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Dubugnons musikalische Tarotkarten

07.04.2009 — Die Idee ist so einleuchtend, dass man sich fragt, weshalb noch keiner darauf gekommen ist: Die Tarotkarten mit ihrem szenischen und figürlichen Mikrokosmos bieten sich förmlich an für eine Umsetzung in musikalische Bilder. Daraus eine üppige Kollektion zu machen, aus der – wie bei der Nutzung der Karten zur Grossen Weltbefragung – mehrere Sätze «gezogen» werden können, die sich dann zu Suiten zusammenstellen lassen, das ist schon ein Einfall für sich.

Von ihm leiten lassen hat sich der 1968 in Lausanne geborene, sich selber als französisch-schweizerischen Komponisten bezeichnende Richard Dubugnon. Seine vom «Tarot de Marseille» inspirierten «Arcanes symphoniques» sind über mehrere Jahre an verschiedenen Orten geschrieben worden. In Frankreich hat der Komponist dafür soeben den Grand Prix Lycéen des Compositeurs 2009 erhalten, ex aequo mit der Komponistin Sophie Lacaze, die sich ebenfalls einem symbolistischen Zyklus gewidmet hat, nämlich den vier Elementen.

Die Preisverleihung ist übrigens in typisch französischer Form als eloquente Debatte inszeniert worden. Rund 800 Studierende haben sich dazu im Haus von Maison France versammelt. Die vom Moderator Dominique Boutel geleitete Diskussion wird dieser Tage (am 9. April 2009, um genau zu sein) von Radio France in der Sendung Ado Dièse ausgestrahlt.

Dubugnon greift für seine «Arcanes» auf eine reiche Metaphorik zurück. Da die Karten durchnummeriert sind – «Le Diable» etwa trägt die Nummer XV, «Le Pendu» die XII –, hat er ihnen entsprechende rhythmische Figuren oder Skalen zugeordnet, einzelnen Sätzen liegt auch eine Farbsymbolik zugrunde, in der Bässe und Celli etwa das Rot der Karten übernehmen, oder die Klarinetten sowie das Vibraphon das Blau.

Entstanden ist so eine farbige, eher kleinräumig gegliederte und von polyphoner Dichte geprägte Tonsprache, die eine Geistesverwandschaft zur Musik Charles Koechlins zu verraten scheint (Dubugnon selber nennt als Einflüsse die Klangwelten Ravels und Prokofiews). Das erstaunt wenig, wenn man weiss, dass der Komponist als Student am Conservatoire National Superieure de Musique de Paris zunächst als Träger von Preisen für kontrapunktische Schreibweise (1er Prix en Contrepoint 1993, 2ème Prix en Fugue 1994) aufgefallen ist. Später hat er auch noch einige andere renommierte Auszeichnungen eingeheimst, 2006 etwa den Prix Hérve Dugardin der Sacem, dem französischen Gegenstück zur Schweizer Suisa.

Welschschweizer Tonschöpfer schaffen es leider selten, sich auf der andern Seite des Röstigrabens einen Namen zu schaffen (und umgekehrt). Dubgnon ist aber auch in unseren Längengraden längst kein Unbekannter mehr. Am Lucerne Festival war letztes Jahr ein Werk von ihm zu hören, und für die Geigerin Janine Jansen hat er ein weitherum gelobtes Violinkonzert geschrieben.

Auf der CD sind die Sätze der «Arcanes» ohne Rücksicht auf die Abfolge der Charaktere in der Reihenfolge ihrer Entstehung gruppiert. Die Silberscheibe ist damit eher eine akustische Dokumentation des Projektes als ein Tondokument das man sich einfach so von Anfang bis Schluss anhört. Die kompositorische und klangliche Dichte kann da nämlich durchaus zur Übersättigung führen. Zu kleineren Zyklen zusammengestellt dürften die musikalischen Karten im Konzertsaal aber sicherlich grossen Effekt erzeugen.

Eingespielt worden sind die insgesamt 18 Sätze vom Orchestre National de Montpellier Languedoc-Roussillon, einem Klangkörper, der in der (Deutsch-)schweiz wenig bekannt ist, aber auf sehr hohem Niveau agiert. Es handelt sich um Aufnahmen mehrerer Konzerte zwischen April 2004 und Oktober 2007 in der Heimatstadt des Ensembles.

Die geheimniskrämerischen Tarotkarten könnten im übrigen eine spezielle Funktion der CD inspiriert haben, handelt es sich doch um eine sogenannte «Opendisc». Schiebt man sie ins CD-Laufwerk eines Computers und öffnet man einen Internet-Browser, so erhält man exklusiv Zugang zu einer Webseite (natürlich mit viel Promomaterial für weitere Veröffentlichungen befreundeter Labels), auf der sich in der Sektion Videos ein interessantes Filmchen betrachten lässt. Darauf erläutert Dubugnon auf Französisch die Kompositionsidee am Klavier. Einige «Leitmotive» des Zyklus sind in Notenform zudem auch im Booklet zu finden. (wb)

Richard Dubugnon: Arcanes Symphoniques, Friedemann Layer, Enrique Diemecke, Alain Altinoglu (Leitung), Accord 480 1435 (Universal), Gesamtspieldauer: 77’55“.

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