19.09.2007 — Die Münchner Geigerin Renate Eggebrecht pflegt auf ihrem eigenen Label Troubadisc in unbekümmerter, schon fast anarchisch anmutender Art ein Repertoire, das etwas abseits des Gängigen angesiedelt ist. Da finden komponierende Frauen, von denen mancher noch kaum je etwas gehört haben dürfte, Unterschlupf – etwa die polnische Geigerin Grazyna Bacewicz, die Engländerinnen Elisabeth Lutyens und Elizabeth Maconchy oder die deutsche Reger-Schülerin Johanna Senfter, aber auch bekanntere Tonschöpferinnen wie Fanny Mendelssohn, Nadia Boulanger, Ethel Smyth und Germaine Tailleferre. Daneben nimmt sich die originelle Musikerin der Werke osteuropäischer Nonkonformisten an.
Zwei derartige, kantige Figuren machen ihre dritte CD mit Werken für Violine solo bemerkenswert. Zum einen ist dies der Chatschaturian-Schüler Anatol Vieru, der im stalinistisch geknechteten Rumänien im avantgardistischen Untergrund seine eigenen Konzeptionen mathematisch geprägter Strukturen entworfen hat. Im Booklet liest sich dies teilweise recht abenteuerlich. So soll Vieru «Klangschichten durch ein arithmetisches Gitter geschüttet» und «mehrschichtige Freskos in Form eines Palimpsests» generiert haben. Sein Capriccio aus dem Jahr 1997, das dank Eggebrecht erstmals den Weg auf Tonträger findet, hat mit seiner motorisch inspirierten und dennoch raffiniert verarbeiteten Motivik allerdings weniger mathematisch-filigrane Züge. Vielmehr trägt es hörbar die Handschrift des armenischen Lehrers. So oder so scheint das Kleinod eine echte Bereicherung für das Solo-Repertoire des Instrumentes.
Wesentlich kruder geht es in der Partita des russischen Tonschöpfers Wladimir Martynov zu und her. Der Komponist erklärt den Komponistenberuf schlechterdings für tot und alle, die ihn ausüben, im Zeitalter von Diskjockeys und Sound-Design zu «Witzfiguren». Dass sein 1976 entstandenes Solowerk den Verweigerungsgestus pflegt, mutet da nur konsequent an. Es ist im O-Ton des Booklets eine «rohe russische Minimal Music mit Arte povera-Appeal». In gewisser Hinsicht wird dabei allerdings Etikettenschwindel getrieben. Wohl malochen in dem martynovschen Klanguniversum Endloswiederholungen in einer simpel anmutenden Eintaktmotorik vor sich hin. Die Binnenstruktur der Linien ist dennoch von subtilem Variationsreichtum und macht das Zuhören zu einem interessanten Akt der verweigerten Fortschreitung.
Vierus und Martynovs Werken kommt die zupackende, unverblümte, ja kratzbürstige Art des Spiels Renate Eggebrechts zweifelsohne zugute. Weniger glücklich scheint da der Zugriff der Geigerin auf die gesamten Solowerke Hindemith, von denen sie einige – teils bloss Fragmente – ebenfalls als Weltersteinspielungen präsentiert, namentlich eine Studie aus dem Jahr 1916 und ein Satz und ein Fragment aus einer Sonate, die 1925 nicht fertiggestellt worden ist. Ergänzt werden die Bruchstücke von der Wiedergabe der Sonaten op. 31 Nr. 1 und 2 sowie der Sonate op.11, Nr. 6.
Sicherlich leistet Renate Eggebrecht damit einen wichtigen Beitrag zur Dokumentation des hindemithschen Oeuvres. Allerdings mutet vieles im Spiel wie eine Prima-vista-Durchsicht der Partituren an. Einiges scheint sehr pauschal hingeworfen, die Intonation weicht teils inakzeptabel von der Norm ab, so dass das Zuhören streckenweise eher zur Qual wird. Doppelt uneinsichtig bleibt da, weshalb die CD in einer hochauflösenden 96/24-Super-Audio-Version realisiert worden ist. Einer Solovioline fügt das Raumklang-Format ja kaum wesentlich neue Dimensionen hinzu. (wb)
Renate Eggebrecht (Violine): Paul Hindemith: Gesamteinspielung seiner Werke für Violine allein, Anatol Vieru: Capriccio (1997), Wladimir Martynov: Partita (1976). Troubadisc TRO-SACD 01431, Bezugsquelle: www.troubadisc.de