21.09.2011 — Die Swiss Jazz School ist stolz darauf, als erste autonome Jazzschule Europas zu gelten, an der bereits gegen Ende der 1960er-Jahre ein kontinuierlicher Jazzunterricht angeboten wurde. Dass sie in ihren Gründungsjahren massgeblich vom damaligen genossenschaftlichen Coop-Freizeitwerk, einem Pendant zur Migros Klubschule, getragen wurde, weist auf eine weitere Eigenheit der Schweizer Kulturförderung hin. Die Swiss Jazz School, die heute Teil der Berner Hochschule der Künste ist, hat die Schweizer Jazzszene nachhaltig beeinflusst.
Was für eine vielfältige Ausstrahlung die Institution gehabt hat, dokumentieren zwei CD, die ein Licht auf die Arbeiten früherer Leiter der Schule werfen. Zum einen auf Joe Haider (Direktor der SJS von 1984 bis 1995), der im Rahmen der Reihe Jazz von DRS2 auf dem Migros-Kulturprozent-Label Musiques Suisses unter dem Titel «Lebenslinien» eine Art Bilanz seines bisherigen musikalischen Schaffens zieht.
Zum zweiten gesellt sich sein Nachfolger, der Saxophonist George Robert (Leiter der SJS von 1995 bis 2006), zum Berner Salonensemble I Salonisti – mit einer Reverenz an die Jazz und Klassik reflektierenden und verbindenden Pariser Kosmopoliten des 20. Jahrhunderts.
Haider hat seine musikalische Karriere als Absolvent des Richard-Strauss-Konservatoriums München – nicht gerade die erste Brutstätte angelsächsischer Street Art – begonnen, als Europäer mit ungarischen Wurzeln, bayerischer Bildung und schwäbischer Heimat hat er allerdings sehr früh dem Jazz eine zentraleuropäische Plattform geschaffen, unter anderem Ende der 1960er-Jahre als Leiter des Radio Jazz Ensemble des Bayerischen Rundfunks.
Joe Haider’s Eleven, eine Band aus Weggefährten und ehemaligen Schülern, zieht unter dem Titel «Lebenslinien» eine Art äthetische Bilanz des bisherigen Schaffens des mittlerweile 75jährigen Urgesteins. Haider kündigt an seinen Konzerten seine Musik gerne als «Schwäbische Volkslieder» an. Na ja, so ganz in diese Richtung tönt’s nicht wirklich. Eher nach gut gemachtem Post- oder Hardbop.
Mancher Jazzer hat immer mal wieder mit Joint-ventures mit kammermusikalischen Formen und Ensembles der klassischen Musik geliebäugelt. Legendär ist etwa der Seitensprung des Altsaxophonisten Charlie Parker mit Streichern (für den hartgesottene Jazzfans nur Verachtung übrig hatten). Für eine jüngere CD hat sich auch Haider mit einem Streicherensemble zusammengetan, dem Modern String Quartet. Die Silberscheibe «Mysterious» mischt «mitreissendem Modern Jazz und sinnliche Klangfarben».
Auch George Robert hat sich mit einem Klassikensemble zusammengesetzt, mit den Berner I Salonisti. «Quel temps fait-il à Paris» ist eine Reverenz ans Lebensgefühl der Seine-Metropole, mit Adaptionen von Klassikern aus den Federn von Michel Legrand, Darius Milhaud (natürlich «Le boeuf sur le toit»), Vernon Duke («April in Paris», was denn sonst), Sascha Distel oder Charles Trenet. Roberts kerniges Saxophon wird von den versierten Titanic-Streichern (zur Erinnerung: I Salonisti spielen in Emmerichs Kultfilm Titanic das Bordensemble) da klanglich tüchtig aufgeweicht.
Jazzige Expressivität weicht einer geschliffenen Oberfläche französischer Eleganz. Die Arrangements sind aber klug und unterhaltsam. Verdienstvoll ist zudem die Einspielung von Erwin Schulhoffs Suite Dansante en Jazz durch I Salonisti (Robert darf da pausieren). Überhaupt zeichnet das Album neben lustvoller Musikantik vor allem auch die ungewöhnlich originelle Programmidee aus. (wb)
Joe Haider’s Eleven (Lebenslinien), Featuring: Bert Joris, Andy Scherrer, Matthias Spillmann, Daniel Blanc, Thomi Geiger, René Mosele, Fabian Beck, Brigitte Dietrich, Raffaele Bossard, Daniel Aebi, Joe Haider. Jazz von DRS2/Musiques Suisses, MGB Jazz 5, LC 3508.
I Salonisti mit George Robert (Saxophon): Quel Temps fait-il ä Paris?, Werke von Alain Romans, Michel Warlop, Michel Legrand, George Robert, Darius Milhaud, Vernon Duke, Erwin Schulhoff, Sascha Distel und Charles Trenet, LC 12366. Die CD kann über das Sekretariat von I Salonisti (sekretariat@isalonisti.ch) bezogen oder via iTunes und andere Internetanbieter heruntergeladen werden.