geschaffen hat das Instrument Christophe Moucherel. 1686 im lothringischen Toul geboren, arbeitete er als Schreiner, Drechsler, Buchstabengiesser, Architekt, Mechaniker, Cembalo- und Blasinstrumentenbauer. 1716, mit 30 Jahren, stellte er seine erste Orgel fertig. Bereits ein Dutzend Instrumente hatte er gebaut und an vielen anderen Reparaturen durchgeführt, als er den Auftrag für die monumentale Orgel der Kathedrale von Albi erhielt (sie datiert von 1736). Er verfasste die Schrift «Mémoire instructif pour faire les devis, desseins, plans, marchez et réceptions des orgues» (Selbstverlag, Rodez 1724); der im Booklet irrtümlich ihm zugeschriebene Traktat «L’Art du facteur d’orgues» von 1766 stammt von Dom Bedos.
Moucherel baute weitere Orgeln in den Kathedralen von Castres und Narbonne. Von 1761 an fehlen Nachrichten über ihn; wann der berühmte Orgelbauer starb und wo er begraben wurde, ist nicht bekannt.
Die Qualität der Register, die Vielseitigkeit ihrer Kombination und die klangliche Präsenz des Meisterwerks in Cintegabelle bringt Albert Bolliger in Kompositionen von François d’Agincourt (Pièces d’orgue de 5e ton), Louis Marchand (Suite en sol-mineur; Le 5e Livre d’orgue) und Claude-Benigne Balbastre (2e Suitte de Noëls) zu beeindruckender Wirkung. Und wie in allen Sinus-Produktionen ist auch hier dem farbig illustrierten dreisprachigen Beiheft grosse Sorgfalt gewidmet worden. (ws)
Orgues historiques de France. Vol. 4. Albert Bolliger an der Moucherel-Orgel von Cintegabelle. (Sinus 3004; 59’)
siehe auch: Historische Orgeln in Frankreich, Vol. 1 bis 3