Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Emil Frey: Klavierwerke

22.09.2008 — «…erinnern an Brahms», «…knüpft an Fauré an», «…Bach-Imitationen…», «…weist auf Schostakowitsch voraus», «im altfranzösischen Stil geschrieben», «Reminiszenzen an Ravel…», «…wie eine späte Huldigung an Skrjabin», «…endet in Prokofjew-Manier», «…ein an Busoni anknüpfendes Werk…» – die Umschreibungen von Emil Freys Genrestücke im Booklet der CD wecken den vielleicht nicht einmal ganz von der Hand zu weisenden Verdacht, dass der Klaviermusik des 1946 verstorbenen Aargauer Komponisten und Pianisten epigonale Züge eigen sind. Das ist allerdings bloss eine Seite der Medaille. Und das Verdikt dokumentiert die eigenartige und musikgeschichtlich durchaus interessante Verbindung aus Bodenständigkeit und Weltbürgertum, die sich aus Freys Biografie ablesen lässt.

Der 1889 geborene Virtuose hat sein Handwerk in Paris bei keinen geringeren als Fauré und Widor vervollkomnet und drei Jahre in Berlin gelebt. Er war aber auch Hofpianist und Gast der rumänischen Königin Elisabeth, deren Gedichte er vertonte (der rumänische Nationalkomponist George Enescu hat ihm seine Sonate op. 24, Nr.1, ein Hauptwerk der rumänischen Klaviermusik, gewidmet). Darüberhinaus hat er am Rubinstein-Wettbewerb in St. Petersburg einen Kompositionspreis gewonnen. Überdies war er Professor am Konservatorium von Moskau (wo er mit Skrjabin zusammentraf), und er tourte durch Brasilien und Argentinien. In seinem Werkverzeichnis findet sich aber auch so Urtümliches wie ein Glarner Landsgemeindelied für Männerchor und Blasorchester und ein Schweizer Älplermarsch.

In einem Artikel für das Historische Lexikon der Schweiz bemerkt der Musikwissenschaftler Andres Briner, Frey habe sich vor allem als Komponist verstanden. Als Künstler und Pädagoge habe er weitherum Berühmtheit erlangt, sein breites Œuvre sei aber nur zu einem kleinen Teil gedruckt worden, und auch die Zahl der Aufführungen sei gering geblieben.

Letzteres mag zu seinen Lebzeiten und in den Jahrzehnten danach eben damit zu tun gehabt haben, dass sein eingängiges tonschöpferisches Wirken in einer Zeit, in der andere Zwölftöniges und Ekstatisch-Polytonales kreierten, nicht gerade an der Front des zeitgenössischen Musikschaffens zu finden war und man ihn deswegen als künstlerisch unbedeutend eingestuft haben dürfte – wie alles, was in in dieser Zeit nicht gerade dem bloss nach den «avanciertesten Techniken» gierenden Zeitgeist Genüge tat. Freys Werk selber tut man damit sicherlich unrecht, denn auch wenn in seinen Klavierstücken die kompositorischen Vorbilder zweifelssohne präsent bleiben, ist sein Tonsatz doch von hoher Erfindungskraft, musikantischem Einfallsreichtum und atmosphärischer Dichte. Heutigen Zuhörern und Pianisten haben die lebendigen und kunstvoll gesetzten Charakterstücke einiges zu bieten.

Eingespielt hat den Querschnitt durch Freys pianistisches Oeuvre im August 2007 im Stadthaus Winterthur Karl-Andreas Kolly. Er ist als Professor an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) so etwas wie ein direkter Nachfolger Freys, hat letzterer doch zwischen 1922 und seinem Tod 1946 am Zürcher Konservatorium – heute ein Teil der ZHdK – die Konzertausbildungsklasse geleitet. Der versierte Pianist Kolly hat sich auch schon für Raritäten wie die Klavierkonzerte von Glasunow, d’Albert oder Franz Schmidt stark gemacht. Sein Einsatz für Emil Frey scheint mehr als eine Laune zu sein, versteht er es doch, die erstaunliche Fülle an Farben, Texturen und melodischen Facetten, die den Klaviersätzen eigen sind, differenziert herauszuarbeiten und dabei nie ins Geschmäcklerische abzugleiten. Eine besseren Fürsprecher hätte Frey wohl kaum finden können. (wb)

Emil Frey Klavierwerke, Karl-Andreas Kolly (Klavier), Koproduktion von Musiques Suisses, Musikkollegium Winterthur und Zürcher Hochschule der Künste, MGB CD 6261, www.musiques-suisses.ch

Schreibe einen Kommentar